Für den stern haben sich Deutschlands Spitzenköche zum ersten Mal in ihr privates Küchen-Reich schauen lassen. Es gab viel zu sehen: Rezept-Computer, Wasserspender, Pizzasteine, Kühlräume - aber nicht einen einzigen Gasherd. Von Stephan Draf

Johann Lafer, 48, "Stromburg", Stromberg, Hessen, ein Stern. Die Raumkapsel unter den Küchen: Lafer an seinem Küchenblock, den er rauf- und runterfahren kann. Der Fernseher verdeckt den Wandcomputer, in dem 10 000 Rezepte auf Abruf warten© Frank Bauer
Wenn Sie sehen wollen, wie sich das Gesicht eines Drei-Sterne-Kochs verzieht, als hätte man ihm Zitronen in die Mundwinkel gehängt - dann fragen Sie Christian Bau mal nach Obstschalen in der Küche. Oder, noch besser: nach Gemüse-Drahtkörben, die man von der Küchendecke baumeln lassen kann. Da wird der freundliche Herr Bau sehr schnell sehr streng: "In meiner Küche steht oder hängt nix rum: keine Ölfläschchen, keine Gewürzdöschen - schon gar keine Drahtkörbe. Die Obstschale hat meine Frau hingestellt." Für Bau ist wichtig: "Lagerfläche. Platz für alles, ohne dass ich Gläser ineinander stapeln muss oder mich im Chaos verliere." In Baus Küche fühlt man sich wie zu Hause - eben weil die Einrichtung simpel, schmucklos und damit bestens vertraut ist: Herd, Geschirrspüler, Kühlschrank sind komplett mit blass-braunem Holz verblendet, einziges Extra: eine Tiefkühltruhe. "Wenn die Kinder mal Pommes wollen." Drei-Sterne-Koch? Pommes? Bau sieht da keinen Widerspruch.
Johann Lafers Küche hat deutlich mehr Extras, deshalb ist er sich sicher: "Da werden die Leute mal wieder 'Spinner' rufen." Und werden meinen: den gigantischen Kochblock, den man in Gänze rauf- und runterfahren kann - auf dass auch seine Kinder in den Topf gucken können. Oder: die Rezept-Datenbank im Computer neben der Kochstelle. Oder: die Kamera über den Töpfen, die das mitreißende Bild kochender Kartoffeln auf den Fernseher im Esszimmer überträgt. Die Leute werden also herzlich lachen und übersehen, dass Lafer auch ganz profane Küchenprobleme gelöst hat. Wie dieses: Vom Kochfeld zur Stellfläche ist der Übergang bündig, der Topf kippelt also nicht mehr, wenn man ihn vom Kochfeld zieht. Dann hat er sich vier große Geschirrwärmschubladen geleistet - Luxus, na gut, aber ein sinnvoller. Und vor dem Kochen kann Lafers Frau Silvia in der Rezept-Datenbank nachschauen und sich das Filetieren vom Wolfsbarsch kurz noch mal per Einspielfilmchen in Erinnerung rufen. "Aufschneider, werden sie sagen", murmelt Lafer, "kenn ich schon."

Heinz Winkler, 56, "Residenz", Aschau, Bayern, drei Sterne. Beim Schneiden und Schnibbeln bevorzugt der Hausherr Stein als Unterlage© Frank Bauer
Beim Erkundungsgang durch die Privatküchen deutscher Spitzenköche kann man viel lernen. Nicht nur, dass Küchen so verschieden sind wie die Menschen, die darin kochen. Es finden sich auch konkrete Antworten. Zum Beispiel auf die Gewissensfrage aller Küchenbauer: Elektro- oder Gasherd? "Gas? Nie im Leben", antwortet Heinz Winkler, "die Flamme geht ja doch um den Topf herum und brennt den Saucenrand an." Auch die anderen schütteln die Köpfe: Gasherde seien kaum sauber zu halten, und Induktionsherden, erwärmt mit der Zauberkraft von Magnetfeldern, gehöre die Zukunft. Wichtig in der Küche? "Ein Ofen, der die Temperatur bringt, die draufsteht - und hält", sagt Sarah Wiener, von weit her nicken die Kollegen bedächtig. So viel zum sine qua non.

Sarah Wiener, 43, "Sarah Wiener" in der Akademie der Künste und im Hamburger Bahnhof und "Das Speisezimmer", alle in Berlin. Sie besitzt "zu viele Messer" - und die schönste Dunstabzugshaube der Welt© Frank Bauer
Kommen wir zum Nice-to-have: Jean-Claude Bourgueil hat seine Speisekammer zum Kühlraum umgebaut - kostet 3000 Euro, weniger, als man denkt, und spart den Kühlschrank. Johanna Maier ließ sich eine Feuerstelle wie beim Bauern einsetzen - weil ihr das morgendliche Einheizen die Ruhe für den Tag gibt. Sarah Wiener besitzt eine außerordentlich schöne Dunstabzugshaube. Und Heinz Winkler schwört auf ein Vakuum-Folienschweißgerät, "damit im Kühlschrank die Aromen nicht durcheinander purzeln".
Bei allen Köchen ist der Kühlschrank eher leer. Doch bei einer Sechs-Tage-Woche am Herd verwundert das kaum. Außerdem arbeiten sie nach der Devise: "Morgens vom Markt geholt, abends in den Topf geworfen." Ein allgemein einsichtiger Gedanke, nicht spinnert, fast bodenständig.
Sie können aber auch anders: So wie Lafer auf osmotisch gereinigtes Wasser schwört, liebt Winkler seinen "Energiewasser"-Spender: "Ist besonders sauerstoffhaltig. Rede ich aber nicht so viel drüber - die Leute denken ja sonst, man wär ein Irrer."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 19/2006