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22. Juni 2008, 07:00 Uhr

Ein Engel steigt herab

Swinton als Anwältin in "Michael Clayton"© Interfoto

In ihren letzten Rollen zeigt Swinton Körpereinsatz wie selten zuvor. In "Michael Clayton" erlaubt sie sich als mit allen Wassern gewaschene Anwältin einen entblößenden Auftritt beim Ankleiden vor dem Spiegel: Fettröllchen, die in ein Business- Kostüm wie in eine Rüstung gezwängt werden, Schweißflecken unter den Armen, die man förmlich riechen kann. Auch die Am-Morgen-danach-Szenen als laszive Alkoholikerin in dem Kidnapping-Drama "Julia" (Start: 19. Juni) sind von einer derart intensiven Fleischlichkeit, dass man vor der fahlen Haut, dem Mundgeruch ihrer Leinwandfigur fast zurückzuckt. Szenen wie diese zeigen, wie weit Tilda Swinton ihre Lieblingshülse als ätherische, engelsgleiche Figur inzwischen abgestreift hat.

"Entscheidend ist für mich die Vision des Filmemachers"

Das alles und noch viel mehr, beispielsweise ihr Einsatz in Blockbustern wie "Constantine" an der Seite von Keanu Reeves, in dem neuen Werk der Coen-Brüder "Burn After Reading" als Geliebte von George Clooney oder eben in "Narnia", mag ihre Fans aus den seligen Zeiten des Underground- und Experimentalfilms mehr verstören als betören. Swinton jedoch lehnt sich entspannt zurück, nippt an ihrem Tee, fährt sich durch den signalroten Schopf und findet für ihre Hollywoodisierung eine recht deutliche Erklärung: "Ich finde das Independent- Kino ein bisschen verknöchert, weil es mittlerweile nach gewissen Regeln funktioniert: Es gibt versponnene Familiendramen oder Coming-of-Age-Storys im naturalistischen Schmuddel-Look." Neben Brad Pitt in dem neuen David-Fincher-Film "Der seltsame Fall des Benjamin Button" mitzuarbeiten, der 150 Millionen Dollar kostet, sei da viel radikaler. "Dafür entwerfen Computerfreaks ein Programm, mit dem man 20 Jahre älter aussehen kann. Das ist experimentelles Filmemachen!"

Muss sie ihre Vorliebe für riskante Rollen also komplett überdenken? "Der Risikobereich des einen ist das Entspannungsbecken des anderen", kontert sie. "Entscheidend ist für mich die Vision des Filmemachers." "Narnia" sei schon deshalb riskant gewesen, weil der kreative Prozess bei diesen großen Studioproduktionen bereits Monate vor Drehbeginn abgeschlossen sei. Und die Gefahr bestünde, dass man da gar nicht mehr reinpasse.

Hat sie einmal zugesagt und unterschrieben, schreckt Swinton aber vor nichts zurück: "Hätte der Regisseur Andrew Adamson gesagt, lass uns ‚Narnia‘ à la Fassbinder im Keller eines Hauses drehen, hätte ich das so gemacht. Aber wir haben ihn mit einer 1500-köpfigen Crew auf einem Berg in Neuseeland gedreht. So etwas kannte ich vorher gar nicht."

Was sie außer der Schauspielerei noch kann

In "Julia" gibt sie eine furiose One-Woman-Show als exzessive Trinkerin. Wie sie sich auf diese knüppelharte Rolle vorbereitet habe? "Ich habe mein ganzes Leben mit Alkoholikern verbracht", sagt sie. Jeder kenne doch in seiner Familie oder dem engeren Bekanntenkreis einen, der regelmäßig zu viel trinke. Den Kater danach beschreibt sie als "merkwürdigen Zustand, als ob bei deinem Fahrrad die Kette gerissen ist und du dich trotzdem abstrampelst".

Und was kann sie außer der Schauspielerei noch gut? "Meine Fischpastete ist wirklich außergewöhnlich. Ich bin gut im Finden von Dingen. Und im Reparieren von Dingen." Sie macht eine kleine Denkpause, es erscheinen wirklich ein paar zarte Fältchen auf ihrem fast makellosen Gesicht, und ihre irritierend grünen Augen leuchten noch ein wenig kräftiger, als sie schließlich sagt: "Und ich kann sehr gut rückwärts einparken. Sogar mit einem Land Rover, ohne diese automatische Einparkhilfe! Ungewöhnlich, dass das einer Frau überhaupt erlaubt wird." Da will man dann doch wieder ins Schwärmen geraten.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 25/2008

Neu im Kino: "Julia" Eine Frau sieht blau Im zweiten Teil der "Chroniken von Narnia" (Start: 31. Juli 2008) hat ihre Weiße Hexe leider nur einen Kurzauftritt. Die unfassbare Wandlungsfähigkeit von Tilda Swinton kann man dafür in "Julia" ausgiebig bewundern. Die Titelrolle einer selbstzerstörerischen Alkoholikerin, der die Entführung eines Neunjährigen aus dem Ruder läuft, meistert Swinton furios uneitel - der Film des Franzosen Erick Zonca wirkt dagegen seltsam unentschlossen und überlang. Zwei Sterne, nur wegen Tilda drei.

Mitarbeit: Bernd Teichmann
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