Dem habe ich nur eines übel genommen: sein grünes Sakko beim Silvesterkonzert der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle.
Glaube ich nicht. Der hat das Sakko, und das ist prima, und das zieht er an. Das ist sein gutes Sakko.
Ja. Wovor sollte ich auch Angst haben?
Den kann man überstehen. Es erwischt ja immer nur die Leute, die die Nerven verlieren. Michel Glos zum Beispiel mit der Nummer "Jetzt bin ich Privatmensch". Wer will das schon? Zehn Minuten in der Presse, dann ist er vergessen. Dann kommt nämlich schon unser neuer Powertyp und Superstar.
Finde ich super. Weil endlich mal neues Personal auf der Bühne ist, untypisch. Klamotten, Gel, top educated, englisch, Adel. Bringt schon mal diese ganze Schicht mit rein. Für mich ein Geschenk des Himmels.
Außerdem mache ich manchmal auch die Nackte, die aus dem Pudding springt. Neulich hatte mich Fürstin Gloria eingeladen, da sollte ich auf Schloss Emmeram ein Abendessen mit sechs Bischöfen und dem Bruder des Papstes auflockern.
Ich glaube schon. Hinterher haben sie allerdings dem Kardinal Meisner den Ring geküsst - Hardcore-Katholizismus. Aber faszinierend: Mir wurde klar, dass es in Deutschland Zirkel gibt, die einfach ihr Ding durchziehen, egal, was gerade gedacht oder gewählt wird.
Ja, da ist die Rolle klar. Man darf nur nicht glauben, man gehöre dazu und würde auf Augenhöhe akzeptiert. Es ist einfach so, der Zoochef kommt mit 'nem Lkw und lässt den Schimpansen für eine halbe Stunde raus. Wenn man das einmal kapiert hat, bewegt man sich freier.
Definitiv. Ich wollte immer Schauspieler werden. Schon mit 14 träumte ich davon, hier im "Hotel am Schlossgarten" zu wohnen und da drüben im Theater zu spielen. Aber ich habe 30 Jahre gebraucht, bis ich mich hierher getraut habe. Ich musste tierisch rackern dafür.
Ich bin kein Verwandlungskünstler. Man muss schon Harald Schmidt sehen wollen.
Würde ich so sehen. Ist ja auch die Größenordnung, die in etwa trifft. Robert De Niro würde ich auch noch durchgehen lassen.
Den Satz hat man mir sehr übel genommen. Ich habe oft die Empfindlichkeiten und Eitelkeiten der Fernsehoberen unterschätzt. Jetzt haue ich in jedem Interview fünf Hammerstatements für das Fernsehen raus: erstklassiger Arbeitgeber, sensationelle Programmangebote. Theaterkanal, Wissenschaftssendungen, Tiersendungen, "Die Krupps". Ich selbst bin zu viel unterwegs, um mich damit zu beschäftigen, ich möchte ja auch den neuen Sloterdijk zumindest einmal quergelesen haben.
Wenig. Aber wenn sie gucken, dann das, was sie wollen. Meine 14-jährige Tochter guckt "Hannah Montana" und "Germany's Next Topmodel". Und wenn Vati nicht so schlau wäre zu sagen: "Ihr lasst euch da nicht von Leuten wie ein Stück Scheiße behandeln, die intellektuell nur eine Stufe über einer Amöbe sind" - dann würde sie sich da auch anmelden.
Ja, ein Sohn. Und den fährt Trottel-Daddy im Bugaboo artig durch die Kölner Südstadt.
Doch. Von Montag bis Donnerstag bin ich in der Regel zu Hause, manchmal unterbrochen, wenn ich nach Stuttgart muss.
Nicht viel? Fragen Sie mal Familien, wo Vati Chefarzt ist. Um sechs Uhr morgens aus dem Haus, um Mitternacht zurück. Burnout Endstufe, Laptop, Kongresse in Dallas und Denver plus tierischem Druck: Wo ist meine nächste Karriereleiter? Ich bin ja da, definitiv präsent. Und mein großes Hobby ist Spülen und Spülmaschineeinräumen, aber vorher noch mal säubern, damit der Dreck nicht so ankrustet. Spülen finde ich sensationell. Hat aber wahrscheinlich mit meinem inneren Schmutz zu tun. Habe ich mal gelesen.
Ganz einfach. Kinder brauchen eigentlich nur eine kleine Welt. Das Wichtigste ist Präsenz. Und vorlesen, vorlesen, vorlesen.
Astrid Lindgren, "Die Kinder aus der Krachmacherstraße", Bobo Siebenschläfer, Wimmelbücher. Kinderbücher müssen klar sein, da kann auch mal ein Neger spülen, wenn Mutti einen Neuen hat, aber die Familie muss erkennbar bleiben. Die schlimmsten Kinderbücher werden übrigens von Schauspielerinnen geschrieben. Die denken: Ich kann nicht schreiben, meine Schwester kann nicht malen, also machen wir ein Kinderbuch. 80 Prozent sind grauenhafter Mist. ✸ Es regnet jetzt leicht. Harald Schmidt will uns das Restaurant "Cube" im neuen Kunstmuseum zeigen. Und ganz nebenbei in der Fußgängerzone seinen Marktwert testen. Ein guter Tag! Sogleich wird er von einem Damenkränzchen aus Memmingen umzingelt, von jungen Porsche- Praktikanten aus Köln und von Touristen. Leutselig malt er Autogramme. Im "Cube" dann: Sülzchen, Zander, Mousse au Chocolat - und Stauner am Nebentisch. Der Entertainer kennt die Rituale. Wie die Leute unauffällig tun. Wie sie ihn begucken, ohne hinzusehen. Er liebt es, sie bei dieser Anstrengung zu beobachten. Die Fans, die Feinde. Und weil er ein chronischer Belustiger ist, zeigefreudig und menschenlieb, gibt er auch beim Interview im Restaurant den Kammerspieler für alle: "Ich falle beim Fernsehen übrigens manchmal in so einen Sekundenschlaf, ungefähr so …" Wirft den Kopf in den Nacken, schnarcht, laut und schrecklich. ✸
Unvergessliche Momente werden eben festgehalten. Normalerweise tut man so, als würde man die Blume hinter mir fotografieren. Weil Sie mir ein Mikrofon angesteckt haben, glauben die Leute jetzt vielleicht auch, ich mache gerade ein Langzeit-EKG oder muss hier mit einem Herzschrittmacher in Begleitung von zwei Kardiologinnen sitzen. Die Leute sagen jetzt: "Du, der Schmidt, der isch krank. Hat der nicht Krebs? Du, die testen den jetzt!"
Das ist ja der eigentliche Job, nicht die Stunde Fernsehen. Wenn ich das Haus verlasse, geht es los. Man guckt, man starrt, man spricht mich an, man will ein Autogramm, ein Foto, einen Kommentar - und das rund um die Uhr. Ich bin als permanenter Staubsaugervertreter im Dienst der ARD unterwegs und muss die Leute gut behandeln. ✸ Es ist sechs Uhr. Die Sonne taucht Stuttgarts Dächer jetzt in goldenes Licht. Schmidt hat mit der Familie in Köln telefoniert. Kein umgestoßener Kakao, keine sonstigen Katastrophen. Gleich wird er auf seinem Hotelbett liegen und "Sportschau" gucken. Dann wird er die drei Schritte hinüber ins Schauspielhaus schlendern, zur Premiere von "Kabale und Liebe". Wir vereinbaren, dass wir uns wiedertreffen - zum Beispiel wenn er mal so richtig gescheitert ist. Aber das, sagt Schmidt und lacht noch einmal ungemein sonnig, "führt bei mir eigentlich auch immer bloß zu einem neuen Vertrag".
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 16/2009