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1. Oktober 2009, 18:51 Uhr

Nur ein bisschen vergewaltigt ...

Kein Zweifel, das Schicksal jenes älteren, von vielen zum Genie erklärten Herrn aus Polen, der den Holocaust überlebte und später durch die Verbrechen der Manson-Familie seine junge Ehefrau verlor, spaltet die Nation. Längst hat sich der altvertraute Graben geöffnet - links das liberale Hollywood, rechts das "bürgerliche" Lager, das sich vor allem über seinen Ärger auf Hollywood und dessen Prius-fahrende Obama-Fans definiert. Erwartungsgemäß rufen die einen nach Law and Order, die anderen nach Action: Brett Ratner, Regisseur von "X-Men: The Last Stand", kündigte an, eine Dokumentation über Polanskis Los zu produzieren. Regie führen soll Martina Zenovich, deren sorgfältige Chronik "Wanted and Desired" über den Skandal im vergangenen Sommer im US-Fernsehen lief und dem geneigten Zuschauer noch einmal en detail die Geschehnisse vor Augen rief.

Polanski engagierte am Mittwoch einen amerikanischen Star-Anwalt, der - wie praktisch - mit dem befassten Richter in Los Angeles befreundet ist. Dass er tatsächlich vor diesem endet, halten Fachleute für fraglich - zumindest, dass dies schnell geschieht. Das Schweizer Justizministerium muss den Antrag der amerikanischen Kollegen zur Auslieferung prüfen. Das kann Monate dauern. Der Regisseur, der vor seiner Festnahme oft und gern das Alpenland besuchte, im schönen Pistennest Gstaad ein Chalet besitzt und Freiheitsentzug durch die Schweizer Behörden offenbar als so akut bedrohlich empfand wie die Gletscherschmelze, arbeitet derzeit an seinem Umzug aus der Auslieferungshaft ins Chalet, er bittet um "Hausarrest". Er sei ja auch nicht mehr der Jüngste, argumentieren seine Verteidiger.

"Er ist mir völlig fremd"

Polanskis fortgeschrittenes Alter dürfte in der Tat hilfreich sein, sollte er doch noch vor dem Richter in Los Angeles landen. Dies und die Tatsache, dass er 1977 Sex mit einer Minderjährigen zugegeben hatte; seine Geständigkeit wirkte sich mildernd auf das Urteil aus. Sein Opfer hat ihm öffentlich und mehrfach vergeben. Besser gesagt: Sie will mit dieser ganzen Geschichte nichts mehr zu tun haben. "Er ist mir völlig fremd", sagte sie in einem seltenen Interview 2003 und seufzte, dass der anschließende Feuersturm in den Medien weit traumatischer gewesen sei als Polanskis Tat.

Der Prominentenanwalt Mark Geragos, der sich schon von Michael Jackson und der Kaufhausdiebin Winona Ryder heuern ließ, bezweifelt, dass Polanski jemals hinter Gittern landet. Immerhin habe er damals - zur psychologischen Beobachtung - schon 42 Tage abgesessen. Und mittlerweile haben sich Kaliforniens Gefängnisse gefüllt. So sehr gefüllt, dass Gouverneur Arnold Schwarzenegger kürzlich frühzeitige Entlassungen ankündigte.

Kalifornien ist nämlich pleite. Vielleicht ein Glück für den "Most Wanted". Vielleicht erfährt Polanski, der sich - nach seiner traumatischen Kindheit im Ghetto - der Aussicht aufs Gefängnis in Panik entzog, bei seiner Rückkehr unverhoffte Milde. Nicht jene, die er bislang erlebte: in Europa, wo er ungestört seine Karriere verfolgen, arbeiten und reisen konnte. Sondern vor Gericht.

Ja, es gibt wohl Milde und Milde. Und wie in den meisten Fällen von Spitzfindigkeit ist der Unterschied nicht spürbar.

Von Christine Kruttschnitt, Los Angeles
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