
Christina, 21, Studentin: ""Germany's Next Topmodel" war für uns drei Monate lang eine Familie""© Günter Vahlkampf/dpa
Erst ein Blick in die USA machte 2005 Hoffnung. Dort hatte das ehemalige Supermodel Tyra Banks mit "America's Next Top Model" große Erfolge und wurde zum medialen Exportschlager. Mittlerweile läuft die "Next Topmodel"-Serie in 33 Ländern, selbst in Afghanistan, und seit 2006 nun auch in Deutschland. Das Rezept war simpel und würde auch bei Köchen oder Turmspringern funktionieren - lass alle zuschauen, wenn zehn Leute darum kämpfen, der Beste zu sein, und schmeiß jede Woche einen raus. Und: Lass die Modelwelt sauber, streng und drogenfrei, also unwirklich erscheinen. Lass also den Kandidatinnen - und den Zuschauern - ein wenig von ihrer Illusion einer künftigen Glitzerwelt für die Siegerin - samt Dauerlächeln und ewiger Schönheit in Prada und Versace.
Doch bei Pro Sieben war damals auch klar, dass das beste Format nichts nützt, wenn das Gesicht obendrauf nicht punktet. Christoph Körfer sagt: "Es war klar, dass Pro Sieben ein solches Format nur mit Heidi Klum realisieren wollte." Denn zum Geschäftsgeheimnis der Sendung gehört auch, dass da nicht ein vielleicht wortkarges Topmodel wie Claudia Schiffer oder eine überschaubare Eva Padberg den Vorsitz hat, sondern die bunteste Betriebsnudel der Fashionwelt die Peitsche schwingt.
Nur die bekanntermaßen jodelfeste Bergisch-Gladbacherin, dreifache Mutter und Seal-Gattin mit Wohnsitz Beverly Hills, hatte die Selbstdarstellungskraft, den Zirkus in einer strammen Mischung aus Domina, Mutter und strenger Fachfrau zu moderieren. Da ist der kleine Etikettenschwindel Topmodel Heidi Klum völlig unerheblich, solange die Nation Top und Model sowieso nicht unterscheiden kann und alle glauben, was die Klum da mit ihren Mädchen veranstaltet, habe etwas mit der realen Welt von Models zu tun.
Dabei ist GNTM vor allem eine Show, die den in Wahrheit öden Alltag von Models mit allerlei Herausforderungen, "Challenges", wie etwa Fotos mit einer lebenden Schlange um den Hals, im Knatterwind eines Hubschraubers ein schönes Gesicht machen oder albernes Ninja-Gehampel für einen Werbespot, zu einem prallbunten Schicksalsjahrmarkt hochjazzt. Dazu wurde mit einer luxuriösen Lagerhaltung der letzten neun Kandidatinnen unter Kamerabeobachtung auch noch ein telegener Zicken- und Psychozirkus geliefert. Am Ende hatte es wenig mit Models und viel mit Encounter zu tun, wenn die fünf letzten Kandidatinnen selbst sagen sollten, wer ihrer Meinung nach nicht mehr in die "Gruppe" passt. Was von Heidi Klum fröhlich mit "na, sehen wir mal, wer hier jetzt die Krallen ausfährt" kommentiert wurde. Da war dann Schluss mit lustig.
Ganz im Gegensatz zu manchen Momenten der ersten beiden Staffeln, als der Coach Bruce Darnell durch die Manege tänzelte, Handtaschen zu Lebewesen erklärte und beim Ausscheiden von Kandidatinnen so hingebungsvoll weinen konnte, als wäre er es, der den Laden verlassen muss. Was Darnell für die Staffel 2008 auch tat, offiziell hieß es, man habe sich vertraglich nicht einigen können. Viele unkten, ohne Bruce sei die Heidi nur halb so gut. Doch die Quoten stiegen weiter.

Christina (l.) ist die einzige Finalistin in der Runde. Wanda und Carolin sind bereits ausgeschieden© Günter Vahlkampf/dpa
Fragt man in der realen Modelwelt nach, wird GNTM dort mit verhaltener Skepsis gesehen. "Das ist schon fragwürdig, wie in der Sendung die Mädchen behandelt werden und was sie aushalten müssen. Bei uns ist das nicht so. Wenn ein Model uns sagt, sie mag nicht mit Tieren fotografiert werden, dann akzeptieren wir das. Bei uns haben die Models Rechte", sagt Ted Linow, Inhaber der Agentur Mega Models. Auch Louisa von Minckwitz, Chefin der Agentur Louisa Models, spricht von einem Zerrbild: "Ein Topmodel ist etwas ganz anderes als das, was bei dieser Show gesucht wird. Topmodels wie Julia Stegner oder Claudia Schiffer haben eine ganz andere Klasse, sie arbeiten in Paris, Mailand oder New York mit großen Designern. Aber bei allem Respekt vor Heidi Klums Karriere, ein Topmodel war sie auch nie."
Kommt darauf an, wie man das sieht. Da die Arbeit als Model kein wirklich geschützter Beruf mit einer Ausbildung ist, kann sich in Deutschland jeder Model nennen, der mal fotografiert wurde und dafür zehn Euro bekommen hat. Dem Beruf näher kommen diejenigen, die bei Agenturen unter Vertrag stehen und ihren Lebensunterhalt mit Gesicht- oder Körperherzeigen verdienen. Die großen Agenturen und Designer pflegen für sich eine etwas aristokratischere Klasse ihrer Models, bei denen das "Top" um so näher rückt, je mehr Titelbilder sie auf der "Vogue", der "Elle" oder "Harper's Bazaar" stellen und je öfter sie von First-Class-Designern wie Chanel, Versace oder Dolce & Gabbana für deren Laufstege gebucht werden.
Deutschland ist da international mit Models wie Julia Stegner, Charlotte Cordes oder Franziska Frank gut vertreten. Um den Wert in solchen Eliteklassen zu halten, achten Agenturen bei ihren Mädchen auf strengste Verknappung ihrer Prominenz - selten Interviews, kaum rote Teppiche und nur nötigste Daten aus dem Privatleben. Die Exklusivität der Ware zahlt sich aus, unter 15.000 bis 20.000 Euro am Tag sind sie kaum zu bekommen. Heidi Klum kassiert zwar viel mehr, doch in die Adelsklasse Topmodel wurde sie nicht vorgelassen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 23/2008