
Jimi Blue (l) und Wilson Gonzales Ochsenknecht scherzen bei der Premiere ihres Films "Die Wilden Kerle 4" im Mathäserfilmpalast in München© Ursula Düren/dpa
Was der Vater schon damals vergebens versuchte, probieren nun auch die Söhne aus: Popstar werden. Dabei hat nie zuvor jemand unentschlossener versucht, Justin Timberlake zu imitieren als Jimi Blue. Drei antrainierte coole Gesten reichen nicht, um zu verdecken: Der Junge ist alles, aber kein Sänger. Für die Plattenfirma trotzdem ein lohnendes Geschäft: "Mission Blue" verkaufte sich bisher mehr als 100.000-mal. Längst bewirbt das Label eine eigene Jimi- Blue-Kreditkarte, mit der schon Zwölfjährige zu sorglosem Konsum animiert werden: "Endlich kannst auch Du bargeldlos im Internet bezahlen!", heißt es auf Jimi Blues Homepage.
Wer mit einer schlechten Timberlake- Kopie nichts anfangen kann, darf selbstverständlich eine Alternative kaufen: Auch Wilson Gonzales singt. Er rockt sogar. Und bemüht sich ebenso redlich wie sein Bruder, eigene Pfade auf dem beschwerlichen Weg vom Kinderstar zum Mann zu beschreiten. "Ich bin in Frauensachen in gewisser Weise ein Allrounder", ließ der 18-Jährige in einem Interview wissen und fügte über seine Familie hinzu: "Wir sind alles, aber nicht normal!" Niemandem ist es peinlich, dass die Ochsenknechts so penetrant auch dem letzten Erdenbürger beweisen wollen, wie rebellisch, wie wild, wie unangepasst man im noblen München-Grünwald lebt.
Das Konzept geht, wenn schon nicht schauspielerisch oder musikalisch, so doch zumindest marketingtechnisch auf: Die Ochsenknechts saßen bei "Wetten, dass..?" auf dem Sofa und durften mannhaft in ein Becken mit eiskaltem Wasser springen. Oder wurden bei "Johannes B. Kerner" in eine atemraubende Konversation verwickelt: Nein, die Fans seien nicht lästig, obwohl sie in den Schulferien manchmal sogar an der Haustür klingelten. Ja, man interessiere sich prinzipiell schon für Mode und tausche unter Brüdern auch mal die Klamotten aus.
Den Marktwert schmälert das nicht. Fast wöchentlich widmet "Bravo" den Ochsenknechts Berichte, in denen höchst intime Details zutage gefördert werden. Jimi Blue: "Meine Traumfrau dürfte keinesfalls spießig sein!" Chefredakteur Tom Junkersdorf hält Jimi Blue für einen "Kinder-Movie-Star" wie Tommy Ohrner ("Timm Thaler") oder Patrick Bach ("Silas"), billigt ihm aber keine Sonderrolle zu: "Die Ochsenknechts sind unter den aktuellen Stars zwei von vielen. Jimi Blue polarisiert nicht. Er ist immer nett, brav, freundlich, wohlerzogen. Er bietet kaum Angriffsfläche. Entweder man liebt ihn, oder er ist einem egal."

Wilson Gonzales versucht sich als Rocker© Patrik Stollarz/Getty Images
Man kann auch zu anderen Schlüssen gelangen, wenn man das Internet durchstreift. Besonders Männer haben es auf die Brüder abgesehen: "Es wird Zeit, mit dem Tabu zu brechen, Jugendliche nicht hassen zu dürfen", schreibt "pantoffelpunk" in einem Webforum, "mit Jimi und Wilson endet die Schonzeit für die nachfolgende Generation. Die Jugend, die sowas gut findet, ist Scheiße. Basta!" Und "Harry Kuntz" meint zu ihren musikalischen Ambitionen: "Ihr Englisch klingt wie das der Nazis in Indiana-Jones-Filmen."
Einen der intelligenteren Beiträge liefert Userin "anna Licht": "Wie viel Mühe man sich da gegeben hat, zwei unterschiedliche Formate zu produzieren, über einen Genpool möglichst flächendeckend kaufkräftige Jugendliche anzusprechen. Fehlt nur noch ne Ochsenknecht-Schwester, die man wahlweise Richtung Britney Spears oder Amy Winehouse schubst. Mir tun die irgendwie doch ein bisschen leid, weil auch sie nix als Produkte sind, aber schätzungsweise die 'Aus-Dir-wird-was-ganz-Großes- Scheiße' zu hören bekommen."
Jimi Blue jedenfalls möchte in Zukunft auch Mode entwerfen. Kein Teenie-Star mehr sein. Ernst genommen werden. Aber das ist schwer, wenn einen Mama und Papa zwar gern als jüngsten Spross einer Münchner Schauspieler-Dynastie vorführen, aber einen dann so blöd im Regen stehen lassen wie in Berlin beim "New Faces Award": Jimi Blue bekommt gleich als Erster seinen Preis - als neues Gesicht des Jahres. Nur hat ihn darauf offenbar niemand vorbereitet.
Wer jetzt auf eine coole Dankesrede wartet, bekommt richtig was geboten: Jimi Blue am Mikro. Erster Satz. "Weiß gar nicht, was ich sagen soll." Zweiter Satz: "Oh, meine Hose rutscht!" Verlegenes Nesteln an der extraweiten Jeans. Dritter Satz: "Ja, also, ich, ähh, vielen Dank an alle, und, ähm, mir fällt leider nicht mehr ein. Ja. Schönen Abend noch. Und ja. Tschüss!" Das Publikum lacht, und es ist kein freundliches Lachen. Himmel, der Junge ist erst 16. Und sucht seinen Weg.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 25/2008