
Unerreichter Performer und egozentrischer Künstler - nun ist Michael Jackson endgültig von der großen Bühne abgetreten© Michael Dalder/Reuters
Sein Tod ist ein Schock, und dennoch gibt es kaum jemanden, der sich den "Bad"- und "Thriller"-Star alt und grau und mit leichter Wampe im Schaukelstuhl vorstellen konnte. Zu bizarr war seine Biografie für einen gemütlichen Lebensabend, zu krass die Gegensätze in seinem Alltag: das berstende Talent und die verschreckte Seele, der Glanz seiner Weltkarriere und seine Sehnsucht nach Unschuld und dem Märchenland der Kindheit. Er war, wie alle Top-Größen ihres Fachs, besessen - ein unerreichter Performer und egozentrischer Künstler mit enormen Einflüssen auf die Popkultur. Und dabei ein unglücklicher Pleitier, dessen Reichtum verschlungen wurde von einem grotesk-neureichen Lebensstil und den Kosten einer mit Bodyguards und Zäunen und Villen und Privatjets erzwungenen Privatsphäre.
Er sei in guter körperlicher Verfassung gewesen, hieß es, entgegen dem Augenschein: Gespenstisch mager war er, auf seinen letzten Fotos sind seine Arme dünner als die seiner Kinder. Was mit Prince Michael, 10, Tochter Paris, 9, und dem fünfjährigen Prince Michael II, "Blanket" genannt, nun geschieht, ist noch nicht klar. Im Februar konnte man die drei erstmals ohne die Schleier und Masken erblicken, mit denen sie bis dahin der Öffentlichkeit präsentiert worden waren - hellhäutige Kinder am Arm von Nannies oder ihres (mittlerweile ebenso bleichen) Vaters, man sah sie auf Flughäfen und in Zoos und Geschäften außerhalb der Öffnungszeiten. Die Mütter, Jacksons erste Frau Debbie Rowe und eine unbekannte Leihmutter, werden in ihrem Leben künftig wohl keine Rolle spielen: Wie es heißt, nimmt sich Großmutter Katherine Jackson ihrer an. Laut Medienberichten befanden sich die Kinder in der Villa in Holmby Hills, als ihr Vater gestern Vormittag zusammenbrach.
Am Abend vor seinem Tod soll er im Staples-Center geprobt haben, einer Veranstaltungshalle in Downtown Los Angeles. Bekanntlich bereitete sich Jackson auf eine Tournee vor, die am 13. Juli in London beginnen sollte. Das endgültige Konzert, nannte er sein Vorhaben. Den finalen Auftritt. Entsprechend tönender Tournee-Titel: "This is it".
Der Auftakt wurde mehrmals verschoben, Gerüchte loderten, dass Jackson niemals wieder eine Bühne betreten würde. Zu viele finanzielle Probleme, künstlerische womöglich, gesundheitliche gar? Hatte er nicht öfter schon ein neues Album angekündigt, und kein Ton war zu hören? Der Verdacht, er sei an den Folgen von Stress in Kombination mit Medikamenten gestorben, wurde fast zeitgleich mit der Todesnachricht geäußert - begleitet von Vorwürfen an seine Ärzte und Berater. Bestätigt ist bislang nichts dergleichen, sein Leichnam wurde am frühen Donnerstagabend zur Obduktion ins Labor des Gerichtsmediziners geflogen. Die Mordkommission untersuchte am frühen Abend die Villa in Holmby Hills. Dies sei Routine in "high profile cases", wehrte der zuständige Beamte Fragen ab. Außergewöhnliche Berühmtheiten erfordern außergewöhnliche Maßnahmen.
Das dachten sich auch die Programmgestalter der amerikanischen Fernsehsender und kippten kurzerhand ihr Seriengeflimmer aus dem Kanal. Querbeet liefen am vergangenen Abend Bilder aus Jacksons Leben - von dem kleinen, munteren, schwarzen Jungen, der auf der Bühne hüpfte wie das Häschen in der Batteriewerbung, bis hin zu dem hohlwangigen Wesen, das der Welt nicht mehr und nicht weniger zu sagen hatte als sein hingehauchtes "I love you all".
Die Nation trägt Trauerflor, Hollywood zumindest: Nur Stunden vor der Sensationsnachricht war bekannt geworden, dass die 62-jährige Farrah Fawcett in einem Krankenhaus in Santa Monica ihrem langen Krebsleiden erlegen war. Zwei tragische Todesfälle an einem Tag: die B-Listen-Schöne und der A-plus-Megastar. Die Strahlefrau und der Wunderling. Das Pin-up-Girl und der Kindmann mit dem Peter-Pan-Komplex. Amerikas blondester Engel und Amerikas so brillanter, so verlorener Sohn. Den ganzen Abend erinnerten Spezialberichte und Nachrufe an zwei Menschen im Rampenlicht, die unterschiedlicher nicht sein konnten und doch geeint wurden durch die letzte Schlagzeile: This is it.

Das Krankenhaus, in dem Michael Jacksons Tod festgestellt wurde, ist nur wenige hundert Meter von seiner Villa entfernt© stern.de/Google Maps