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5. Juni 2008, 11:27 Uhr

Der Laufsteg ins Ungewisse

Christina, 21, Studentin: ""Germany's Next Topmodel" war für uns drei Monate lang eine Familie""© Günter Vahlkampf/dpa

Erst ein Blick in die USA machte 2005 Hoffnung. Dort hatte das ehemalige Supermodel Tyra Banks mit "America's Next Top Model" große Erfolge und wurde zum medialen Exportschlager. Mittlerweile läuft die "Next Topmodel"-Serie in 33 Ländern, selbst in Afghanistan, und seit 2006 nun auch in Deutschland. Das Rezept war simpel und würde auch bei Köchen oder Turmspringern funktionieren - lass alle zuschauen, wenn zehn Leute darum kämpfen, der Beste zu sein, und schmeiß jede Woche einen raus. Und: Lass die Modelwelt sauber, streng und drogenfrei, also unwirklich erscheinen. Lass also den Kandidatinnen - und den Zuschauern - ein wenig von ihrer Illusion einer künftigen Glitzerwelt für die Siegerin - samt Dauerlächeln und ewiger Schönheit in Prada und Versace.

Doch bei Pro Sieben war damals auch klar, dass das beste Format nichts nützt, wenn das Gesicht obendrauf nicht punktet. Christoph Körfer sagt: "Es war klar, dass Pro Sieben ein solches Format nur mit Heidi Klum realisieren wollte." Denn zum Geschäftsgeheimnis der Sendung gehört auch, dass da nicht ein vielleicht wortkarges Topmodel wie Claudia Schiffer oder eine überschaubare Eva Padberg den Vorsitz hat, sondern die bunteste Betriebsnudel der Fashionwelt die Peitsche schwingt.

Nur die bekanntermaßen jodelfeste Bergisch-Gladbacherin, dreifache Mutter und Seal-Gattin mit Wohnsitz Beverly Hills, hatte die Selbstdarstellungskraft, den Zirkus in einer strammen Mischung aus Domina, Mutter und strenger Fachfrau zu moderieren. Da ist der kleine Etikettenschwindel Topmodel Heidi Klum völlig unerheblich, solange die Nation Top und Model sowieso nicht unterscheiden kann und alle glauben, was die Klum da mit ihren Mädchen veranstaltet, habe etwas mit der realen Welt von Models zu tun.

"Topmodels wie Julia Stegner oder Claudia Schiffer haben eine ganz andere Klasse"

Dabei ist GNTM vor allem eine Show, die den in Wahrheit öden Alltag von Models mit allerlei Herausforderungen, "Challenges", wie etwa Fotos mit einer lebenden Schlange um den Hals, im Knatterwind eines Hubschraubers ein schönes Gesicht machen oder albernes Ninja-Gehampel für einen Werbespot, zu einem prallbunten Schicksalsjahrmarkt hochjazzt. Dazu wurde mit einer luxuriösen Lagerhaltung der letzten neun Kandidatinnen unter Kamerabeobachtung auch noch ein telegener Zicken- und Psychozirkus geliefert. Am Ende hatte es wenig mit Models und viel mit Encounter zu tun, wenn die fünf letzten Kandidatinnen selbst sagen sollten, wer ihrer Meinung nach nicht mehr in die "Gruppe" passt. Was von Heidi Klum fröhlich mit "na, sehen wir mal, wer hier jetzt die Krallen ausfährt" kommentiert wurde. Da war dann Schluss mit lustig.

Ganz im Gegensatz zu manchen Momenten der ersten beiden Staffeln, als der Coach Bruce Darnell durch die Manege tänzelte, Handtaschen zu Lebewesen erklärte und beim Ausscheiden von Kandidatinnen so hingebungsvoll weinen konnte, als wäre er es, der den Laden verlassen muss. Was Darnell für die Staffel 2008 auch tat, offiziell hieß es, man habe sich vertraglich nicht einigen können. Viele unkten, ohne Bruce sei die Heidi nur halb so gut. Doch die Quoten stiegen weiter.

Christina (l.) ist die einzige Finalistin in der Runde. Wanda und Carolin sind bereits ausgeschieden© Günter Vahlkampf/dpa

Fragt man in der realen Modelwelt nach, wird GNTM dort mit verhaltener Skepsis gesehen. "Das ist schon fragwürdig, wie in der Sendung die Mädchen behandelt werden und was sie aushalten müssen. Bei uns ist das nicht so. Wenn ein Model uns sagt, sie mag nicht mit Tieren fotografiert werden, dann akzeptieren wir das. Bei uns haben die Models Rechte", sagt Ted Linow, Inhaber der Agentur Mega Models. Auch Louisa von Minckwitz, Chefin der Agentur Louisa Models, spricht von einem Zerrbild: "Ein Topmodel ist etwas ganz anderes als das, was bei dieser Show gesucht wird. Topmodels wie Julia Stegner oder Claudia Schiffer haben eine ganz andere Klasse, sie arbeiten in Paris, Mailand oder New York mit großen Designern. Aber bei allem Respekt vor Heidi Klums Karriere, ein Topmodel war sie auch nie."

Deutschland ist international gut vertreten

Kommt darauf an, wie man das sieht. Da die Arbeit als Model kein wirklich geschützter Beruf mit einer Ausbildung ist, kann sich in Deutschland jeder Model nennen, der mal fotografiert wurde und dafür zehn Euro bekommen hat. Dem Beruf näher kommen diejenigen, die bei Agenturen unter Vertrag stehen und ihren Lebensunterhalt mit Gesicht- oder Körperherzeigen verdienen. Die großen Agenturen und Designer pflegen für sich eine etwas aristokratischere Klasse ihrer Models, bei denen das "Top" um so näher rückt, je mehr Titelbilder sie auf der "Vogue", der "Elle" oder "Harper's Bazaar" stellen und je öfter sie von First-Class-Designern wie Chanel, Versace oder Dolce & Gabbana für deren Laufstege gebucht werden.

Deutschland ist da international mit Models wie Julia Stegner, Charlotte Cordes oder Franziska Frank gut vertreten. Um den Wert in solchen Eliteklassen zu halten, achten Agenturen bei ihren Mädchen auf strengste Verknappung ihrer Prominenz - selten Interviews, kaum rote Teppiche und nur nötigste Daten aus dem Privatleben. Die Exklusivität der Ware zahlt sich aus, unter 15.000 bis 20.000 Euro am Tag sind sie kaum zu bekommen. Heidi Klum kassiert zwar viel mehr, doch in die Adelsklasse Topmodel wurde sie nicht vorgelassen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2008

 
 
KOMMENTARE (10 von 10)
 
bob-der-meister (05.06.2008, 16:22 Uhr)
Fiori, du hast Recht!
Es ist wirklich ein Jammer. Model ist echt ein "Beruf" den die Welt nicht in den Mengen braucht, wie Pro7 und Heidi Klum der Welt weismachen will.
Opium fürs Volk eben und stern schreibt mit seiner Pseudo-Kritik mal wieder drei Seiten voll. Pro7 wird's freuen!
Fiori-Figaro (05.06.2008, 16:01 Uhr)
Super Artikel!
Ja Mensch, endlich sagt hier jemand mal die Wahrheit!!! Es ist wirklich so: Donnerstag abend 20.15 Uhr: Prosieben geht an, der Verstand geht aus...völlig automatisch während die menschliche Sensationslust gestillt wird. Aber man muss auch mal kritisch an die Sache gehen. Heidi Klum und ihre Sendung sind streng kalkulierte Volksverdummung. Trotzdem muss ich es mitverfolgen...traurig, nicht wahr?
chriswoj (05.06.2008, 14:35 Uhr)
@columbia10
ich stimme dir zu.
Leben und leben lassen, ..
columbia10 (05.06.2008, 14:20 Uhr)
Habt ihr ein Problem??
War nich anders zu erwarten: Dass einige hübsche Mädchen die einmalige Gelegenheit bekommen, rund um den Globus zu reisen und in kurzer Zeit tolle Erfahrungen zu machen, spielt natürlich im Artikel keine Rolle - und bei den bisherigen Zuschriften, die teilweise sehr primitiv daher kommen. Ist das wieder (typisch deutsch??) alles schlecht zu reden? Schon mal überlegt, welche Chancen diese Mädchen auch bekommen? Ist es schlimm, dass auch andere, die das Ganze organisieren, daran mitverdienen? Ihr habt schon ein echtes Problem. Entspannt euch mal.
Lain (05.06.2008, 13:51 Uhr)
Wer
so blöd ist da mit zu machen hat es auch nicht anders verdient als ausgenommen und verarscht zu werden....hab noch nicht eine Folge von diesem Mist gesehen und hab es auch nicht vor.
Maria1000 (05.06.2008, 13:18 Uhr)
"Volksmodel" trifft es auf den Punkt!
Neben Heidi taugt auch der Rest der Pseudo-Topmodels zu nichts anderem!
Diese Sendung ist eine Veräppelung der Kandidatinnen und der Zuschauer, für letztere scheint es wenigstens "unterhaltend" zu sein, wenn auch auf Kosten naiver Dorf- und/oder Katalogschönheiten, zu MEHR hat es weder bei den vorherigen Kandidatinnen noch den derzeitigen gereicht!
Wer ERNSTHAFT Topmodel werden will als Karriereendziel, sollte scihe infach bei allen grösseren seriösen renomierten und/oder "Nischen"-Agenturen vorstellen, kostet nichts, weder am Geldbeutel noch an der Seele, und man erfährt die WAHREN Chancen!
shine (05.06.2008, 12:54 Uhr)
Afghanistans Next Top Model??
Im Bericht stand, daß die Sendung sogar in Afghanistan existiert. Mich würde interessieren, wie das dort aussieht mit den ganzen Burkas :) Ich werd mal bei youtube surfen....
malibuli (05.06.2008, 12:48 Uhr)
Stern ist schlimmer als Bild
Ich habe keine Folge GNTM gesehen und kann es trotzdem nicht verhindern, davon zu erfahren. Das ist sehr traurig. Wäre doch viel besser, wenn es so wäre:"Hallo, ich bin Heidi Klum ...";"Heidi wer?"
Heidi Klum ist das, was Dieter Bohlen vor ein paar Jahren war. Da konnte man ihn in 5 Werbespots von verschiedenen Firmen sehen etc. Solche Dinge erledigen sich von alleine, wenn man ihnen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt
Kalox (05.06.2008, 12:31 Uhr)
äh
...der dümmste job der welt? model!
Dieter37 (05.06.2008, 12:24 Uhr)
Na da...
...kommt einem doch das Kotzen !
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