Wir stellen eine Vertriebene vor: Als der Merlot seinen Platz im Bordeaux eroberte, musste die Rebsorte Carmenère aus Europa weichen. In Chile macht sie nun eine starke Solokarriere.

Der Carmenère Reserva ist ein ganz heißer Tipp© Kumicak + Namslau
Chile, Wein 1 Der Typ Kraftvoll Aus sechs Ländern und drei Kontinenten haben wir mittlerweile zwölf Liter Flüssiglektionen gepaukt - einschenken, büffeln und süffeln, so macht Erdkunde richtig Spaß. In dieser Woche ist Chile dran, ein echter Leckerbissen. Bodenschätze wie Salpeter und Kupfer lassen wir heute links liegen, auch die hinreißenden Gedichte des Literaturnobelpreisträgers Pablo Neruda überspringen wir. Dafür werden wir eine der schönsten Botschafterinnen des Landes kennenlernen, die großartige Carmenère, markanteste Rotweinsorte Chiles. Diese Señora ist wirklich ein ganz heißer Tipp!
Schließlich ist Carmenère ein eigenständiger Beitrag Chiles zur globalen Weinkultur, eine eingeborene Schönheit sozusagen mit ganz besonderer Geschichte. Sie floh im 19. Jahrhundert vor dem Emporkömmling Merlot nach Chile, als diese Rebsorte sie aus dem klassischen Bordeaux-Blend verdrängte - bis dahin wurde ein roter Bordeaux meist aus den Sorten Cabernet und eben Carmenère zusammengestellt. In ihrem Asyl an den westlichen Hängen der Anden hat sich die Einwanderin inzwischen trefflich eingelebt - sie mag sogar das extreme Klima: Heiße Tage im Wechsel mit klirrend kalten Nächten, die durch die Nähe des Pazifiks und die luftige Höhe der Anbaugebiete entstehen, geben Carmenère- Weinen Farbkraft, intensive Aromatik und eine herrlich feine Fruchtsäure. Die Vertriebene macht also in ihrer neuen Heimat eine richtig starke Solokarriere. Das haben die Franzosen nun davon!
Unsere vollblütige Reserva von Cono Sur stammt aus dem Colchagua Valley, rund 100 km südlich der Hauptstadt Santiago. In diesem mondänen Weinbaugebiet, einer Subregion der Weinbauzone Rapel, befinden sich einige der angesehensten Kellereien Chiles, darunter die Weingiganten Rothschild aus Frankreich, Torres aus Spanien und Mondavi aus Kalifornien. Das erst 1993 gegründete Weingut Cono Sur liegt mitten in dieser illustren Gegend. Und der Wein ist ein Knaller: Duftkaskaden wallen aus dem Glas, die auch noch den verwöhntesten Rotwein- Aficionado ins Staunen versetzen dürften. Der Cono Sur rollt eine große rote Kugel auf die Zunge, wo sie in unzählige geschmackliche Einzelteile zerbricht. Mit gewaltiger Kraft erobert sie die Papillen im Sturm, ehe sie mit richtig reifen, seidigen Gerbstoffen am Zäpfchen vorbeihuscht.

© stern-Infografik
Erster Wein: 1554. Kommerzieller
Weinbau seit etwa 1850
Rebfläche: 116 000 Hektar (Rang 9)
Bedeutendste Weinbauregion:
Maipo
Häufigste Rebsorten: Rot (75 %):
Cabernet Sauvignon, País, Merlot,
Carmenère. Weiß (25 %): Sauvignon Blanc,
Chardonnay, Muskateller
Exportanteil: 60 %
Der Wein
Farbe: schwarzrot
Duft: Heidelbeeren,
Schwarze Johannisbeeren,
Blüten, Zedernholz
Geschmack: Schwarzkirschen,
Bitterschokolade,
Kaffee, Haselnüsse
Herkunft:
Colchagua Valley
Trinktemperatur:
16 Grad. Dekantieren
ist sinnvoll.
Glas: Bordeauxtyp
Trinkzeitpunkt:
Jetzt bis 2010
Essen: Hauptsache,
gegrillt, gebraten oder
geschmort: Lamm,
Rind, Paprika, Zwiebeln, Knoblauch