Rot. Grün. Gelb. Fast schwarz. Beerenklein. Faustgroß. Für Salate, für Saucen, zum Reinbeißen - die Tomaten sind wieder da. Und zwar nicht die wassergefüllte Einheitsfrucht, sondern Hunderte neuer, alter Sorten. Von Susanne Balthasar

Die Vielfalt des Goldapfels: Weltweit existieren um die 15.000 Sorten - viele wachsen in Privatgärten© Monika Bender
Ach, Tomaten, werden Sie denken. Jetzt kommen wieder die Kamellen von den ollen Kugeln. Diesen EU-genormten Plastikdingern, den geschmacksfreien Kunstsubstrat-Mutanten, den lausigen. Und Otto Normaleinkäufer bekommt einen drauf, weil er überhaupt noch Tomaten kauft. Stimmt: Genau damit kommen wir jetzt.
Die Szene: ein Tomatenfeld im österreichischen Frauenkirchen kurz vor der ungarischen Grenze. In der Sommerhitze: eine Schar Supermarkttomatenkäufer mit betretenen Gesichtern. In der Hauptrolle: Erich Stekovics, mit einer aufgeschnittenen Tomate in der einen und einem Messer in der anderen Hand. "Der Konsument ist schuld, dass die Paradeiser nicht mehr schmecken", donnert Stekovics, der trotz seiner 42 Jahre aussieht wie ein Posaunenengel mit rotbackigem Bubengesicht. Die Supermarkttomatenkäufer genießen ihre Geißelung, denn sie hoffen: Stekovics wird ihnen die guten Tomaten zurückbringen, die alten. Die nach Kindheit und Omas Garten schmecken, von der Erde genährt und der Sonne gewürzt. Auf der Suche nach den verlorenen Geschmäckern pilgern jedes Jahr 3000 Menschen aus Österreich, Deutschland, Taiwan oder auch mal Kanada auf den Tomatenhof Stekovics.
Hier wachsen mehr als 3000 verschiedene Sorten - so viele hat niemand sonst in Europa. Stekovics schätzt, dass es 15.000 Sorten weltweit gibt, die meisten allerdings gut versteckt in Privatgärten. Noch 15.000 Sorten - ein Klacks gegen die 36.000 Sorten, die es vor 150 Jahren gab.
In Stekovics' Tomatenfeld versteckt sich die Fülle. Jede Menge krautiges Grün am Boden, hier und da mal ein gelber oder roter Punkt - Tomatenpflanzen liegen flach, wenn sie nicht an Stöcken kultiviert werden. Dann klappt Erich Stekovics das Buschige zurück wie den Deckel einer Schatztruhe, und drunter ist alles bunt: rote, grüne, gelbe, weiße, pinkfarbene und schwarze Früchte. Buckelige, rissige, schrumpelige, behaarte. Beerenkleine, faustgroße, längliche, eirige. Tomaten für Salate, für Saucen und zum Reinbeißen. Die häufigste Laienfrage bei der Ackertour: Ist das jetzt auch eine Tomate? Das sieht nämlich aus wie eine Aubergine, Paprika, Weintraube, Johannisbeere oder Mirabelle. Ja, ist aber eine Tomate. Mit schillernden Namen wie Schwarzer Prinz und Citrönchen, Sibirische Frühreife und Tigerette. Oder die Russische Reisetomate, die Zehen hat wie eine Knoblauchknolle. Welche man abbrechen kann, ohne dass es sifft, weswegen sie in Russland traditionell als Reiseproviant eingepackt wurde. So unglaubliche Tomaten, dass Erich Stekovics den Acker zum Event mit Eintritt macht: "80 Prozent der Besucher kommen, weil sie es nicht fassen können."
Es sei denn, die Gemüsetouristen sind alt. Früher sahen Tomaten nämlich alle so aus: keine wie die andere. Bevor das oberste Zuchtziel Transport- und Lagerfähigkeit hieß, weil das globalisierte Gemüse Tage im Lkw verbringt. Nur sechs Prozent der rund zehn Kilo Frischtomaten, die jeder Deutsche im Jahr verzehrt, werden im Inland angebaut, die meisten kommen aus Südeuropa. Leider ist zwischen Glaswolle und Plastikfolie der Geschmack auf der Strecke geblieben. Trotzdem: Unter diesen Umständen ist die Industrietomate die Beste. Sie ist schnittfest, matscht nicht, ist an Ostern und Weihnachten frisch und mit bis zu 65 Kilo pro Pflanze enorm ertragreich. Bei Stekovics dagegen: Längerer Transport geht gar nicht, die Dünnhäuter würden unterwegs platzen. Der Paradeiser-Kaiser verkauft seine Ernte auf dem Hof oder per Post als Eingemachtes. Tomatensugo, -chutney, -schnaps - köstlich! Der Vorteil beim Einmachen: Während die Tomatensaison nur von Ende Juli bis Ende September geht, verkauft sich Eingemachtes das ganze Jahr.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 29/2008