
Loren Woka, 40, ist Ex-Model und Personal Trainer© Edgar Rodtmann
Gesicherte Zahlen über Singles gibt es kaum. Von Amts wegen werden nur Ein-Personen-Haushalte erfasst. Fragt man indes nach Menschen ohne festen Partner, wie das die Partneragentur "Parship" in einer Studie von 2005 gemacht hat, kommt man auf mehr als elf Millionen Alleinstehende in Deutschland. Vor allem Akademikerinnen sind - neben männlichen Hartz-IV-Empfängern - die großen Verlierer auf dem Heiratsmarkt.
"Sie sind vielleicht zu wählerisch", sagt Soziologe Blossfeld. "Hoch qualifizierte Frauen stehen vor der unangenehmen Frage: Bleiben sie allein, oder suchen sie sich einen Partner, der unter ihrem Niveau liegt? Dagegen gibt es natürlich große Widerstände. Rein statistisch gesehen ist die Wahrscheinlichkeit sehr hoch, dass diese Frauen Single bleiben. Oder mindestens kinderlos." Vor etwas mehr als 20 Jahren sorgte das US-Magazin "Newsweek" mit einer Coverstory für Aufsehen, die sich auf eine Harvard-Studie bezog. Demnach war für eine 40-jährige Singlefrau die Chance größer, bei einem Terroranschlag ums Leben zu kommen, als den richtigen Mann zu finden.
Loren ist jetzt 40, was man ihr nicht unbedingt ansieht. Sie sagt: "Wenn ich ausgehe, bin ich die Jägerin. Ich lass einem Typen mal einen Drink hinstellen oder gebe ihm meine Nummer, wenn ich heimgehe." Mehr als ein paar Abenteuer sind dabei zuletzt nicht herausgekommen. Und dann erzählt sie von gescheiterten Beziehungen, von Sportlern, Musikern, Gastronomen. Sie sagt: "Irgendwann kommt immer eine Jüngere, die mir den Rang abläuft. Oder eine, die einfacher zu handeln ist."
Einfach ist sie nicht. "Ich will mein Leben so leben, wie ich will", sagt sie, "ich bin wahrscheinlich ein großer Egoist." Neulich hat ihr ein Ex-Freund gesagt, sie sei beziehungsunfähig. Zumindest sucht sie sich Typen aus, die nicht dauerhaft zu haben sind. Mal hatte sie was mit einem Mann, den sie durch drei Ehen begleitet hat, 13 Jahre lang. Am Ende blieb sie die Affäre. Sie sagt: "Ich bin wahrscheinlich die perfekte Geliebte." Erst lacht sie, als sie das erzählt, dann sagt sie: "Natürlich macht einen das auch nachdenklich. Das ist sicher nicht meine Vision von der Zukunft."
Auf jeden Fall entspricht es dem Zeitgeist, einer Welt der Unverbindlichkeit. Seit es Handys gibt, sagt doch jeder dauernd: "Lass uns noch mal telefonieren." Sich bloß nicht festlegen. Gilla kann einige Geschichten davon erzählen. Sie ist 30, Volljuristin in Berlin und hat gerade den Fachanwaltskurs für Arbeitsrecht absolviert. Nebenbei hat sie als Model gearbeitet. Eine Frau von makelloser Schönheit. Neulich, erzählt sie, habe ihr ein Mann ein Date abgesagt, eine Stunde vorher. Er hatte vergessen, dass Eintracht Frankfurt spielt. Gilla sagt: "Er hätte ja auch fragen können, ob ich mitgucken will."
In solchen Momenten, sagt Gilla, "fragst du dich dann: Was stimmt nicht mit mir? Oder besser: Was stimmt nicht mit ihm?" Sie sitzt im Straßencafé gegenüber der Berliner Museumsinsel, ein Ausflugsdampfer schippert vorbei, und Gilla erzählt von dieser Sonntagsmelancholie, wie sie es nennt. "Das sind die Tage, an denen man durchhängt. Draußen scheint die Sonne. Du wachst auf und fragst dich: Warum lache ich eigentlich nicht." Unter der Woche gibt es genügend Termine, Action, Ablenkung. Samstag ist der klassische Tag für Besorgungen und Ausgehen. Aber an den Sonntagen spürt sie die Einsamkeit. "Da wünscht man sich jemanden, mit dem man gemeinsam aufwacht und frühstückt, neben dem man abends wieder einschläft." Natürlich hat sie gelernt, mit sich selbst klarzukommen, sagt Gilla, aber sie hat auch keine Lust mehr, sich etwas vorzumachen. "Ich bin einfach ein Beziehungsmensch." Das Bedürfnis nach Zugehörigkeit und Geborgenheit hat jeder. Es ist eine Ursehnsucht.
Die Popkultur der Jahrtausendwende hat erfolgreiche Singlefrauen zu Vorbildern gemacht. Filme und Serien wie "Sex and the City", "Ally McBeal" oder "Bridget Jones" spielen mit dem Konflikt aus Autonomiestreben und der Suche nach dem perfekten Partner. Der Begriff "Single" ist längst kein Stigma mehr, auch Trennungen werden gesellschaftlich akzeptiert. Menschen kämpfen weniger um ihre Beziehungen. "Frauen neigen auch zur Konsumhaltung", sagt die Münchner Psychotherapeutin Anna Schoch. "Wenn der eine nicht funktioniert oder zu langweilig ist, nehmen sie den nächsten. Ex und hopp." Professor Schoch sagt, dies sei ein Phänomen der zu Ende gegangenen Postmoderne, alte Ideale sind entwertet, nichts ist mehr heilig oder wird gar hinterfragt. "Unser Gesellschaftssystem und damit auch die Paarbeziehungen sind in einer Übergangsphase. Es ist eine Zeitgeisterscheinung, dass Top-Frauen keine Partner finden. Sie sind sozusagen die Vorreiter dieser Übergangsphase."
Viele haben sich angewöhnt, permanent abzuwägen zwischen dem Risiko, allein zu bleiben, und der Angst vor Verletzung. Das Tempo ihres Lebens und die Vielzahl an Optionen treibt anspruchsvolle Frauen tiefer in die Singlefalle. Und je größer ihr soziales Netzwerk, desto geringer ist der Leidensdruck. Anna Schoch sagt: "Frauen, die etwas leisten, was darstellen, die hübsch sind, die wollen natürlich nicht den Langweiler, den Bierdimpfel. Der ist keine Herausforderung für sie."
Das Problem ist nur: Die Männer haben sich noch nicht entsprechend weiterentwickelt. Und diejenigen, die Karriere machen, wollen von einer Frau auch dafür bewundert werden. So was kriegen sie von den netten Mäuschen eher. Die Psychologin sagt: "Top-Frauen zwischen 30 und 40 mit großem Freundeskreis haben es objektiv sehr schwer. Ich habe öfter solche Frauen in meiner Praxis." Wenn Frau Schoch ehrlich ist, kann sie denen eigentlich nicht viel Hoffnung machen.
Christiane hat dieses gigantische Netzwerk auch - bedingt durch ihren Job. Sie ist 37, Leiterin "Marken- und Unternehmens- PR" in einer Münchner Agentur und natürlich ziemlich viel unterwegs. Stammtische, Events, Konferenzen - sie hat selbst gemerkt, dass das einen Mann verschrecken kann. Ihr letzter Partner plante schon das Leben im Reihenhaus in der Vorstadt. Christiane sagt: "Nicht ganz meine Vorstellung." Dabei wünscht sie sich doch Kinder - und einen Mann. "Einen, der brennt, der begeisterungsfähig ist."
Doch Männer, sagt sie, hätten oft Angst vor Unterlegenheit. Finanziell, intellektuell, na ja, auch was die Körpergröße angeht. Christiane ist 1,80 Meter. Und ähnlich groß ist ihr Selbstbewusstsein. Wahrscheinlich, glaubt Christiane, haben Männer generell ein Problem mit Alpha- Frauen. Während des Studiums hatte sie bei der Lufthansa gearbeitet, "und wenn ich einem Mann erzählt hab, ich sei Stewardess, war die Reaktion komplett anders". Deshalb hat sie sich neulich mit ihren Freundinnen überlegt, einen Weblog zu schreiben - unter der Adresse: www.ichwaerelieberblondundbloed.de.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 25/2008