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24. März 2008, 16:56 Uhr

"Wir müssen den Sex zurückerobern!"

"Männer sollen Nutten und Mütter sein dürfen udn Frauen Kerle und Helden" Ariadne von Schirach© Birgit Klemt

Sind Frauen denn so verklemmt?

Roche: Ein Beispiel: Wenn man zu einer Frau sagt: "Zeig mal, wie du masturbierst" - dann könnten viele Frauen nur eine Show nachmachen. Männer sind da mehr bei sich. Ein Mann könnte, auch wenn es vielleicht hässlich aussieht oder blöd oder peinlich, sofort vormachen, wie er masturbiert. Und zwar ohne dass es aussieht wie im Film.

Woher kommt das? Hat das damit zu tun, dass sich Frauen sehr stark dadurch definieren, wie sie von Männern wahrgenommen werden?

Von Schirach: Es ist doch so: Frauenkörper, die wir im Porno sehen, aber auch im Fernsehen und in der Werbung - die sind speziell zusammengesetzt durch die Kameraperspektive, durch die Art der Choreografie, durch die Schnitte. Da werden utopische Körper konstruiert. Und die Art der Konstruktion folgt in den meisten Fällen dem männlichen Blick.

Roche: Guter Punkt. Was Pornos angeht, finde ich aber, dass die so sein dürfen, als ein Entwurf. Als eine Masturbationsvorlage, egal, ob für Männer oder für Frauen. Ich glaube nicht, dass Männer sich aufgepumpte Pornodarstellerinnen angucken und hinterher sagen: "Meine Frau soll auch so aussehen." Man muss Männern schon zutrauen, dass sie das trennen können. Ich denke, es sind eher die Frauen, die in die Falle tappen und sich mit den Körpern der Darstellerinnen vergleichen und versuchen, so auszusehen.

Woran liegt das? Männerkörper sind im Porno und in der Werbung ja auch überdurchschnittlich ausgestattet. Warum lassen Frauen sich stärker von den vermeintlichen Ideal-Körpern dominieren?

Von Schirach: Frauen haben sich jahrhundertelang mit absurden, von Männern entwickelten Vorstellungen herumschlagen müssen. Es ist interessant, wie in Charlottes Buch eine Frau ihre ganz eigenen Vorstellungen entwickelt.

... sie spielt mit sich, mit Männern, mit Dingen. Sie ist sehr autonom.

Roche: Mir wird häufig von empörten Leuten vorgeworfen, dass die Frau in meinem Buch eine männliche Sexualität habe. Die spinnen ja wohl! Das ist nur eine Frau, die weiß und sagt, was sie will. Und die es dann auch mit aller Kraft so umsetzt. Wenn eine Frau die Initiative ergreift und sich gezielt jemanden aussucht, mit dem sie Sex hat - dann sagen mir Leute, das sei männliches Verhalten!

Vielleicht macht so ein Verhalten Angst.

Roche: Das ist doch schrecklich. Diese ganzen Vorschriften, wie weibliches Verhalten auszusehen hat. Junge Mädchen trauen sich heutzutage nicht mal, als Erste anzurufen bei dem Jungen, in den sie sich verliebt haben. Frauen werden immer noch dazu erzogen, passiv zu sein, weil sie sonst angeblich nicht erotisch sind für den Mann.

Von Schirach: Die französische Feministin Virginie Despentes hat es sinngemäß mal so formuliert: Männer sollen Nutten und Mütter sein dürfen und Frauen Kerle und Helden.

Waren Sie beide schon immer so selbstbewusst? Wie war das denn zum Beispiel früher in der Schule? Haben Sie Ihre Klassenkameraden nicht komplett überfordert?

Roche: Ja. Ich habe dann ältere Jungs genommen. Die sind damit besser zurechtgekommen als die gleichaltrigen. Ich wurde dazu erzogen, mir die Hörner abzustoßen - so, wie man das sonst bei Jungs macht. Mir wurde gesagt: Hab viele Freunde, bring die alle nach Hause, und ihr könnt ruhig Sex zu Hause haben. Also habe ich sehr aktiv Jungs abgeschleppt. Das ging total gut. Männer, bei denen ich so eine Weibchen-Rolle hätte erfüllen müssen, haben mich nie interessiert.

Sie sind beide attraktive Frauen. Fällt so eine Haltung nicht sehr viel leichter, wenn man selbst gut aussieht?

Von Schirach: Es geht darum, eine Sprecherposition einzunehmen - auch wenn es einen selber nicht betrifft. Dieses inszenierte, entfremdete Menschenbild, was ich als pornografisches Menschenbild verstehe, das geht mich persönlich wenig an. Aber ich spüre den Druck und suche die Auseinandersetzung. Mir geht es eher darum, den Druck zu beschreiben. Dass wir sexy und erfolgreich und wahnsinnig fortgepflanzt sein sollen. Alles auf einmal.

Frau Roche, Sie sitzen mit rasierten Beinen vor uns. Wo ist die Freiheit, für die Ihr Buch plädiert?

Roche: Nee, stimmt, ich bin da gar nicht behaart. Ich habe doch selbst auch mit diesem Druck zu kämpfen. Als Viva-Moderatorin hatte ich unrasierte Achseln und habe gelitten wie ein Hund, weil Kollegen und Zuschauer mich fertiggemacht haben. Achselhaare sind ja heutzutage wie eine Art Kunstprojekt. Völlig skandalös!

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 12/2008

 
 
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