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27. März 2008, 16:20 Uhr

"Dauerständer, aber keine Lust auf Sex"

Viagra gilt unter Schwulen als beliebter Lustverlängerer. Stefan Mielchen, Chefredakteur des Schwulenmagazins "hinnerk", sprach für stern.de mit gelegentlichen und regelmäßigen Konsumenten und erklärt, warum Mann im Darkroom Viagra braucht und welche Probleme das Potenzmittel mit sich bringt.

Viagra erfreut sich auch bei schwulen Männern großer Beliebtheit, gerade außerhalb des heimischen Schlafzimmers© Colourbox

Eine Altbauwohnung in Hamburg. Fünf Zimmer, Stuck, Kamin: gediegene Atmosphäre. Nach und nach trudeln mehr als zwei Dutzend Männer ein. Punkt 20 Uhr zieht der Gastgeber, ein Architekt um die 40, die Vorhänge zu. "Das war das Startsignal" erinnert sich Ralph, der über ein schwules Kontaktportal im Internet die Einladung erhielt. Der 37-jährige Grafiker besuchte eine private Sexparty, zum ersten Mal in seinem Leben: "Ich war natürlich total nervös!"

Um für alle Eventualitäten gerüstet zu sein, besorgte sich Ralph ein Hilfsmittel: "Ein Freund gab mir Kamagra, irgendetwas Indisches, das man eine halbe Stunde vor dem Sex nehmen soll." Der Name steht für die Mischung aus Kamasutra und Viagra. Ralphs bestes Stück blieb trotzdem schlapp: "Passiert ist eigentlich gar nichts. Mir wurde nur furchtbar heiß im Schritt." Ralph wechselte von der Orgie in die Küche. Frikadellen und Bier statt multipler Orgasmen - so hatte er sich das Kamagra-Märchen aus 1001 Nacht nicht vorgestellt. "Diese Mittel funktionieren nur, wenn auch im Kopf alles klar ist", glaubt Ralph. "In dem Männerhaufen tauchte plötzlich ein ehemaliger Arbeitskollege neben mir auf der Matratze auf - da hätten auch zehn Pillen nicht geholfen."

Brauchen tut's keiner, probieren fast alle

Seit der Pharmakonzern Pfizer vor zehn Jahren das Potenzmittel Viagra auf den Markt brachte, erfreut sich die blaue Wunderpille auch bei schwulen Männern großer Beliebtheit. Gerade außerhalb des heimischen Schlafzimmers, auf Sexpartys, in Saunen oder Darkrooms, kommt das Medikament zum Einsatz: nicht aus medizinischer Notwendigkeit, sondern als Lustverlängerer, um häufiger kommen zu können.

Mit Cialis und Levitra haben weitere Nachahmerprodukte den Markt erobert, um für dauerhafte Standfestigkeit zu sorgen. Die Pillen haben außer der Wirkweise vor allem eines gemein: Kaum ein Mann gibt zu, dass er sie braucht. Auch Schwule, die im Gegensatz zu ihren heterosexuellen Geschlechtsgenossen meist sehr offen über ihr Sexleben plaudern, wollen nicht als Schlappschwanz gelten. "Aus purer Neugierde habe ich Viagra auch schon ausprobiert. Ich wollte wissen, wie es ist. Bei mir hat es aber nicht wirklich angeschlagen", gab etwa St.-Pauli-Präsident Corny Littman unlängst in einem "Spiegel"-Interview zu. Ein typisches Statement. Enttäuscht sei er nicht, eher beruhigt: "Ich weiß ja, dass es bei mir noch sehr gut ohne Hilfsmittel geht."

Blaues Wunder unter der Gürtellinie

Diese Art der Selbstbestätigung ist Männern wichtig, da sind Homos und Heteros gleich. "Natürlich habe ich Viagra schon probiert", gibt auch Michael unumwunden zu. Der 46-Jährige veranstaltet im Hamburger Szenestadtteil St. Georg kommerzielle Sexpartys für Schwule. Michael ist auch abseits des geschäftlichen Verkehrs äußerst umtriebig. Doch glaubt man dem Partyveranstalter, hat sich Viagra auch bei ihm als die beste Pille ohne Wirkung gezeigt: "Ich brauche das nicht, bei mir hilft das nicht." Dennoch ist Michael sicher, dass viele seiner Gäste das Potenzmittel einwerfen, bevor sie sich dem nackten Treiben in dem Lokal hingeben, das mehr an einen mittelalterlichen Folterkeller erinnert als einen Ort gefühlvoller Lust. "Die rennen bei mir ja alle nackt rum. Ich kenne also jedes Detail meiner Gäste. Da kann mir keiner erzählen, dass jemand ohne Hilfsmittel schon dreimal gekommen ist, aber immer noch eine riesige Erektion hat."

Also doch das blaue Wunder unter der Gürtellinie? Jürgen, Ende 30 und Bankkaufmann, machte die Probe aufs Exempel in einer Sauna. Zunächst regte sich nicht mehr als gewöhnlich: "Der junge Mann, der sich im Dampfbad an mir zu schaffen machte, hätte auch ohne Viagra problemlos eine Erektion verursacht", berichtet er. "Allerdings nahm er mich danach mit in eine Kabine. Und siehe da: Es ging noch ein zweites Mal. Normalerweise ist bei mir nach einem Mal alles schlapp." Doch auch Stunden später, Jürgen lag längst im heimischen Bett, präsentierte sich sein bestes Stück noch willig und bereit. "Man kann sich gar nicht vorstellen, wie lästig das ist - du bist todmüde, aber dein kleiner Freund will immer noch." Bei seinem nächsten Besuch erlebte er die Wirkung der Potenzpille dann aus der Zuschauerperspektive: "Da lief ein Typ rum, der alle fünf Minuten in die Trockensauna rannte und dort jedem seinen Dauerständer präsentierte, ob es dich nun interessierte oder nicht", erinnert er sich. "Ich dachte nur: Viagra-Schlampe."

Ganz andere Erfahrungen machte Andreas (43) mit seinem Freund im Türkeiurlaub: "Wir bringen von dort immer Medikamente mit, weil sie viel billiger sind als in Deutschland", erzählt der Reiseverkehrskaufmann. Auf Männer ohne Stehvermögen scheint man im Badeort Antalya bestens vorbereitet zu sein: "Als wir eine Apotheke betraten, strahlte uns die Verkäuferin mit großen Augen an und fragte sofort: 'Viagra?' Dabei sollten wir nur einer Freundin die Pille mitbringen."

"Viagra kauft man nicht in der Apotheke", hält dem Stephan Niederwieser die gängige Praxis entgegen. Im Internet gebe es die Pillen schließlich weitaus günstiger, sagt der Psychotherapeut und Autor schwuler Sexratgeber: "Eine Cialis ist da schon für 20 Euro zu haben." Der Online-Handel mit den Potenzmitteln blüht, kein Tag vergeht, an dem sich zwischen den zahllosen Möglichkeiten zur Penisverlängerung nicht auch die neuesten Viagra-Sonderangebote im Email-Briefkasten finden. Niederwieser jedoch relativiert das potenzielle Glück und warnt vor unbedachtem Genuss: "Noch weiß kein Mensch, ob einem nach Jahren regelmäßiger Einnahme nicht der Schwanz abfällt. Das mag einen 60-Jährigen sehr viel weniger interessieren als jemanden, der schon mit 25 damit anfängt", so der Therapeut. "Was allerdings ganz doof ist: Die meisten haben nach dem ersten Orgasmus zwar immer noch einen Ständer, aber keine Lust mehr auf Sex."

Über den Autor

Über den Autor Stefan Mielchen (42) lebt, lästert und arbeitet in Hamburg. Der Journalist ist Chefredakteur des Schwulenmagazins "hinnerk"

Stefan Mielchen
 
 
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