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17. November 2009, 17:38 Uhr

Impfen für die anderen

Waren Sie eigentlich schon immer so, oder hatten Sie einen Augenblick, indem Sie die Macht des Lachens entdeckt haben?
Es gab tatsächlich einen Moment, als ich in München eine Tour durch Krankenhäuser gemacht habe...

Als Magier noch?
Genau, da war ich noch Zauberkünstler. Ich war schon mit dem Studium fertig. Ich war in der Kinderneurologie und -Psychiatrie, und da gab es ein Kind, das hatte selektiven Mutismus: Obwohl es neurologisch sprechen könnte, hat es sich entschieden nicht zu sprechen. Das ist eine psychosomatische Störung. Der behandelnde Arzt erzählte mir später, dass dieses Kind im Rahmen meiner Zaubershow, in der die Kinder ja extrem animiert sind und mitschreien, sozusagen vergessen hat, dass es nicht mehr reden wollte. Ich bilde mir nicht ein, dass das der Durchbruch war, aber das war auf alle Fälle ein wichtiger Moment im Heilungsprozess. Da habe ich gemerkt, dass Humor heilen hilft. Das Schöne am Lachen, ähnlich wie bei der Musik, ist, dass es ein Gemeinschaftserlebnis ist. Lachen ist eines der tiefsten sozialen Dinge, die man miteinander tun kann. Es ist ansteckend, ohne dass ich verstehen muss, worüber gelacht wird. Lachen und Musik geben sofort das Gefühl von Gruppenbildung.

Stört Sie eigentlich die Bezeichnung "der witzigste Arzt Deutschlands"?
Nur wenn es über jemand anderen gesagt wird. Aber mal ehrlich: Ich sehe mich auch als Pionier in einer Bewegung, die hoffentlich lange über mich hinaus Bestand hat, nämlich zu sagen: Wir müssen anders über Gesundheit und Krankheit nachdenken. Wir müssen uns klar machen, dass nicht die Ärzte im Krankenhaus oder in der Praxis diejenigen sind, die Gesundheit herstellen. Gesundheit passiert im Alltag. Gesundheit hat mit meinen täglichen Gedanken und Handlungen zu tun.

Womit wir beim Glück sind. Sie sind der Meinung, das könne man lernen.
Ich bin dafür, dass Glück ein Schulfach wird. Und damit meine ich Lebenskompetenz, psychologische Grundkenntnisse. Wie streitet man gut und konstruktiv? Wie funktioniert Kommunikation? Wie finde ich heraus, was meine Stärken sind? Das sind alles Dinge, die man später im Leben dringend braucht, die einem aber fehlen, wenn man es nicht von zuhause mitkriegt. Glücklichsein kann man lernen. Das hat sehr viel mit psychologischer Grundkompetenz zu tun. Und je früher man das im Leben lernt, desto besser. Musikmachen ist ein großer Weg zum Glück. Jedes Kind sollte singen können. Und kein Kind darf hören "Du kannst es nicht". Wir frustrieren unsere Kinder durch unser Bildungssystem auf eine Art und Weise, dass ich nicht wirklich darüber erstaunt bin, dass immer mehr Kinder rausfallen und auch zu Gewalt greifen. Das hat damit zu tun, dass sie sich nicht als gebrauchtes Mitglied einer größeren Gruppe fühlen und mehr Frust- als Erfolgserlebnisse haben.

Es gibt aber gleichzeitig die Kritik, dass Kinder in unserer Gesellschaft verhätschelt würden.
Das schließt sich nicht aus. Es gibt auch diese Sozialverwahrlosung von Kindern, die sich nicht anstrengen und trotzdem alles in den Arsch geschoben kriegen. Die sind auch nicht zu beneiden. Es geht darum, Grenzerfahrungen zu machen, sich selbst zu fordern. Und das kann man in jedem Alter üben. Wir brauchen eine neue Diskussion darüber, wofür wir eigentlich leben wollen, wozu eine Gesellschaft da ist. Politik ist eine Interessenvertretung und soll Geld verteilen nach Kriterien. Das dümmste Kriterium ist das Bruttosozialprodukt! Ständig nach Wirtschaftswachstum zu geiern, wenn es zugleich einen Ausverkauf von sozialem Kapital gibt... Was eine Gesellschaft wirklich braucht, sind engagierte Leute, die über sich selbst hinaus denken. Werden die aber nur ständig frustriert, bedeutet das eine Vernichtung an Werten, die an der Börse überhaupt nicht abbildbar ist.

Dann ist Ihr Timing aber denkbar schlecht. Wir haben die Krise. Für die meisten Menschen liegt das Glück gerade im Wirtschaftsaufschwung.
Das sind die dummen Leute. Die schlaueren Leute denken darüber nach, wie man sich unabhängiger machen kann von materiellem Reichtum. Denn das der Deutschland nicht glücklich macht, ist offensichtlich: Wir sind die viertreichste Nation der Erde, aber auf der Liste der Zufriedenheit auf Platz 35. Materieller Reichtum führt maßgeblich dazu, dass Leute sich egoistischer verhalten, dass sie auf immer größeren Wohnflächen immer einsamer werden und immer weniger Kinder kriegen.

Es geht aber nicht um Leute, die auf 200 Quadratmetern leben, sondern um Hartz-4-Empfänger, die um ein Existenzminimum kämpfen. Denen zu sagen, das Glück liege nicht im Materiellen, ist zynisch.
Da bin ich völlig bei Ihnen. Geld macht glücklich, wenn man sehr wenig hat, wenn es einen Unterschied macht in den Lebensumständen. Deshalb finde ich auch die Idee, ein Grundeinkommen einzuführen, glückstechnisch sehr zu unterstützen. Die Unzufriedenheit nimmt zu durch soziale Ungerechtigkeit. Man muss sich nur ansehen, wie arme und reiche Menschen in Südafrika oder Brasilien leben. Ich habe dort als Student im praktischen Jahr gearbeitet. Wenn die Reichen nur noch in Ghettos leben, weil die Aggressivität in der Gesellschaft durch Ungleichheit so sehr zunimmt, dann hat keiner was davon. Man muss nicht links sein, man muss nur ein bisschen nachdenken. Zufriedenheit sollte ein Staatsziel sein, und nicht nur die von Eliten. Das Thema Glück ist durchaus politisch. Es hat maßgeblich damit zu tun, wie wir miteinander leben.

Und wie findet man Glück in der Krise?
Das Beruhigende an der Krise ist - aus medizinisch psychologischer Sicht betrachtet -, dass Menschen aus schweren Zeiten gestärkt hervorgehen. Das gilt auch für Dinge, die man keinem wünscht, wie Trennungen Krankheiten, Unfälle, Tod von Angehörigen. Wenn man die Leute im Nachhinein befragt, sagen die meist: "Ja, das war hart, aber es hat mir gezeigt, was mir wichtig ist, wer meine Freunde sind, was in mir steckt. Hätte ich nicht diesen Schups gekriegt, hätte ich bestimmte Schritte in meinem Leben nicht gemacht".

Haben Sie schon mal so einen Schups bekommen?
Na klar, immer wieder.

Sophie Albers
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