Die Feiertage sind vorbei, das Konto ist leer, und die Hose kneift. Höchste Zeit also, wieder normal zu werden. In solcher Lage empfiehlt sich die Kartoffel. Sie ist einfach lecker, erfreulich preiswert und äußerst vielseitig zuzubereiten. In den kommenden Winterwochen werden wir sie Ihnen häufiger nahelegen. Diesmal: Ofenkartoffeln.

Ein Gratin aus Kartoffelscheiben und duftenden Steinpilzen - einfach zu kochen und zusammen mit einem grünen Salat eine ganze Mahlzeit© Hans Hansen
Kratziger Geschmack, Brennen im Hals, verknorzt gewachsen und so voller Augen, dass man sie kaum schälen kann, kurz: nicht mal den Schweinen als Fraß zuzumuten. Das waren Beurteilungen aus Deutschland, abgegeben zum Thema Kartoffeln, und zwar bis ins 19. Jahrhundert.
Dagegen reimte Matthias Claudius (1740-1815) tapfer:
Schön röthlich die Kartoffeln sind,
und weiß wie Alabaster;
sie dau'n sich lieblich und geschwind
und sind für Mann und Weib und Kind,
geschweige denn für Schwein und Rind
ein rechtes Magenpflaster!
Claudius' Kartoffellied war noch bis in die sechziger Jahre Schullektüre und vielfach auswendig zu lernen. Was hat der Dichter ("Der Mond ist aufgegangen") dafür bekommen? War er ein früher Werbetexter? (Germanisten, meldet euch!)
Bis die Kartoffel sich als Volksnahrungsmittel durchsetzte, bis sie rund, glatt und dick wurde, mild im Geschmack und wahlweise mehlig, fest kochend oder gar fast wachsig, mussten noch Generationen von Züchtern herummendeln. Um 1780 machten sie sich daran, aus etwa 40 verschiedenen Sorten etwas zu kreuzen, das wirklich genießbar war.
Davor waren Kartoffeln mehr in Zier- und Apothekergärten anzutreffen, tropische Kuriosa, die in den langen Tagen der nördlichen Hemisphäre ins Kraut schossen und allenfalls nette Blüten trugen - ja, als Blumen waren sie en vogue.
Heute verfügen wir über so viele verschiedene, gut lagerbare, früh oder spät reifende Kartoffelsorten, dass es zu jeder Jahreszeit möglich sein sollte, Gutes damit zu kochen. Da aber auch die Kartoffel längst Opfer großagrarischer Interessen geworden ist, empfiehlt es sich, beim lokalen Bio-Bauern zu kaufen, bei dem sie weder überdüngt, noch bestrahlt, noch von weither transportiert werden.
Bert Gamerschlag