
"Um mich herum sind viele "Assholes." " Britney Spears 1999 im Gespräch mit stern-Autor Jochen Siemens© Volker Hinz
Und Britneys Jahre waren unwiederbringlich weg. Mutter Lynne und die Plattenindustrie formten aus dem Mädchen einen Pop-Roboter in nie dagewesener Perfektion. Und sie konnte sich nicht wehren, denn da war dieses nagende Gefühl, ihren Eltern, ihrer Familie etwas zu schulden - und sich dafür sogar enteignen lassen zu müssen. Was muss ein Mädchen denken, dem die Mutter sagt: Wir lassen mal deinen Busen vergrößern, und dem Marketingleute gleichzeitig sagen: "Erzähl allen, dass du noch Jungfrau bist." Vielleicht war sie es sogar, vielleicht auch nicht, aber was geht das die Welt an? Ich habe Britney Spears mehrmals getroffen, zu Interviews und diesem ganzen PR-Gedöns. Das erste Mal 1999 in London, da saß vor mir ein noch 1,58 Meter kleines Mädchen mit Akne im Gesicht vom vielen Make-up und geplatzten Äderchen in den flackernden Augen. Wir saßen lange zusammen, und irgendwann waren die PR-Tonbänder "ich bin noch Jungfrau" und "ich genieße das Leben" und so weiter, die sie mit dünner Stimme abspulte, leer, und ganz kurz nur kam eine andere, eine echtere Britney durch. Sie flüsterte Sätze mit "Fuck" und "Shit", sie sagte, dass es viele "Assholes" um sie herum gebe, und vielleicht hätte sie noch mehr erzählt, wenn nicht eine Freundin ihrer Mutter und kleiderschrankgroße Bodyguards sie zum Flughafen getrieben hätten.
Zwei Jahre später sahen wir uns wieder in Paris, da war Britney schon nur noch Produkt, sie sprach nur noch Tonband und hatte, es war Frühjahr, absurd unpassend fast nur einen Bikini an. Später schrieb einmal eine Zeitung, dass man weiß, wie lang 15 Minuten sein können, wenn man sich mit Britney Spears unterhält. Bis heute hat Britney Spears 76 Millionen Platten verkauft, sie hatte mehrere Nummer-eins-Hits, sie spielte in einem Hollywood-Film, "Crossroads", und sie war jahrelang der Name mit den meisten Google-Treffern im Internet. Und doch ist sie musikalisch überschätzt. Viele ihrer Songs, wie "Toxic" oder "Boys", sind seelenlose Versuche, irgendwie in die Nähe des schwarzen HipHop zu kommen, technisch überproduziert und mit fast pornografischen Videos in den Markt gedrückt. Genauso kühl und mechanisch blieben auch ihre Live-Auftritte, bei denen sie oft Playback sang und viel Dampf mit Tänzern und Bühnenshow machte. Besser, ehrlicher und dicht am Gemüt ihrer Zielgruppe Mädchen war sie mit Songs, die zynischerweise wie Hilferufe ihrer selbst klangen, "I’m Not A Girl, Not Yet A Woman" etwa oder die bittere Wahrheit "I’m Born to Make You Happy", ich bin geboren, um euch glücklich zu machen. Und die Mutter reich. Denn Lynne Spears ließ sich ihr Investment gut bezahlen. Britney kaufte den Eltern ein neues Haus in Kentwood. Als die Ehe der Spears in die Brüche ging, machte Mutter Spears sich auf den Weg, auch Britneys kleine Schwester Jamie Lynn zu verk..., zu vermarkten.

Mit ihrer Mutter bei den Grammy Awards 2000© Retna/inter topics
Und so begann 2002 der Absturz. Es war nicht viel passiert, Britney Spears hatte nach dem Ende ihrer Liebelei mit Justin Timberlake einfach die Leibeigenschaft gekündigt. Und sie versuchte, im Schnellgang all das nachzuholen, was ihr an Leben vorher verboten war. Jeder Haftentlassene macht das. Anfangs entschuldigte sich Britney noch auf ihrer Homepage bei ihren Fans für fragwürdige Partyfotos und Gelagegerüchte, "ich will wie jedes Mädchen auch mal feiern". Aber was konnte sie anders tun, als durch ein bisher nicht gelebtes Leben zu torkeln? Sie nahm sich den erstbesten Mann, einen ihrer Ex-Tänzer, Kevin Federline, und bekam zwei Kinder. Die Scheidung ließ nicht lange auf sich warten. Der noch laufende Prozess um das Sorgerecht für die Kinder ist auch schon wieder Futter für die "Bad Britney Show" in den Medien. Viele Karrieren enden so oder ähnlich, manche Ex-Prominente schaffen den Absprung, leben in vielleicht kleinkarierter Normalität. Wenn man sie lässt. Britney ließ man nicht, eine zynische Öffentlichkeit wollte auch Britney Part 2, den freien Fall eines Sternchens. Kein anderer Prominenter wird in Los Angeles so gejagt wie die Spears.
Ihre Fahrtrouten, ihre Häuser, die Läden, in denen sie einkauft, sind 24 Stunden von Herden lauter Paparazzi bewacht, sie braucht nur den kleinen Finger aus der Tür zu stecken und hört schon das Knattern von Hubschraubern. der Kampf um die Bilder wird kriegerisch ausgetragen, Fotografen schlagen auf ihr Auto, es wird gerempelt und gehauen, weil jedes noch so unscharfe Brit-Bild weltweit verkauft wird. Die Scheiter-Show ist so einträglich, dass sich sogar der zum Klingelton- und Kuppelshow-Sender verfallene Kanal MTV nicht scheute, Spears als Showopener einzuladen - in der unausgesprochenen Hoffnung, dass es schön danebengehen würde. An Britney "wird die Verachtung deutlich, die unsere Kultur für Frauen ihres Schlages empfindet", schrieb die US-Autorin Rebecca Traister. "Wenn sie jung sind, werden sie gehätschelt und hochgesext, nur um sie wenig später runterzumachen." Beinahe einsam und verlassen wirkt die Spears-Homepage, früher eine von Teenagern dauergeklickte Britney-Nachrichten- Zentrale. "You’ll never see it my way. Because you’re not me" hat sie da hinterlassen. Anders gesagt, keiner versteht mich. Und in ihrem ersten großen Hit "Baby One More Time" hieß es schon vorausahnend "My loneliness is killing me". Hoffentlich nicht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 40/2007