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13. Dezember 2008, 09:47 Uhr

"Mein Killer wird eher sterben als ich"

Roberto Saviano, Camorra, Morddrohung, Rushdie, Gomorrha

Trotz Todesdrohungen haben sich die Schriftsteller Roberto Saviano und Salman Rushdie (r.) ihren Humor bewahrt© Claudio Bresciani/EPA

Und was werden Sie nicht vermissen?

Ich werde ganz sicher nicht die herrschende neapolitanische Klasse vermissen. Zu oft haben sie mir vorgeworfen, nur ein Clown zu sein, ein Verräter. Die werde ich ganz bestimmt nicht vermissen!

Gibt es Menschen, die Ihnen die Last Ihrer schwierigen Situation abnehmen können? Oder sind Sie ganz auf sich gestellt?

Es gibt einige Menschen, die mir helfen, diese Last zu tragen. Nahestehende Menschen. Und jene, die mich beschützen. Wenn ich mit meinen Carabinieri zusammen bin, fühle ich mich zu Hause.

Wenn Sie emigrieren, werden Sie auch Ihre Carabinieri verlassen müssen.

Genau das ist einer der Gründe, die mir diese Entscheidung so schwer machen. Ich werde noch einmal ganz von vorn anfangen müssen.

Wären Sie wirklich sicher in Ländern wie Schweden oder Amerika, die sich beide bereit erklärt haben, Sie aufzunehmen? Oder ist die Camorra überall?

Ich glaube, die Situation ist ein wenig ruhiger in diesen Ländern. Ein bisschen sicherer wäre ich schon, und beschützt würde ich weiterhin.

Man kann sich die Camorra in Schweden nur schwer vorstellen. Wissen Sie von irgendwelchen Camorra-Aktivitäten hier?

Die Camorra ist hier mit Investments und im Drogenhandel tätig. Aber sie hat nicht die militärische Kontrolle über das Land.

Können Sie einen typischen Tag in Ihrem Leben beschreiben?

Ich habe fünf Bodyguards in zwei gepanzerten Wagen, mit denen ich mich fortbewegen muss. Alles, was ich machen möchte, muss drei Tage im Voraus angekündigt werden. All die Sachen, über die ein freier Mensch nicht einmal nachdenkt, wie zum Beispiel einkaufen gehen, den Müll runterbringen oder umkehren, wenn man etwas vergessen hat, sind unmöglich für mich.

Haben Sie einen festen Tagesablauf?

Ich boxe regelmäßig in den Polizeikasernen. Aber meist mache ich Sachen, die mit meinem Job zu tun haben.

Können Sie überhaupt noch recherchieren?

Dank meiner Bekanntheit habe ich heute Zugang zu mehr Quellen als früher. Dafür kann ich nicht mehr vor Ort recherchieren, wie ich es bisher gemacht habe.

Hat sich die Camorra verändert, seitdem Sie Ihr Buch veröffentlicht haben?

Nein. Allerdings bringt man ihr heute mehr Aufmerksamkeit entgegen.

Man hat den Eindruck, die Camorra sei gewalttätiger geworden.

Das täuscht. Früher konnte man nur in den Lokalzeitungen lesen, dass sie jemanden ermordet hatten. Heute kommt es sogar in die internationalen Schlagzeilen.

Offensichtlich plant der notorische Killer Giuseppe Setola ein Attentat auf Sie. Es heißt, er habe schon 50 Kilo Sprengstoff und einen Fernzünder besorgt, um Ihre gepanzerte Wagenkolonne in die Luft zu jagen - genau wie man 1992 den Mafia-Jäger Giovanni Falcone umgebracht hat. Wie schätzen Sie diese Informationen ein?

Giuseppe Setola ist ein Mensch, der sterben möchte. Und zwar als Held. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass er mich töten möchte - auch wenn er selbst dabei umkommt. Das würde ihn zum Helden machen. Er würde als Märtyrer sterben.

Wie kommen Sie darauf, dass Setola sterben möchte?

In einigen seiner Briefe an seine Clan-Mitglieder schimmert eine gewisse Todessehnsucht hindurch. Er beruft sich sogar auf Che Guevara. Er schreibt, er sei bereit, den letzten Schritt zu machen.

Haben Sie eine Botschaft für Giuseppe Setola?

Ich glaube, er wird vor mir sterben.

Roberto Saviano, Camorra, Morddrohung, Rushdie, Gomorrha

Maximale Sicherheitsstufe: Saviano schützen fünf Bodyguards und zwei gepanzerte Autos© Michel Euler/AP Photo

Der inhaftierte Francesco "Sandokan" Schiavone bedroht Sie unverhohlen. Aus seiner Gefängniszelle ließ er verlauten: "Der große Romanschreiber muss mit den irreführenden Verleumdungen gegen mich aufhören." Warum ist gerade er so aggressiv?

Weil er sich für den Boss des Casalesi-Clans hält. Er sitzt seit vielen Jahren im Gefängnis. Also muss er besonders hart gegen jemanden vorgehen, der es wagt, ihn anzugreifen.

Wird der Kampf gegen die Camorra jemals erfolgreich sein?

Vielleicht. Aber sicher erst in vielen, vielen Jahren.

Italiens Ministerpräsident Silvio Berlusconi hat 500 Fallschirmjäger nach Neapel entsandt. Was halten Sie von solchen martialischen Maßnahmen?

Das löst sicher nicht auf lange Sicht das Problem. Aber es könnte dem momentanen Blutvergießen ein Ende bereiten.

Sogar Berlusconi hat versucht, Ihnen Mut zuzusprechen. Was sollte er tun, um Sie in Neapel zu halten?

Ein Politiker kann nicht viel tun, um meine Entscheidung zu beeinflussen. Es gibt so viele Puzzleteile, die ineinandergreifen. Vielleicht sollten die Politiker erst einmal in ihren eigenen Reihen aufräumen. Ich spreche nicht von irgendeiner bestimmten Fraktion, rechts oder links. Ich meine Politiker im Allgemeinen.

Gibt es Politiker, deren Anti-Camorra-Slogans Ihnen glaubwürdig erscheinen?

Im letzten Wahlkampf wandte sich Walter Veltroni an alle Mafiosi und sagte: "Wählt uns nicht!" Das war vorbildlich.

Was bedeutet es für Sie, von den Gralshütern des Literaturnobelpreises eingeladen zu werden?

Das ist sehr wichtig. Für einen Schriftsteller ist das eines der größten Ziele, das er erreichen kann. Natürlich kommt in meinem Fall noch der symbolische Wert hinzu. Eine solche Einladung schützt mein Leben.

Rushdie griff den Islam an und wurde bedroht; Sie greifen die Camorra an und werden bedroht. Was antworten Sie den Kritikern, die sagen, dass Ihr Buch reine Provokation war?

Gewöhnlich fürchten kriminelle Organisationen keine Provokationen. Vielleicht war es ja sogar reine Provokation meinerseits, wer weiß. Tatsache ist, dass diese Provokation Millionen Leser gefunden hat. Und genau diese Aufmerksamkeit ärgert kriminelle Organisationen.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 50/2008

Von Stephan Maus
Seite 1: "Mein Killer wird eher sterben als ich"
Seite 2: Und was werden Sie nicht vermissen?
 
 
KOMMENTARE (1 von 1)
 
provocateur (13.12.2008, 16:00 Uhr)
Literaturnobelpreis für den Stern!
"So spiegeln sich an diesem Novemberabend die Lichter von 200 Jahre alten Kronleuchtern in den blanken Schädeln zweier vogelfreier Autoren."
Der Autor war beim Verfassen dieser denkwürdigen Sentenz sicherlich schon mit ein oder zwei Flaschen Rotwein intravenös abgestillt. Dafür sollte Euch die Geschmackspolizei abholen...haha...
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