
Kalt, starr und struppig ruhen Jean Ladevèzes abgeerntete Rebstöcke. Bevor sie im Frühjahr austreiben, müssen sie stark beschnitten werden© Gunnar Knechtel
Ladevèze greift in einen Holzschrank, der mit staubigen Flaschen, Medaillen und Diplomen von Landwirtschaftsausstellungen bestückt ist, und schenkt einen 1986er "Ténarèze de Ladevèze" ein. "Ténarèze de Ladevèze" - wer hat davon schon mal gehört? Ein sensationeller Schluck! Danach muss man seinen Geschmacksapparat erst mal sortieren: Veilchen, ja, Kakao und Backpflaume auch, Vanille ... Nüsse, und ... ja, vielleicht noch einen Schluck ...? Und dann muss man Jean Ladevèze anschauen: Ja, dieser Armagnac hat ein Gesicht. Sein Gesicht. Jean sieht wie d’Artagnan aus, der vierte der drei Musketiere: ein gezwirbelter Bart, nackenlanges Haar, aufrechte Haltung, ein altersloser, optimistischer Blick, dazu ein weiter Mantel und Stulpenstiefel. Was Wunder, der echte d’Artagnan wurde nur 40 Kilometer südlich in dem Kaff Lupiac geboren. Die Musketiere und der gute König Henri IV., der jedem Untertan sonntags ein Huhn in den Topf versprach und der in Frankreich mit dem Edikt von Nantes vorübergehenden Religionsfrieden stiftete - viel mehr Großes hat die Historie in dieser Gegend nicht hinterlassen.
Es ist eine geruhsame Hügellandschaft mit sanft dahinrollenden Weinbergen, sumpfigen Wiesen und ursprünglichen Wäldern. Ab und zu ein verschlafenes Dorf, ein Schloss, ein verfallener Turm - und an jeder Ecke Gelegenheit, köstlich zu essen und zu trinken. Es ist ein Landstrich im Ruhestand. Weil hier keine große Geschichte passiert - nicht, dass die jemand vermisste -, werden die wenigen guten, kleinen Geschichten durch häufiges Erzählen und Wiederholen am Leben gehalten. Nirgends ist dafür besser Platz als in einer Scheune, in der zwei Alambics zwischen zwei Jahren leise vor sich hin singen, zischen und schnaufen und die Raumluft schwängern: "Wisst ihr noch", fragt der junge Winzer Dominique Andiran in die Runde, "als wir eine Woche lang gezwungen waren, das beste Fleisch der Welt zu essen?" Er spricht den harten Dialekt der Gegend am härtesten. Die vornehme nasale Finesse des Hochfranzösischen wird von ihm so rustikal ignoriert, dass es an Verachtung grenzt: Er sagt "weng blang" für Weißwein, und dass ein Armagnac gut ist, hört sich so an: "Ssette armanjacke e bong." Nun also die Schweinegeschichte: Die Rasse der "Porc Noir de Bigorre" lebt ganzjährig draußen, die Tiere fressen Haselnüsse, Kastanien und Eicheln und legen sich bei Kälte zu einer Pyramide zusammen, einem wärmenden Sauhaufen. Weil sie "das beste Fleisch der Welt" bieten, genießen sie bei Gourmets eine ans Religiöse grenzende Verehrung.
Vor ein paar Jahren hatte eine rauschige Sau ihren Zaun durchbrochen, sich einem wilden Eber hingegeben und ein Dutzend Frischlinge geboren, die lustig quiekten, aber dem Reinheitsgebot nicht entsprachen. Als die Lebensmittelaufsichtsbehörde den Frevel entdeckte und Liquidierung der Bastarde verfügte, fingen Freiwillige die zwölf Ferkel ein und opferten sich für das große Ganze. Wie im Delirium futterten sie tagelang das beste Fleisch. Jeder Gast in der Scheune betet die Geschichte rückwärts und vorwärts her, aber jeder lauscht ihr gern und immer wieder bis zum leckeren Ende. Dominique Andiran ist ein junger Biowinzer, der den naturbelassenen Anbau für so selbstverständlich hält, dass er ihn gar nicht erst auf den Etiketten vermerkt. Sein Laden und Weinkeller liegen direkt am Marktplatz von Montréal-du-Gers; die 1200-Seelen-Gemeinde steht auf der Liste der schönsten Dörfer Frankreichs. Unter den mittelalterlichen Kreuzgewölben ist einer der besten Plätze weit und breit, um Stunden über Weine zu palavern, am besten natürlich über die von Dominiques "Domaine Haut-Campagnau", und natürlich geschieht dies nie besser als zur fünften Jahreszeit, wenn auf den Weinbergen und in den Kellern die Arbeit ruht.
Gern erzählt wird in berauschten Runden die Geschichte von König Henri IV., der von seiner Geburtsstadt Pau aus die Region durchritt und auch in der Gegend von Montréal-du-Gers abends bei wechselnden Töchtern des Landes unter die Felldecke schlüpfte. So unermüdlich befruchtete der König die Furchen dieses glücklichen Landstrichs, dass sich bis heute jeder gern mit der Vermutung beschäftigt, blaues Blut in den Adern zu haben. Als der Abend sich in die letzte Kurve legt, muss Jean noch einmal die Story seiner Geburt in einem bitteren Winter vor mehr als 50 Jahren zum Besten geben. Mutter Ladevèze lag in den Wehen, mühsam hatte sich der Dorfarzt zum Gehöft gekämpft. Kaum war der Knabe auf der Welt, da stellte man fest, dass alles Wasser auf dem Hof gefroren war. Kurzentschlossen ließ der Arzt zwei Eimer Armagnac aus den Fässern von Ladevèze senior bringen, womit das Baby dann gründlich abgerieben wurde. "Da wusste ich, dass es mir auf der Erde gefallen würde", sagt Jean. Und hebt noch einmal das Glas.
Mitarbeit: Rolf Breest
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 02/2008
Tipps und Kontakt Rund 15.000 Hektar Rebfläche sind in Frankreich zur Armagnac-Herstellung zugelassen, die drei Anbaugebiete heißen Bas-Armagnac, Ténarèze und - mit abnehmender Bedeutung - Haut-Armagnac (siehe Karte in der Bilderstrecke). Montréal-du-Gers liegt im Ténarèze. Mit seinen Arkadenhäusern rund um den Markplatz gilt das Bastiden-Dorf aus dem 13. Jahrhundert als Schatzkästlein der Gascogne. Beste Landesküche gibt es bei "Bernard Daubin", Tel. + 335 62 29 44 40; die schönste Übernachtungsmöglichkeit bietet im Nachbarort Fourcès das kleine Renaissanceschloss "Château de Fourcès", Tel. + 335 62 29 49 53, www.chateau-fources.com Bezugsadresse: Armagnac von Jean Ladevèze und Weine von Dominique Andiran liefert "K&U-Die Weinhalle", Nordostpark 78, 90411 Nürnberg, Tel. 0911-52 51 53, www.dieweinhalle.de