Das entsprechende Grünzeug gibt es inzwischen zu jeder Jahreszeit in guter Qualität. Doch es ist nichts ohne eine gute Salatsauce. Und die mischen Sie gefälligst selbst - selten ist das Experimentieren in der Küche so einfach. Von Kolja Kleeberg

Sein Vater war ein begeisterter Hobbybrutzler. Kolja Kleeberg wollte Schauspieler werden. Erst als ihn die Schulen ablehnten, lernte er Koch. Heute gehört sein Restaurant "Vau" zu den besten in Berlin. Die Lust am Verkleiden ist Kleeberg geblieben© Hans Hansen
Damit das klar ist: Sollte ich Sie erwischen,
wie Sie sich nach Lektüre
dieses Artikels im Supermarkt
eine Salatsauce in der Flasche kaufen - zeige
ich mit dem nackten Finger auf Sie: "Verräter!",
rufe ich dann. "Nichtsnutz!", schreie
ich und: "Spaßbremse!"
Im Ernst: dass man Blätterteig fix und
fertig kauft - okay. Selbst ich hätte keine
Lust, in meiner Privatküche Teiglage auf
Teiglage zu legen. Aber Salatsaucen? Abgesehen
vom Zusatzstoff-Cocktail, den man
in jeder der bunten Saucenflaschen miterwirbt
(und dessen Langzeitwirkungen
kaum erforscht sind), verpassen Sie jede
Menge Küchenspaß und die Chance, einmal
unbeschwert mit Aromen herumzuspielen.
Denn bei Salatsaucen kommt es
auf das Abschmecken an - und selten ist
das Experimentieren so unkompliziert.
Denn am Anfang steht immer eine simple
Grundformel: Drei Esslöffel Öl plus ein
Esslöffel Essig ergeben eine leicht säuerliche
Note - so und auch in dieser Menge
mögen die meisten Esser ihren Salat. Wer
ihn weniger sauer möchte, ändert das Öl-Essig-Verhältnis auf 4 : 1 oder sogar auf 5 : 1;
wem das Öl nicht in den Diätplan passt,
kann es teilweise durch Brühe ersetzen.
Erst waschen, dann aber auch trocknen Bevor Sie mit dem Experimentieren beginnen, beachten Sie bitte zwei Grundregeln. Regel eins: Salat muss erst gewaschen und dann auch getrocknet werden, sonst verwässern Sie das Ergebnis ihrer Arbeit. Trocknen funktioniert mit einer Salatschleuder für wenige Euro; wenn Sie das Geld sparen wollen, machen Sie es wie mein Vater, ein schwer fanatischer Hobbykoch: Legen Sie den Salat in ein handelsübliches Nudelsieb, schlagen Sie dieses in ein normales Küchentuch ein, und wirbeln Sie es wie eine Windmühle vor ihrem Bauch - der Salat wird trocken, das Sieb sorgt dafür, dass er nicht völlig zerquetscht wird. Und: Wenn Sie auf dem Balkon wirbeln, ist Ihnen die ungeteilte Aufmerksamkeit der Nachbarn sicher. Regel zwei: Womit auch immer der Salat gewürzt werden soll - Salz, Zucker, Honig oder Senf -, verrühren Sie diese Zutaten immer zunächst mit dem Essig. Der ist nämlich eine wässrige Lösung, und der H₂O-Anteil lässt die Ingredienzen zur Sauce verschmelzen. Also erst Säure und Zutaten vermischen, dann das Öl langsam in dünnem Strahl dazugießen - währenddessen rühren Sie wacker mit dem Schneebesen.
Nun, endlich, zum Spielen mit Aromen:
Natürlich können Sie den gesamten nicht
sauren Teil mit einem einzigen sogenannten
Trägeröl bestreiten, dann reden wir
über ein relativ geschmacksneutrales Pflanzenöl,
etwa Raps-, Sonnenblumen-, Distel- oder
Maiskeimöl. Aber es gibt Öle, deren
intensiver Geschmack richtig Wumms
in jede Sauce bringt; allerdings sind sie
zu aromatisch, um das Trägeröl komplett
zu ersetzen. Mischen Sie also: Nussöle
(Mandel, Haselnuss, Walnuss) geben eine
erdige Note (bestens zu Feldsalat, auch
zu Tomatensalat), Sesamöl sorgt für den
asiatischen
Hauch (Spitzkohlsalat funktioniert
nur damit). Kalt gepresstes Olivenöl
schmeckt immer (außer zu Kopfsalat,
da ist ein schönes Joghurtdressing besser) -
jedenfalls: Verrühren Sie kalt gepresste
Öle nie mit einem Mixstab, sie entwickeln
dann eine bittere Note.
Balsamessig braucht 13 Jahre Reifezeit
Beim sauren Teil funktioniert das Improvisieren
ähnlich: Sie können auf Essig
ganz und gar verzichten, Zitrussäfte
(Orange, Limette, Zitrone) sind hinreichend
sauer und harmonieren beispielsweise
bestens mit Olivenöl. Geben Sie
dann noch einen Schuss Apfelsaft dazu,
haben Sie schon etwas Raffiniertes geschaffen.
Weiter: Süße erzeugt man mit
Zucker (einer Prise!) oder etwas Honig,
Pflaumenmus oder Ahornsirup. Und natürlich
mit dem allgegenwärtigen Balsamessig:
Der ist übrigens in der Anschaffung
teuer, weil Sie ihn bitte bei Ihrem Feinkosthändler
und nicht unter 13 Jahren
Reifezeit kaufen. Aber Sie wollen ihn ja
auch sparsam verwenden und mit Weinessig
gemischt - überdosiert
wird seine
Süße penetrant. Senf dagegen liefert zunächst
einmal Schärfe und sorgt für eine
bessere Bindung der Sauce. Welchen nehmen?
Ach: Es gibt scharfen, mittelscharfen,
körnigen Senf, mit Kräutern
oder Früchten aromatisierten … Probieren
Sie aus, und wenn's nicht schmeckt -
selten ist das Prinzip Trial and Error so
billig wie bei einer Salatsauce.
Zuletzt: Profiköche arbeiten die Sauce
mit den Händen unter den Salat, versuchen
Sie es mal - die Schmiererei, die heruntergefallene
Salatblätter auf dem Küchenboden
anrichten, ersparen Sie sich so.
So weit zu den Saucen, die man landläufig
Vinaigrette nennt. Aber auch Mayonnaise
muss man nicht fertig kaufen. Ich
zeige Ihnen einen Trick, mit dem Sie
das Ei-Öl-Gemisch schneller hergestellt
haben, als Sie die Tube aus dem Regal genommen
haben. Das Rezept: ein ganzes
Ei auf 100 Milliliter Sonnenblumenöl.
Beides (vielleicht mit etwas Salz, Senf und
Zitronensaft) in einen schmalen hohen Becher
füllen, Pürierstab hineinstellen, einschalten
und dann langsam, aber stetig
hochziehen.
Mayonnaise in 20 Sekunden -
der Trick klappt normalerweise gleich
beim ersten Mal.
Ansonsten: Spielen Sie, würzen Sie,
probieren Sie. Jedenfalls: Kaufen Sie nie
wieder Tube. Oder Flasche. Sonst schreie
ich.
Mitarbeit: Stephan Draf; Produktion: Marlies Klosterfelde-Wentzel
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 43/2008