Alle essen irgendwas nicht. Manchmal weil sie's nicht mögen. Oder weil sie's nicht kriegen. Nur Hühnersuppe, die mögen alle. Auch, weil es das Huhn einfach überall gibt. Ein Lobgesang. Von Vera Görgen

Die Zutaten einer Hühnersuppe nach deutscher Art© Hans Hansen
Die Juden. Bei denen fangen wir an. In Berlin im "Gabriel's" wacht Koscher-Inspektor Elischa Portnoj, dass die Gesetze der mosaischen Küche eingehalten werden: Er schaut, ob der Dotter rein ist für die Matzenknödel. Er sucht zwischen den Lauchblättern nach versteckten Schnecken. Vor allem aber interessiert ihn, dass das Huhn geschächtet und damit völlig ausgeblutet ist. Jetzt köchelt es mit Zucchini, Petersilie, Lauch, Möhren, Sellerie und den Matzenknödeln, und der Duft steigt auf in Portnojs Nase. "Juden lieben Hühnersuppe", schwärmt er, "bei dem Geruch denkt man sofort an die Großmutter in Israel."
Mit dem Hang zur "Goldenen Joich" sind die Juden in interessanter Gesellschaft. "Hühnersuppe? Ist mein Leibgericht", bekannte Jassir Arafat mal. "Die esse ich jeden Tag!" Ausgerechnet das "jüdische Penizillin"! Wenn sie sich schon sonst auf nichts einigen können, eins eint Juden und Araber - die Liebe zu Hühnersuppe. Das gebrühte Huhn ist eine Art Friedenstaube. Denn man liebt es nicht nur im Nahen Osten, sondern geradezu global. Es ist wohl das einzige Weltuniversalgericht: Huhnited Nations!
Fisch gibt es nicht überall, und Gemüse
variiert regional sehr stark. Rindfleisch essen
Inder nicht, und das Schwein kommt im
Islam nicht an. Huhn aber lieben alle. Juden,
Christen oder Muslime, Afrikaner,
Amerikaner oder Asiaten: Welche Differenzen
sie auch trennen - für eine Hühnersuppe
setzen sich alle an den Tisch oder auf
den Teppich. Rudolph Giuliani bekannte
sich als New Yorks Bürgermeister zu "Hühnersuppen-
Pride". Er pries seine Stadt als
"the world capital of chicken soup". Ethnohühnersuppen
sämtlicher fünf Kontinente
finde man in den fünf Bezirken seiner
Stadt: "Das ist ein weiterer Grund", erklärte
er, "warum ich stolz bin, der Bürgermeister
dieser Stadt zu sein!" In der goldenen Suppe
schimmert stets auch der Charakter der
Regional- und Nationalküchen auf. Denn
jedes Volk, jede Region kocht ihr Hühnersüppchen
anders.
Diverse Zubereitungsweisen
Wie kein zweites offenbart dieses Gericht
in der Einheit auch die Vielfalt dieser
Erde: die Geschmäcker, die Vorlieben, die
Gewürze, die Zutaten, die Zubereitungsweisen.
Köchelt das Gemüse im "Gabriel's"
fast zwei Stunden vor sich hin, ist es in der
Küche des "Mao Thai" im Bezirk Prenzlauer
Berg ruck, zuck fertig: Es zischt kurz auf,
wenn Koch Thawee Sroivo frisch geschnittenes
Zitronengras in den Wok wirft, dem
Tomaten, Galgant-Wurzel, Champignons
und Hühnerfleisch folgen. Dazu schöpft er dann Brühe aus einem riesigen Kochtopf,
in dem acht Suppenhühner ihre Kraft
verausgaben. Das Ganze rundet er mit Chili,
Zitrone, Fischsauce und einem Schuss
Kokosmilch ab. Obendrauf streut er frisch
gehackten Koriander - fertig ist Tom Kha
Gai, die Lieblingssuppe des Landes.
Die Chinesen nennen ihre Suppe "beste Brühe" und verfeinern sie mit Ingwer, Frühlingszwiebeln und Sesamöl, mit Ginseng oder Jujube - chinesischen Datteln. An der Elfenbeinküste liebt man sie mit Erdnusscreme oder Okra, während die Türken sie mit Harissa würzen und mit Joghurt abschmecken. Ihre Soto Ayam schlürfen die Indonesier mit Kurkuma, der Garnelenpaste Terasi, halbierten hart gekochten Eiern und Kemirinüssen.
Bei der Kombination aus Knoblauch,
trockenem Weißwein und Thymian sind
wir in Frankreich und schlürfen Poule-aupot.
Daikon-Rettich, Kamaboko-Fischkuchen
und Tamari-Sauce wiederum beamen
uns nach Japan, während wir uns bei
Chicken Mulligatawny mit Curry und Joghurt
in Indien wähnen. In Mexiko bekommt
das Huhn Gesellschaft von Mais
und Jalapeños, Tomaten, Avocado und
Tortillastreifen. Und auf Jamaika, Haiti
oder Trinidad schwimmen neben scharfen
Chilis Hühnerfüße in der Suppe.
Auf allen Speisekarten der Welt
Das Haushuhn, ursprünglich aus Asien,
war schon ein Global Player, bevor das
Wort Globalisierung erfunden wurde. Nur
wie hat es das Huhn überhaupt geschafft,
zum Völkerverständiger zu werden, sich
auf alle Speisekarten der Welt zu setzen?
Wie konnte ausgerechnet dieses schwerfällig flatternde Federvieh es von allen Vögeln
am weitesten bringen - geografisch wie
auch kulinarisch? Nun, es kann überall
glücklich werden. Es gackert in Sibirien
und Alaska im Hinterhof und scharrt mit
seinen Krallen im Staub der Wüsten. Außer
in der Arktis und der Antarktis pickt es
überall auf der Erde nach Körnern. Sein
Kleid passt sich den klimatischen Bedingungen
an: Das Barthuhn trotzt der Kälte.
Statt der Kehllappen lässt es sich einen Federbart
stehen. Das Nackthalshuhn macht
selbst in den Tropen nicht schlapp, es trägt
wenig Federn und den Hals ganz frei.
Das Huhn ist problemlos in der Haltung,
vielerorts läuft es noch frei auf der
Straße herum. Es lässt sich leicht vermehren
und einfach transportieren. In Mexiko
oder Peru hängen sich die Landfrauen ihre
Hühner oft einfach nur um, wenn sie sie
auf dem Markt verkaufen wollen. Dazu ist
das Huhn sehr genügsam, man muss ihm
nur täglich ein paar Körner hinwerfen -
die es hervorragend verwertet: Für ein Kilo
Gewicht braucht eine Ente etwa 3,5 Kilo
Futter, dem Huhn reichen 1,6 Kilo. Deswegen
gackern in der Dritten Welt so viele
Hühner im Hinterhof - sie versorgen die
ganze Familie mit Eiweiß.
Auch wenn das Huhn oft das einzige
Fleisch ist, das in den Armenküchen auf
den Tisch kommt, ist die Hühnersuppe
kein Armeleutegericht. Im Gegenteil: Die
Brühe vom Huhn gilt als die feinste, und in
vielen Kulturen gibt sie die Festtagssuppe.
In der Consommée à l'ambassa-drice
krönt sich das Huhn mit schwarzem Trüffel
und Foie Gras, in der chinesischen Küche
ist Vogelnestsuppe auf Hühnerbasis
der Höhepunkt eines Luxusmahls.
Harmonie im Topf
In vielen Kulturen umweht die Hühnersuppe
eine Aura der Heilkraft. Nichts ist
fürsorglicher, als einem Kranken eine Hühnersuppe
zu kochen. Leicht bekömmlich,
richtet sie bleiche Mütter im Wochenbett
wieder auf. Auch deshalb ist das Huhn allseits
begehrt, weil sein Fleisch besonders
einfach zuzubereiten ist. Es ist genauso anpassungsfähig
wie das Haushuhn selbst.
Geschmacklich dominiert es nicht, es verfeinert,
es sorgt für Harmonie im Topf.
Das Brustfleisch, zart und mild wie Kalb,
ist weniger aromatisch als das von der Ente,
aber wer es intensiver mag, der greift dann
halt zur Keule.
So erzählt die Eroberungsgeschichte des
Huhns auch vom Erfolg friedlicher Koexistenz.
Die Geschmäcker dieser Welt mögen
verschieden sein, das Huhn aber verträgt
sich mit allen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 11/2009