
Grundstoff der Trend-Brause ist Gerste - klar, dass sie aus biologischem Anbau kommt© Sabine Bungert
Obwohl die Produktion auf vollen Touren läuft, reicht es hinten und vorne nicht. "Wir müssen den Lebensmitteleinzelhandel immer wieder um Geduld bitten", sagt Kowalsky. Er ringt um jede Flasche, die die Produktion zusätzlich ausspuckt. "Demnächst montieren wir einen weiteren Greifer ans Ende der Füllstraße." Dann beginnt er wieder laut zu rechnen: "Das sind 1000 Flaschen mehr pro Stunde. 18 Stunden am Tag füllen wir, das macht bei 220 Arbeitstagen im Jahr" Er denkt nach, seine Lippen wollen Zahlen formulieren, die das Gehirn noch nicht ausgerechnet hat. "Das ist jedenfalls eine gewaltige Zahl, die da rauskommt!"
Rewe, Edeka, Tegut, Metro, Ikea: Alle finden Bionade plötzlich toll, so toll, dass sie sogar auf die Listungsgebühren verzichten, die sonst fällig werden, wenn sie ein Produkt in ihr Sortiment aufnehmen. "Einer wollte 1,5 Millionen Euro von uns, nur damit wir im Regal stehen", sagt Kowalsky. "Dann sind wir doch gratis reingekommen." Wieder donnert ein Sattelschlepper auf den Hof, um 20 Paletten von der Wunderbrause zu schlucken. Nur zwei Stunden hält der Lagervorrat, ein kleiner Fehler genügt, und die Distributionskette bricht zusammen. "Seit zwei Jahren rasen wir mit Tempo 200 auf der Rasierklinge." Man spürt, Kowalsky ist stolz wie Bolle - aber auch, dass er Angst hat, mit dem Wachstum nicht Schritt halten zu können. In die Bruchbude investiert er keinen Cent mehr. "Ab Herbst steht auf der anderen Straßenseite eine neue Produktionshalle." Im Augenblick ist dort nur ein Parkplatz zu sehen.
Was hat den Erfolg von Bionade ausgelöst? Der Urknall ereignete sich 1998 in der Hamburger Gloria-Bar. Der Betreiber Falco Wambold hatte Bionade auf der Gastronomiemesse Internorga entdeckt und setzte den Drink, den zuvor niemand kannte, auf seine Karte. Von dort eroberte Bionade den Rest der Republik. Erst in Superzeitlupe, dann in Echtzeit, jetzt fast forward. Was ist bloß dran an dem Drink, zu dem bis vor kurzem nur wenige Außenseiter griffen? Bionade kommt ohne Farbstoffe aus, sprudelt kaum und hat wenig Zucker - nur etwa die Hälfte des sonst Üblichen. Mit ihrer ungewöhnlich fein abgestimmten Säure sorgt sie für den erfrischenden Kick am Gaumen, erst verhalten, doch beim zweiten Schluck verrät sie ihr Geheimnis und bricht so alle Softdrink-Gesetze.

Vier aus der Rhön: Kräuter, Holunder, Ingwer-Orange und Litschi (v. l.)© Sabine Bungert
Bionade gibt es in vier Geschmacksrichtungen: Holunder, Kräuter, Litschi und Ingwer-Orange. Der Durstige hat die Wahl, nicht nur zwischen vier Sorten, sondern auch zwischen gut und böse: zwischen dem klebrigen Softdrink-Imperialismus von Coke, Pepsi & Co., deren Freiheit so grenzenlos geworden ist, dass sich kaum Alternativen finden, und der kleinen unschuldigen Limonade aus der fränkischen Rhön. Sie steht für heile Welt und Erfrischung ohne Reue. Limo is coming home: So schmeckt Zuhause!
"Wir haben beschlossen, uns nicht zu verstellen", beschreibt Kowalsky das Marketingkonzept, das auf grelle Bilder verzichtet. So kommt es, dass die Brause nicht einfach Kunden hat, sondern Sympathisanten, die mehr tun, als mal eben ihren Durst zu löschen. Wer eine Flasche Bionade an die Lippen setzt, demonstriert auch eine Haltung. Bei Cola bist du Konsument, Knetmasse der Globalisierung, bei Bionade eine Persönlichkeit. Und genau diese Zielgruppe hatten die großen Getränkekonzerne nicht auf dem Schirm. Erst spät sahen sie ihn, den Meteoriten aus der Rhön, der immer größer wurde, bis zum Einschlag.
Das Armageddon der Cola-Konzerne: Bionade boomt, und nicht einmal ihre Allzweckwaffe - sehr viel Geld - kann sie aufhalten: "So, you don't want to be rich?", fragten entgeistert die Cola-Bosse aus Atlanta die Brauer aus Ostheim beim Gespräch im Berliner Hotel Adlon, als die ein großzügiges Kaufangebot einfach ablehnten. Das war im Jahr 2004, da wusste die Familie schon, was ihre Bionade wirklich wert ist. Und es geht ihr nicht nur um Geld, sondern auch um die Ehre, um Ostheim, die Rhön und Hartz IV: "Was hätten wir schon mit dem ganzen Geld machen sollen? Eine Insel kaufen?", fragt Kowalsky. Wie viel ist denn geboten worden? "Das können wir nicht verraten, aber gefühlt ist Bionade im Moment rund 100 Millionen Euro wert," sagt Sigrid Peter-Leipold beim Gespräch im Esszimmer, bevor sie die Kaninchenknochen in die Küche bringt.
Peter Kowalsky schmiedet derweil große Pläne: "Jetzt brauchen wir pro Jahr hundert Tonnen Bio-Holunderkonzentrat. Und die will ich in Zukunft von den Bauern aus der Rhön kaufen. Die ersten 20 Hektar Holunder sind bereits gepflanzt." Und dann schießt sein Traum ins Kraut: "Bald könnten die Ostheimer Bauern nur für die Bionade produzieren. Die Bio-Gerste könnte bald komplett aus der Rhön kommen, aus dem Bionade-Valley!"
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 32/2006