
Samogon zu brennen, hausgemachten Wodka also, ist in Russland Volkskultur© Jewegenij Kondakow
Die Masseinheit für Wodka ist Gramm. Auch dies dank Mendelejew. 100 Gramm fasst ein "Stopka", das typische Wodkaglas. Eine spezielle Version mit nach außen gewölbtem Boden soll verhindern, dass man es abstellen kann. Es muss aber nicht auf Ex getrunken werden. Obligatorisch dagegen sind Trinksprüche. Selten nur ein kurzes "Na Sdorowje" - auf die Gesundheit. Der Russe liebt etwas mehr Pathos. Etwa so: "Wodka ist Gift, Gift ist Tod, Tod ist Schlaf, Schlaf ist Gesundheit. Wollen wir auf die Gesundheit trinken."
Von jeher gilt Wodka als Indikator für den Zustand der russischen Volksseele. Dass der Konsum derzeit rückläufig ist, sieht mancher als Zeichen ökonomischer Stabilität. "Die Russen wenden sich dem Wodka verstärkt in Zeiten der Depression zu", sagt Alexander Troizki von der Union der russischen Bierbrauer. Als der Rubel 1998 einbrach, kam eine Billigmarke mit dem Namen "Krisis" auf den Markt. Auch in der Politik spielte Wodka immer eine Rolle. Katharina die Große sagte: "Ein betrunkenes Volk ist leichter zu regieren."
Erst Lenin sah im Wodka die Droge des Kapitalismus, forderte die Diktatur der Nüchternheit und jagte die berühmteste Wodka-Dynastie aus dem Land. Smirnoff-Wodka ist deshalb heute amerikanisch. Den Krieg mit Japan, heißt es, hätten die Russen 1905 nur verloren, weil die Soldaten trunken übers Schlachtfeld torkelten. In Stalingrad wiederum soll gerade die Frontnorm - täglich 100 Gramm Wodka für jeden - für den sagenhaften Mut gesorgt haben, mit dem die Soldaten Hitlers Wehrmacht Widerstand leisteten.
Heute heißt die populärste russische Wodkamarke "Putinka", hergestellt vom Staatsbetrieb "Kristall". Das Etikett ist golden und trägt eine Krone. Putinka kam kurz vor den vergangenen Präsidentenwahlen auf den Markt. Offiziell heißt es, die Namensgebung habe nichts mit dem Amtsträger zu tun, sondern leite sich ab vom Wort "Put" - Weg. Aber natürlich denkt jeder Russe bei Putinka an Putin, mancher auch an "klein Putin". Die Flasche gibt es für 120 Rubel, etwa 3,40 Euro.
"Kristall"-Generaldirektor Alexander Romanow, jüngst mit dem Orden für "nationalen Ruhm" ausgezeichnet, empfiehlt zwei Gläser Putinka täglich: "als Prophylaxe gegen Krankheiten aller Art". Die Werbung lobt Putinka für seinen "kräftigen Charakter" und sein Aroma von "seeliger Ruhe und Sicherheit".
Andreas Albes
Mitarbeit: Jürgen Deibel
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 37/2005