Wenn "In vino veritas" auch für Bier gilt, dann wird's hart für unsere Elf: Der stern hat Biere aus allen WM-Teilnehmerländern gegeneinander ausgetrunken. Ganz bitter, danach fliegen wir nämlich im Achtelfinale gegen England raus. Vom Spielfeldrand meldet sich live unser Reporter Stephan Draf. Von Stephan Draf

Die Tester v. l.: Ulrike v. Bülow, Stephan Draf, Bert Gamerschlag, Alf Burchardt und Conrad Seidl© Christian Kerber
Die Anreise: beschwerlich. Sehr, sehr beschwerlich. Denn mal so einfach zum einschlägigen Biergroßhändler rennen, Gebrautes aus allen WM-Teilnehmerländern besorgen - nee, das funktioniert nicht, die haben von den benötigten 32 Bieren maximal zwei Drittel.
Und so begann eine Recherche, bei der stern-Redakteurin Beate Wieckhorst Botschafter anrief ("Haben Sie noch was im Kühlschrank?") und mit afrikanischen Brauereibesitzern stritt: "Was soll das heißen, Sie haben es losgeschickt? Das sagen Sie schon seit zwei Wochen." Und wenn man mal ein kompliziert zu ortendes Bier entdeckt hatte, war es noch lange nicht in Deutschland: Die erste Charge "Golden Delster" aus Iran zerplatzte schon in Dubai, die zweite wurde am Köln-Bonner Zoll festgehalten, angeblich wegen "Alkoholsteuer" - bei alkoholfreiem Bier eine originelle Begründung. Im Fall Togo führte die Spur bis in die USA. Und dort zu einem Importeur togolesischen Bieres. Allerdings hatte der "gerade" die Lizenz verloren - der letzte Kontakt in dieser Sache war mit dem Importeur-Anrufbeantworter in Florida: "Wir sind auf Safari!", tönte es da. Ganz ehrlich: Wir haben kein togolesisches Bier bekommen. Einheimische versichern aber, dass dort ohnehin jeder das Bier von der Elfenbeinküste trinke - die Marke "Flag" durfte beim Wettbewerb also in zwei Trikotfarben antreten.

Vier beinharte stern-Redakteure beim Austrinken der Begegnung Niederlande gegen Serbien. Was im Glas ist, wissen sie nicht. Später stellt sich heraus: Hier schmecken sie gerade Holland (Heineken)© Christian Kerber
Die Tester: eine Mischung aus Otto-Normal-Trinkern und einem geprüften Experten. Die Mannschaft vom stern bestand aus zwei Nordlichtern (mit einer Vorliebe für Herberes) und zwei Trinkern aus dem tiefen Westen (die mögen es etwas würziger), drei von ihnen sind massive Fußball-Fans (Altona 93, St. Pauli, Schalke 04), alle haben bereits in etlichen Ländern Bier getrunken. Jury-Vorsitzender aber war der leibhaftige "Bierpapst" Conrad Seidl selbst. Der Mann wurde zum besten deutschsprachigen Bierjournalisten gekürt, kein Bierkongress findet ohne seine Expertise statt. Der 47-Jährige stammt aus Österreich - und kam mit Lederhose, Lodenumhang und Dreispitz-Hut.
Der Spielplan: Die Biere wurden gemäß den WM-Gruppen eingeordnet, allerdings wurde in den Vorrunden-Gruppen nur einmal überkreuz gespielt, und nicht im Jeder-gegen-jeden-Modus - bei Torgleichstand gab es ein "Entscheidungstrinken".
Die Regeln: Wir haben blind verkostet. Keiner der Tester wusste zu irgendeinem Zeitpunkt, was er da trinkt - nur nach der Vorrunde wurde uns mitgeteilt, wer aus dem Turnier war (als der Name "Holland" fiel, brach Jubel aus). Das Wertungssystem war denkbar einfach: jeweils eine Stimme für die stern-Tester - und drei Stimmen für Papst Conrad.

Vor Turnierbeginn stellen sich die WM-Flaschen (plus eine Dose) zum Erinnerungsfoto in den Flutlichtschein des eigens errichteten Astra-Stadions© Hans Hansen
Die Vorrunde: Wie bei jeder WM: Zwischen Grottenkick und Jahrhundertspiel war alles dabei. Wir wollen nicht verhehlen: Es gab Biere, die wollte man schon nach dem Riechen nicht mehr trinken. Tat man es pflichtschuldigst doch, waren die Kommentare entsprechend: "Wie Wasser mit Bieraroma" (Argentinien), "alkoholfrei mit Milchzuckeranteil - und es riecht nach altem Heu" (Iran), "fischig" (Saudi-Arabien). Aber auch Favoriten waren schon zu schmecken: "Herrlich - wie früher" (Serbien), "frisch mit tollen Kräuternoten" (Schweden). Und wer hätte vermutet, dass ein Bier aus Ghana solche Reaktionen hervorrufen könnte: "Tolle Farbe", "schöne Hopfennote" oder "Da möchte ich ein ganzes Glas von trinken!"
Der Weg zum Finale: Zur deutschen Mannschaft: Mindestens zwei der stern-Tester hätten geschworen, "Beck's" herauszuschmecken. Taten sie aber nicht. Und so geschah, was beim Fußball auch passieren könnte: souveräne Vorrunde und dann Achtelfinale gegen England. Und da hatte unser Pils ("goldgelb, leichte Hopfennote") gegen das britische Ale "Old Speckled Hen" ("Alte gesprenkelte Henne") leider nichts mehr zu bestellen - so grausam kann ein Spielplan sein. Zum Trost: Die britische Henne musste nach der nächsten Runde gegen Schweden zurück in den Stall - allerdings nach einem Trinkmatch, das alle Teilnehmer als das "vorgezogene Endspiel" bezeichneten. Erstaunlich, aber schon schön: Im Halbfinale war der Mutterkontinent des geregelten Braubetriebs unter sich - Old Europe rules.

Das Finale: Müde waren wir am Ende des Turniers. Immerhin vier Stunden war verkostet und diskutiert worden, dabei mussten die Nicht-Profis feststellen, dass sie Bier erst schmecken, wenn's die Kehle runterrinnt - die eintretende Alkoholwirkung milderten die genossenen vier Liter Wasser nur leicht. Profi-Tester Seidl übrigens entsorgte die meisten Probierschlucke schnurstracks in den Spucknapf. Beim Finale freuten sich alle über zwei extrem leckere Getränke, die Entscheidung war knapp (Seidl plus stern-Tester gegen drei stern-Tester), die Freude nach der Etiketten-Enthüllung groß. Immerhin hatte ein bei allen bekanntes und geschätztes Bier gewonnen, das gute alte "Budweiser" - zudem hatten wir ein uns bislang unbekanntes Bier aus Serbien kennen und lieben gelernt. Kurz: Die Getränkefrage ist geklärt. Jetzt geht's nur noch um das Runde und das Eckige.
Mitarbeit: Iris Hellmuth, Beate Wieckhorst
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2006