Ayam ist malayisch und heißt Huhn. Yum yum ist englisch und heißt lecker. Aus Malaysia kam einst das Huhn, aus England die Methode der Intensivhaltung. Die Methode ist traurig. Durch sie kann sich aber heute jeder ein Huhn im Topf leisten, und das nicht nur sonntags. Wir wollen Freilandhühner? Dann müssen wir danach fragen - und sie zahlen. Von Bert Gamerschlag

Nicht nur Schwimmer, auch Hühner beherrschen den Schmetterlingsstil, wenn auch nur mit etwas Nachhilfe: Rückgrat aufschneiden, Huhn platt drücken und mit Spießen stabilisieren. Eine hervorragende Brattechnik© Hans Hansen
Wer in Malaysia oder Indonesien nicht in der lächelnden Mondwelt der Touristen-Ghettos, sondern in einem Dorf mit ganz normalen Menschen Strandurlaub macht, hat schnell zwei richtig gute Freunde: den Muezzin und Nachbars Hahn. In schlafloser Nacht von den Kadenzen der Grillen, dem Tremolo der Frösche und dem Pizzicato der Cicaks (Eidechsen, fingerlang) zermürbt, krümmt sich der Tourist vor Sonnenaufgang im Bett, den Kopf zwischen die Knie, das Kissen über die Ohren gepresst, derweil von dünnen Wänden kaum gedämmt die schlimmen Tenöre, Hahn und Muezzin, den Gesang anheben, der eine zum Gebet, der andere zum Tagwerk rufend.
Gegen beide ist man wehrlos. Schon um fünf Uhr früh sind sie voll fit. Man kann ihnen nicht den Hals umdrehen, jedenfalls nicht ohne Konsequenzen. Essbar sind sie auch nicht - beim Muezzin verbieten es Gesetz und Geschmack, beim Hahn die Sitte. In besagten Ländern ist es auf dem Dorf nämlich noch so, dass der Hahn primär zum Fighten da ist. Für den Vogel geht es beim Hahnenkampf ums Leben, fürs Publikum um Einsätze. Ein Hahn ist einfach zu kostbar, um ihn zu essen. Sooft man auch den Hahn verwünscht und sich das Tier, um Schlaf bedacht, zum Abendessen bestellt (Ayam jantan), auf dem Teller liegen immer wieder Reis, Gemüse und Fisch, zur Abwechslung auch mal Fisch, Gemüse und Reis. Reist der Gast mit umränderten Augen schließlich ab, steht der Hahn am Straßenrand und winkt.
Wie aber alles zwei Seiten hat, so lassen sich auch an Hähnen und Muezzinen Betrachtungen anstellen. Es springt ja ins Auge, wie anders Geflügel und Menschen auf dem malaiischen Archipel aussehen: feingliedrig, zählebig, lauffreudig, munter und - nach dem Gewimmel auf den Straßen und Höfen zu schließen - fortpflanzungsfroh. Freilandwesen eben. Im Vergleich dazu zeigen europäische Exemplare von Mensch und Hahn deutliche Spuren der Intensivhaltung: Sie sind matt, dickfleischig und gelenkschwach, neurotisch und turboernährt, aus Büro- und Mastbetrieben eben. Und fortpflanzungsfroh sind sie nur noch indirekt - das Huhn im Brutkasten, der Mensch im Nachtprogramm privater Fernsehprogramme.
Der Mensch ist, was er isst, formulierte Brillat-Savarin schon vor 200 Jahren, und gewiss stehen die Erscheinungsbilder von Huhn und Mensch in Zusammenhang. Erklärte es Frankreichs guter König Hahnri IV um 1600 noch zum Ziel seiner Politik, künftig solle jeder Bauer sonntags ein Huhn im Topf haben, sind wir dank der Methoden der Intensivhaltung heute so weit, dass jeder Tag ein Sonntag ist - so preiswert sind Hühner, so wohlhabend sind wir geworden. Und schmecken tun sie uns immer noch - wenngleich ein Freilandgockel deutlich besser mundet und sich ganz anders kaut als der Artgenosse aus der Batterie. Ja, es ist weit gekommen mit dem roten Dschungelhuhn, im Ursprung aus Hinterindien, also dem malaiischen Archipel. Einmal domestiziert, hat es die Welt als Gefangener erobert, mit dem Kopf nach unten, die Füße zum Griff zusammengebunden. So wird es noch heute auf den Märkten seiner Ursprungsgegend zum Transport geschnürt und davongetragen. 4000 Jahre dauert jetzt die Beziehung zwischen Mensch und Huhn, davon sind die letzten 80 geprägt von industrieller Produktion. Angefangen hat die Intensivhaltung in England, im Zweiten Weltkrieg wurde sie in den USA perfektioniert, nach dem Krieg kam sie auch zu uns. Man kann sie verwerflich finden, aber die Nachfrage bestimmt den Verbrauch: Wenn Kinder lange genug quengeln, bekommen sie ein Handy. Anständige Handys kosten! Würden erwachsene Verbraucher für anständige Hendl Geld ausgeben und lange genug nachfragen, es gäbe auch mehr. Warum tun wir es nicht?
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Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 37/2003