
In diesem Jahr gewann Sa Dingding einen der angesehenen BBC-World-Music-Awards© EPA
Offensichtlich hat sie recht. Der westliche Hunger nach fernöstlicher Folklore scheint ebenso groß wie der asiatische Appetit auf westliche Elektrobeats. Bei ihren Auftritten steht Sa Dingding in ihren bunten Patchwork-Kleidern wie eine singende Gebetsfahne inmitten von tanzenden und feuerspuckenden Kung-Fu- Mönchen. Medien in Ost und West sind wie benebelt von ihrer Räucherstäbchen- Esoterik und überschlagen sich in Lobeshymnen.
Kenner der chinesischen Musik sehen Sa Dingdings Musik etwas kritischer. So sagt die chinesische Sängerin Gong Linna: "Das ist Popmusik. Professionell produziert, sehr kommerziell. Dabei wird vor allem das Tibetklischee vermarktet. Leider geht dahinter die eigentliche Qualität von Sa Dingding verloren. Sa Dingdings Musik wird aus westlicher Perspektive produziert und benutzt eigentlich kein chinesisches traditionelles Material."
Gong Linna lässt sich von chinesischen Traditionen inspirieren und bringt zusammen mit ihrem deutschen Mann, dem Experten für klassische chinesische Musik Robert Zollitsch, puristische Platten heraus. In "Walking The Path Of Life" und "Jing Ye Si" interpretiert sie althergebrachte Gesangstechniken und Volkslieder virtuos neu. Hört man Gong Linnas authentische Alben, begreift man schnell, wie sehr sich Sa Dingding schon dem stereotypen Chinabild des Westens unterworfen hat.
Nicht nur der Westen ist empfänglich für asiatische Ethno-Klischees. In Zeiten wirtschaftlichen Umbruchs sucht auch China Selbstvergewisserung in romantischen Versatzstücken seiner Traditionen und Religionen. Dabei ist Tibet in China ebenso angesagt wie im Westen. Das Dach der Welt ist die ideale Projektionsfläche für die Kapitalismusgeschädigten aller Länder.
Dass Sa Dingdings Tibet nur ein Märchenland ist, zeigt ihre Zusammenfassung des "Alive"-Videos: "Das ist die Geschichte eines modernen Mädchens, das sich zu den Ruinen des untergegangenen Königreiches Guge aufmacht. Sie spürt, dass sie eine Prinzessin aus alten Zeiten ist, die eine wunderschöne Liebesbeziehung in diesem Königreich hatte." Special Effects lassen aus alten tibetischen Ruinen einen Palast auferstehen. Ist das politisch zu verstehen? Schließlich hat China während der Kulturrevolution viele Tempel zerstört. Nun lacht nicht nur Sa Dingding, sondern auch ihre chinesische Dolmetscherin. Eine solche politische Interpretation kommt ihnen absurd vor: "Viele Dinge wurden nicht unbedingt vom Menschen zerstört. Auch der Wind kann zerstören."
An Sa Dingding lässt sich ablesen, wie ehrgeizig China dem Westen nacheifert. Nichts bewundert sie mehr als unser Musikbusiness - auf diesem Gebiet sei China ein Entwicklungsland. Und die chinesische Popmusik? Unterirdisch. Ihre Erklärung für die Abwesenheit asiatischer Musik auf dem Weltmusikmarkt ist einfach: Chinesische Popmusik sei schlicht zu schlecht. Welche Effizienz hingegen im westlichen Business! "Ich möchte meine chinesischen Freunde in dieses System einführen."
Sa Dingding ist ein gutes Beispiel für dessen Perfektion, ist sie doch selbst ein makellos konzipiertes Produkt für den Weltmusikmarkt. Bis in die klappernden Spitzen der Ohrringe ist die Inszenierung stimmig. Was ist denn nun echt an Sa Dingding? Wahrscheinlich nur die außergewöhnliche Klangfarbe ihrer Stimme. Wie würde sie selbst diese eigenartige Schattierung beschreiben? Sa Dingding windet sich in esoterischen Ausführungen über das Singen. Nein, so geht das nicht. Keine Worte mehr. Wir brauchen ein Lied. Hier in diesem Londoner Konferenzraum. Keine Elektrobeats, kein Playback. Sa Dingding, bitte ein Lied.
Die Künstlerin schaut verblüfft. Aber nur kurz. Entschieden schiebt sie ihre Teetasse von dem Mikrofon des Tonbandgerätes weg und singt ein einfaches Lied. Schon nach den ersten Takten materialisiert sich in diesem kühlen Raum der Universal eine mongolische Jurte. Augenblicklich versteht man die Vorteile einer fensterlosen Behausung aus Baumwolle und Filz: Wie leicht zerspränge Glas bei einer solchen Stimme. Wenn die Universal uns und Sa Dingding einen Gefallen tun möchte, sollte sie schnell ein Doppelalbum aufnehmen: "Sa Dingding unplugged". Ganz ohne Elektrobeats, Tibettroddel und feuerspuckende Kung-Fu-Mönche. Sogar ohne Pferdekopfgeige. Nur so fände eine echte Stimme Asiens zu sich selbst.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 35/2008