. .
Lifestyle - Lebensart
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
12. Oktober 2008, 10:00 Uhr

Die Suche nach dem braunen Gold

In Deutschland sind sie ein rares Gut: Kastanien. Nicht so in Frankreich. Dort werden die vielseitigen Früchte seit eh und je professionell geerntet - nach den kulinarischen Nuggets, so zeigt unsere Geschichte, kann man auch mit über 80 Jahren schürfen. Von Stéphanie Souron

Schätze des Herbstes: Viele der Kastanien aus der Ardèche gehen nach Deutschland© Florian Jaenicke

Am schönsten ist sie, wenn ihr Kleid angekokelt ist. Dann bröckelt mit einem Knistern die schwarze Schale ab, und darunter kommt goldgelb und butterweich die geröstete Marone zum Vorschein. Zuerst schmeckt sie süß, doch schiebt man sie von einer Backe in die andere, breitet sich ein wunderbar herzhaftes Aroma aus. Viel zu schnell zerschmilzt der heiße Kern im Mund. Zurück bleiben wohlige Wärme und das Gefühl von Kindheit und Kartoffelfeuern.

Wenn die Tage kürzer werden und die Nächte kälter, kann man in Deutschland das Glück in Tüten kaufen. Auf Weihnachtsmärkten kostet das Fingerfood zwar stolze zwei Euro fürs halbe Dutzend. Doch im Gegensatz zu Würstchen, Waffeln und Glühwein enthält die Kastanie keinerlei Nahrungsmittelchemie. Ihre Kohlenhydrate, Mineralien und Vitamine sind in einer stacheligen grünen Hülle herangereift. Weil die Sommer in Deutschland zu kühl und zu nass sind für Kastanien, sind die Früchte hierzulande eine Sammler-Rarität. Die Goldstücke auf dem Weihnachtsmarkt stammen meist aus Italien, Portugal oder der Ardèche, dem französischen Paradies für Esskastanien.

Die Ardèche ist im Sommer ein beliebter Treffpunkt für Kanuten, auf halber Höhe zwischen Lyon und Avignon. Das Land ist hier so wellig, dass Entfernungen nicht in Kilometern, sondern in Kurven gemessen werden. Etwa alle 20 Kurven stößt man auf ein winziges Dörfchen mit einer Kirche, einer Bäckerei und einer Bar. Und dazwischen wachsen prächtige Kastanienbäume, so weit das Auge reicht. "So viele Früchte, wie hier runterfallen, kannst du gar nicht einsammeln", sagt Paul Dejoue.

Der Tanz beginnt

Wenn der Wind die Kastanien von den Bäumen holt, beginnt für Dejoue die schönste Zeit des Jahres. Dann marschiert der 82-jährige Landwirt in einen rosafarbenen Wollpullover verpackt jeden Morgen von seinem Hof hinunter zur alten Mühle. Am Hang stehen dort stolz und unverwüstlich die Bäume seines Großvaters. Dejoue bückt sich, und der Tanz beginnt. Mit einem Holzrechen wischt er die aufgeplatzten Stachelschalen beiseite. Die Hüllen und das trockene Laub rascheln den Hang hinunter. Unter den Blättern kommt der Familienschatz zum Vorschein: pralle, glänzende Esskastanien. Dejoues Hände fliegen über den Boden, manchmal klaubt er die Früchte einzeln auf, manchmal packt er gleich mehrere in seine Faust. Stundenlang durchkämmt er in gebückter Haltung den Hang. Zur Mittagszeit genehmigt er sich eine Stulle und ein Glas selbst gekelterten Vin Rouge. Dejoue trägt keine Handschuhe, selbst als die Sonne hinter dem Berg verschwunden ist und die Kälte aus dem Tal heraufzieht. "Du brauchst Gefühl in den Händen", sagt er. "Die Kastanien musst du spüren."

Paul Dejoue hat rote Backen und drei Brüder, die später mit ihm am riesigen Holztisch in der Küche sitzen. Draußen fällt die Dunkelheit über die Felder, die Tiere sind versorgt, und auf dem rostigen Ofen brodelt die Suppe. Acht Geschwister waren sie einst, alles Landwirte. Jetzt sind sie noch zu viert. Wie Paul stehen auch Auguste, 87, und Henri, 79, jeden Morgen um sieben Uhr auf, um Kastanien zu sammeln. André, 75, bleibt zu Hause, kümmert sich um die Tiere und kocht für die Männer- WG. "Es ist zwar nicht wie im Restaurant, aber man wird satt", sagt Paul mit einem Augenzwinkern zu André, der gerade die Kartoffelsuppe aufträgt. "Wenn du so weiterredest, hast du morgen Küchendienst", antwortet André und lacht so herzlich wie sein Bruder. Dann stellt er einen großen Korb gekochter Kastanien auf den Tisch. "Sie sind unglaublich süß in diesem Jahr", sagt er.

Die Liebe zu den Früchten haben sie von ihrem Großvater geerbt. Der war einst Seidenhändler - bis er erkannte, dass sich mit den Kastanien so viel verdienen ließ wie mit dem feinen Stoff. Fortan veredelte er nicht mehr Kleider, sondern seine Kastanienbäume. Davon profitieren die vier Brüder noch heute. Fünf Hektar Kastanienwald hat ihnen der Opa hinterlassen. Seit Jahren bessern sie damit ihre Renten auf. "Wenn wir tot sind, wird jemand anderes davon satt werden", sagt Paul.

Lange Tradition

Schon im 14. Jahrhundert sind die Menschen in der Ardèche auf den Geschmack der Kastanie gekommen. Die hügelige Landschaft haben sie mit Steinen gezähmt: Sie bauten Terrassen in den Abhang. Bis heute sehen viele Hänge aus wie überdimensionierte Treppen. Wildschweine allerdings hält das nicht auf, die Viecher gedeihen in der Ardèche fast so gut wie die Kastanien. Weil die Jäger mit dem Schießen nicht nachkommen, bleibt den Dejoues nur eins: Sie müssen beim Sammeln schneller sein als die Schweine.

Die ersten Früchte fallen Mitte September, die letzten im November, und spätestens an Weihnachten muss die Ernte gegessen sein. Denn Kastanien sind kein Trockenobst: Bei falscher Lagerung runzelt ihr Fruchtfleisch, die Haut wird blass, im schlimmsten Fall werden sie auch noch von Schimmelpilz befallen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 41/2008

  zurück
1 2
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Lyon Die Schlaraffenstadt

Hier muss jemand einen verdammt guten Draht zum Himmel haben. Denn wer in Lyon essen geht, speist wie Gott in Frankreich. Und das auch noch in allerschönster Umgebung. mehr...

Stars der Bio-Kiste Die Marone

Schnuppern, schmecken, froh werden! Esskastanien wärmen Herz und Hände und sind auch noch gesund. mehr...

Natur & Welt Der Rosskastanie kann geholfen werden

Die Miniermotte frisst schon im Frühsommer Kastanien kahl. Schweizer Wissenschaftler rücken ihr jetzt mit ihrem Gegenspieler, der Erzwespe, zuleibe. mehr...

 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft