
Trotz Todesdrohungen haben sich die Schriftsteller Roberto Saviano und Salman Rushdie (r.) ihren Humor bewahrt© Claudio Bresciani/EPA
Ich werde ganz sicher nicht die herrschende neapolitanische Klasse vermissen. Zu oft haben sie mir vorgeworfen, nur ein Clown zu sein, ein Verräter. Die werde ich ganz bestimmt nicht vermissen!
Es gibt einige Menschen, die mir helfen, diese Last zu tragen. Nahestehende Menschen. Und jene, die mich beschützen. Wenn ich mit meinen Carabinieri zusammen bin, fühle ich mich zu Hause.
Genau das ist einer der Gründe, die mir diese Entscheidung so schwer machen. Ich werde noch einmal ganz von vorn anfangen müssen.
Ich glaube, die Situation ist ein wenig ruhiger in diesen Ländern. Ein bisschen sicherer wäre ich schon, und beschützt würde ich weiterhin.
Die Camorra ist hier mit Investments und im Drogenhandel tätig. Aber sie hat nicht die militärische Kontrolle über das Land.
Ich habe fünf Bodyguards in zwei gepanzerten Wagen, mit denen ich mich fortbewegen muss. Alles, was ich machen möchte, muss drei Tage im Voraus angekündigt werden. All die Sachen, über die ein freier Mensch nicht einmal nachdenkt, wie zum Beispiel einkaufen gehen, den Müll runterbringen oder umkehren, wenn man etwas vergessen hat, sind unmöglich für mich.
Ich boxe regelmäßig in den Polizeikasernen. Aber meist mache ich Sachen, die mit meinem Job zu tun haben.
Dank meiner Bekanntheit habe ich heute Zugang zu mehr Quellen als früher. Dafür kann ich nicht mehr vor Ort recherchieren, wie ich es bisher gemacht habe.
Nein. Allerdings bringt man ihr heute mehr Aufmerksamkeit entgegen.
Das täuscht. Früher konnte man nur in den Lokalzeitungen lesen, dass sie jemanden ermordet hatten. Heute kommt es sogar in die internationalen Schlagzeilen.
Giuseppe Setola ist ein Mensch, der sterben möchte. Und zwar als Held. Das mag einer der Gründe dafür sein, dass er mich töten möchte - auch wenn er selbst dabei umkommt. Das würde ihn zum Helden machen. Er würde als Märtyrer sterben.
In einigen seiner Briefe an seine Clan-Mitglieder schimmert eine gewisse Todessehnsucht hindurch. Er beruft sich sogar auf Che Guevara. Er schreibt, er sei bereit, den letzten Schritt zu machen.
Ich glaube, er wird vor mir sterben.

Maximale Sicherheitsstufe: Saviano schützen fünf Bodyguards und zwei gepanzerte Autos© Michel Euler/AP Photo
Weil er sich für den Boss des Casalesi-Clans hält. Er sitzt seit vielen Jahren im Gefängnis. Also muss er besonders hart gegen jemanden vorgehen, der es wagt, ihn anzugreifen.
Vielleicht. Aber sicher erst in vielen, vielen Jahren.
Das löst sicher nicht auf lange Sicht das Problem. Aber es könnte dem momentanen Blutvergießen ein Ende bereiten.
Ein Politiker kann nicht viel tun, um meine Entscheidung zu beeinflussen. Es gibt so viele Puzzleteile, die ineinandergreifen. Vielleicht sollten die Politiker erst einmal in ihren eigenen Reihen aufräumen. Ich spreche nicht von irgendeiner bestimmten Fraktion, rechts oder links. Ich meine Politiker im Allgemeinen.
Im letzten Wahlkampf wandte sich Walter Veltroni an alle Mafiosi und sagte: "Wählt uns nicht!" Das war vorbildlich.
Das ist sehr wichtig. Für einen Schriftsteller ist das eines der größten Ziele, das er erreichen kann. Natürlich kommt in meinem Fall noch der symbolische Wert hinzu. Eine solche Einladung schützt mein Leben.
Gewöhnlich fürchten kriminelle Organisationen keine Provokationen. Vielleicht war es ja sogar reine Provokation meinerseits, wer weiß. Tatsache ist, dass diese Provokation Millionen Leser gefunden hat. Und genau diese Aufmerksamkeit ärgert kriminelle Organisationen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 50/2008