Das kulinarische Liebesleben der Deutschen gilt als so aufregend ja nicht. Mit dem Graubrot sind wir verheiratet, und mit der Bratkartoffel haben wir ein Verhältnis. Keiner allerdings übertrifft uns in der libidinösen Hingabe an den Spargel, die jetzt beginnt und erst am 24. Juni endet. Hier ein paar Ideen, sie noch anregender zu gestalten

Hoch lebe die Spargelzucht - inzwischen wird die ebenso kalorienarme wie delikate Stange selbst in violetten Tönen gezüchtet, die sich gut zum Rohverzehr eignen© Hans Hansen
Schwer zu sagen, wann sie beginnt, die Spargelzeit, die an die neuneinhalb Wochen dauert. Viele können ja schon von den März-Importen aus Griechenland nicht die Finger lassen. Ab Mitte April gibt es den ersten deutschen Spargel, und Mitte Mai ist dann die Schwemme der lokalen Stangen da.
Mit der Hingabe an die bleichen Sprossen (von griechisch: spargan) sprießen alljährlich auch wieder die Legenden. Veronika wird es ganz lenzlich, und Spargelschlingen wird potenzlich. "Spargel in der Speise genossen, bringt lustige Begier den Männern", schrieb 1563 Pietro Andrea Mattioli, Leibarzt von Kaiser Maximilian II. Auch an den Tischen des Hofes von Versailles wurde über die dicke Länge von "Asparagus officinalis" natürlich fröhlich gezotet.
Warum die Fixierung aufs Sexuelle? Weil die Menschen immer schon vermuteten, dass Dinge, die einander gleichen, auch miteinander zu tun haben müssen. Das Innere der Walnuss ähnelt dem Hirn? Also wurden Hirnkranken weiland Walnüsse verschrieben. Der Spargel sieht phallisch aus? Also fördert er die Potenz. Dass er den "Harn aromatisiert", wie es vor hundert Jahren vornehm hieß, kam als Wirkungsbeweis dazu. Alles Blödsinn natürlich, wie die Idee der Aphrodisiaka überhaupt.
Wir empfehlen ohne Hintergedanken lokalen, in unserem Falle also deutschen Spargel, weil vor Ort gestochene Stangen quietschfrisch sind und schnittstellenfeucht in die Küche kommen. Neuerdings gibt es weißen Spargel sogar maschinengeschält, aber nichts geht so sauber, gründlich und zugleich so sensibel mit der zarten Stange um wie die eigene Hand.
Sollten Sie nicht direkt beim Bauern kaufen können - die EU-Handelsklassen auf den Verpackungen (Extra, I und II) erklären nur die äußerliche Qualität: "Extra" heißt, die Stangen sind mindestens 12 mm dick, kerzengerade, mit geschlossenem Kopf, ohne holzige und hohle Stellen. Ab HK I (10 mm) sind leichte Färbungen und Krümmungen erlaubt. Mit HK II (8 mm) erwirbt man blauköpfige Korkenzieher.
Es gibt heute vermehrt bunten Spargel. Der hat dann schon Lichtblicke gehabt und per Chlorophyll Farb- und Bitterstoffe gebildet. Manche Sorte errötet gar - wie "Steiners Violetta", die man besser roh isst, weil die Farbstoffe zerkochen. Am ehesten wird Spargel aus überirdischer Ernte grün. Den dünneren, leicht bitteren Grünstangen ist jede Zubereitung recht, sie müssen nur am Fuß geschält werden. Weißer und grüner Spargel lässt sich auch kombinieren. Wir haben sogar alle drei Farben auf einen Teller gebracht. Noch bleibt genug Zeit zum probieren: Am 24. Juni ist Johannistag und nach der Tradition Schluss mit Spargel. Und mit lustig.