
Monique Cavallaro, 21, Kosmetikerin© Markus Götzfried
In der Halle ist ein Laufsteg aufgebaut, um den sich die Mädchen langsam versammeln. Es ist ruhiger als angenommen. Das Klack-Klack und Tock-Tock von Stöckelschuhen ist zu hören und das Surren der Rollkoffer-Rädchen. Die Mädchen reden wenig. Sie wirken angespannt, als stünde ihnen eine Verurteilung durch ein Gericht bevor. Es riecht nach Vanille und Zitrusfrüchten und nach Haarspray. Einige ziehen immer wieder Schminkspiegelchen aus ihren Hosen- oder Rocktaschen und prüfen ihr Make-up. Viele tragen Jeans, andere Miniröcke und Leggings. Es gibt den Typ Mädchen, der in einem mausgrauen Strickkleid kommt oder im ausgeleierten Sweatshirt. Nach dem Motto: "Ich bin so wie ich bin."
Die meisten haben sich aber aufgetakelt, als ob sie zum Dreh eines MTV-Videos gehen würden. Die Mädchen stehen in Pulks zusammen, bewegen sich kaum. Vielleicht weil sie sonst schwitzen oder mit ihren High Heels abknicken könnten. Überhaupt, die Fortbewegung auf mörderischen Zentimeterabsätzen verlangt allerhöchste Konzentration. Wer geht, guckt angestrengt. Manche ersparen sich die Tortour, nehmen das ungeliebte Schuhwerk in die Hand und laufen in - bevorzugt lilafarbenen - Strumpfhosen über den kalten Hallenboden.
Und dann kommt Heidi. Ganz in Schwarz, Overknee-Stiefel, die Haare bis zu den Schultern, kürzer als gewohnt. Die Mädchen jubeln ihr zu, als sei sie ein viel gefeierter Hollywoodstar. Die Schreie sind so laut, dass man fürchten muss, es gäbe Hörschäden gratis mit dazu. Und Heidi Klum muss, um die Mädchen außer Rand und Band zu bringen, nicht mehr leisten als eine Pose zu machen und Worte zu sagen wie "Hey" oder "Hallo, Mädels". Die Begleitpersonen, die draußen bleiben müssen, pressen ihre Gesichter dicht gegen die Fensterscheiben.
Ach, die Heidi. In all den Jahren von GNTM sind alle Skandale und Kritik, die es rund um die Sendung gab, wie Duschwasser aus der Werbung einfach von ihr abgeperlt. Sorgsam hat sie darauf geachtet, dass ihr Ruf als mal welterfahrene, toughe Chefin, mal rührselige Mutter der Kompanie nicht gefährdet wurde. Und wenn mal jemand neben ihr zu groß werden drohte, wie Co-Juror Bruce "Drama-Baby" Darnell, wurde er flugs aussortiert.
Zurück zum Laufsteg: Jurymitglied Rolf Schneider behauptet, die erste Auswahl könne man in 20 Sekunden treffen. Und mehr Zeit bekommen die jungen Damen auch nicht. Einmal über den Laufsteg, das war es schon. Großes Raunen, als die Mädels davon erfahren. Viele hatten sich es wohl anders vorgestellt und gerne mehr Zeit gehabt mit der Jury. Der Moderator erklärt noch einmal, was zu tun ist. Auf der rechten Seite nach vorne gehen, sich auf die Markierung stellen und eine Pose nach Wahl machen. Wer ein Okay kriegt von der Jury, darf nach rechts abgehen und wird direkt in die Siegerlounge gebracht. Alle anderen gehen links ab. Noch schnell ein paar Benimmregeln: "Hier wird nicht gelästert. Jeder hat Applaus verdient." Dann noch der Hinweis, alle Handys auszuschalten und die Warnung: "Wer sich nicht dran hält, fliegt raus."
"Musik", ruft Heidi und Bässe dröhnen durch die Halle. Die Model-Mama legt die Arme um ihre Jury-Kollegen Rolf Schneider und Peyman Amin, alle drei setzen ihren Kennerblick auf. Den Anfang machen Mädchen, die schon sehr geübt wirken. Doch nicht alle treten auf, als seien sie für den Laufsteg geboren. Manche gehen so, als hätten sie sich verirrt, andere schwingen ihre Hüften übertrieben, wieder andere gucken als hätten sie in eine Zitrone gebissen oder schlurfen mit Hängeschultern vorbei. "Ihr seid keine Siegerinnen", würde Heidi sicher in Oberlehrerinnen-Manier sagen. Einige Mädchen, die fest mit einem Ja gerechnet haben, können wohl gar nicht fassen, dass sie abgelehnt werden. Irritiert bleiben sie auf der Markierung stehen, die anderen Teilnehmerinnen, die hinter ihnen losgegangen sind, geraten ebenfalls ins Stocken, es gibt Stau. Heidi Klum winkt ab. "Mädels, so geht das nicht."
Bettina und Laura haben ein Nein bekommen. Sie stehen da mit verschränkten Armen und Schmollmund. "Die haben mich gar nicht richtig angeguckt", jammert Bettina. Und Laura sagt: "Eine Unverschämtheit, dass wir nur so wenig Zeit bekommen haben." Wenige Meter entfernt steht Cornelia. Sie lächelt, auf ihrem T-Shirt klebt ein Schild mit der Nummer 13783. Cornelia hat es geschafft, sie darf in die nächste Auswahlrunde. "Ich kann es kaum glauben", sagt sie. Es sei nur eine spontane Entscheidung gewesen mitzumachen. "Das ist eigentlich gar kein Traum von mir." Sie greift nach ihrem Koffer, die Aufnahmeleiterin bringt sie in einen anderen Raum. Klamottenwechsel. Und dann wieder lächeln für die Jury.
Inzwischen haben Heidi Klum und Co kräftigt ausgesiebt. Die Zahl der Teilnehmerinnen ist auf 30 reduziert. Wer nicht dabei ist, muss weiter vor dem Fernseher träumen: TV-Start der vierten Staffel von "Germany's next Topmodel" ist am 12. Februar 2009.