Die Fußballweltmeisterschaft ist vorbei, die Innenminister atmen auf: nix passiert. Durchatmen auch bei den Hotels, in denen die Kicker wohnten. Denn die Zeit der Sonderwünsche ist ebenso vorbei. Eine Nachlese. Von Alf Burchardt

Die Welt zu Gast bei Tellerfreunden, v. l.: das honigsüße Baklawa der Saudis, englisches Toastbrot mit Baked Beans von "Heinz", unten geräucherte Schweinsohren mit zweierlei Bohnen, Chili, Knoblauch und Zwiebeln© Hans Hansen
Ring!!! Notanruf. Ringring!!! Anfang Juni erreicht den Küchenchef des Ritz Carlton in London ein "urgent call" aus Germany. Am Apparat Christian Scharrer, der verzweifelte Kollege vom Hotel Bühlerhöhe über Baden-Baden. Scharrer hält einen Michelin-Stern, ist Chef einer schlagkräftigen Küchenbrigade, kaum eine Zubereitung ist ihm fremd. Jetzt aber hat er die englische Nationalmannschaft zu bekochen - und die hat sonderbare Wünsche. "Bitte", bedrängt er den Londoner Kollegen, "was ist denn ein English muffin?"
Vier volle Wochen war die Welt zu Gast bei Freunden. 31 Fußballmannschaften logierten in 31 deutschen Hotels. Das heißt beim Auschecken 31 dicke Rechnungen, was den Hotelier sehr erfreut. Das heißt aber auch 31 Möglichkeiten, die Extrawurst neu zu erfinden. Und das tagtäglich, wochenlang.
Gäste wie die Angolaner, die die Hotelzimmer des Celler Tor zwischen zwei Spielen entschlossen mit Lkw-Reifen zu füllen wissen (bei Ebay ersteigert, zur Aufrüstung des Fuhrparks daheim), können auch kulinarisch unorthodoxe Wünsche äußern.
Freunde wie die Saudis, die nach ihren Niederlagen so ausschweifend shoppen gingen, dass das Hotelpersonal 3,5 Müllcontainer allein mit Verpackungsmaterial entsorgen durfte, können sich auch bei Speisewünschen unersättlich zeigen.

Bitte nicht immer Seeteufel! Serbische Spieler haben sich fette Karpfen geangelt, die sie am Abend auf dem Teller sehen wollen© Hans Hansen
Selbst kulturell etwas näher Verwandte wie unsere englischen Vettern verblüfften ihre Gastgeber, etwa als sie den ehrwürdigen Adenauersaal der Bühlerhöhe in eine Spielerhöhle mit 40 infernalischen Egoshootern und virtuellen Sportspielen umgestaltet wünschten - für eine Freizeitgestaltung, wie Albions Boys sie eben aus ihren Seebädern kennen. Klar, dass die Spieler genauso beim Essen nur das wollten, was sie auch daheim goutieren.
Das darf nicht wundern. Michael Schumacher betankt seinen Ferrari in Suzuka ja auch nicht mit japanischem Benzin, nur weil er gerade in Japan ein Rennen fährt. Und für Fußballer ist es nun mal wichtig, dass ihre Körper wie geschmiert laufen - was sie am besten tun mit dem Treibstoff, den sie kennen. Auf Abenteuer der Zunge kommt es bei einer Weltmeisterschaft nicht an. Trotzdem hatten die Erkundungsteams, die die 31 qualifizierten nationalen Fußballverbände vorab nach Deutschland schickten, in jeder Hinsicht wert auf hochqualitative Spielerunterkünfte gelegt - auch das Essen betreffend. Konsequenz: Nicht die Spieler erlebten kulinarische Abenteuer, sondern die deutschen Köche. Die hatten sich eben umzustellen.
Mein armer Schmorbraten! Markus Graun, Koch in Schlosshotel Bensberg bei Köln, musste hilflos zusehen, wie die Spieler Südkoreas die deutsche Paradespeise unversucht kalt werden ließen. Asiaten kennen die Zubereitung von Fleisch in großen Klumpen nicht und fürchten sich davor. Geschickt umdribbelten die Südkoreaner das geschmorte Grauen am Büfett und griffen zu den ihnen vertrauten Bulgogi, geschnetzeltem Fleisch.

Mexikos Koch Israel Fajardo mit zwei Händen jener 50 Kilo Chilischoten, die er im Gepäck führte© Swen Pförtner
Da waren die Tschechen zutraulicher. Das Personal des Lindner-Hotels in Westerburg hätte sie gern noch bis zum Endspiel dabehalten und sie nicht so früh ausscheiden sehen: "Wir trauern noch ein Weilchen", sagt Sprecherin Claudia Keck. So nette, so pflegeleichte Gäste! Sie aßen, was man ihnen vorsetzte - mit Ausnahme sämtlicher Teigwaren. Deutsches Mehl taugt dafür nicht, lernten die Gastgeber. Die Tschechen holten ihr "Hrubá Mouka" aus dem Koffer, ein gröber ausgemahlenes Mehl, aus dem ein eigens mitgebrachter Mehlspeisenkoch zwar keine Serviettenknödel machte (die Tage waren zu heiß für Knödel!), dafür jede Menge Nachspeisen wie Powidlbuchteln (pflaumenmusgefüllte Hefeklöße) und Kolatschen (Kuchen mit Quark- und Mohnfüllung).
Natürlich sahen die mitgereisten Ernährungsberater aller Teams zu, dass in erster Linie Vernunft vorherrschte und die leckeren Extrawürste nicht zu groß wurden. Vom Wachtelhof in Rotenburg an der Wümme, wo Trinidad und Tobago wohnte, bis zur Sporthochschule Oberhaching, wo Paraguay logierte, herrschte das Diktat der Ernährungsberater, und die verordneten jede Menge Kohlenhydrate, und damit Pasta! Nudeln in allen Variationen. Mit Fisch. Mit Fleisch. Dazu Salate, am Ende Obst.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 29/2006