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5. Juni 2008, 11:27 Uhr

Der Laufsteg ins Ungewisse

Janina, 23, Friseurin: "Es war für mich wie eine Art Lebensschule"© Jörg Carstensen/dpa

Dazu fehlte der rheinischen Entertainerin das, mit Verlaub, aristokratische Format der Zurückhaltung. Und ein bisschen auch das körperliche Format der schmalen, hochgewachsenen Frau. Die Laufstege von Paris und Mailand hat sie nie in Couture- Garderobe betreten, nach ihrer Entdeckung in der Gottschalk-Show "Model 92" ging ihr Weg nach New York. Mit eisernem Willen setzte sie dort ihre Karrierepläne durch und wurde sehr schnell auf dem Cover der Bikini-Bibel "Sports Illustrated" und als Galionsfigur für den Dessous-Giganten "Victoria's Secret" beim Volke berühmt. Dass Klum dann auch beim amerikanischen Talk-Großmeister David Letterman jodelte und von Sauerkrautsuppe schwärmte, machte sie endgültig zur erfolgreichsten Modelentertainerin, oder, anders gesagt, zum erfolgreichsten Volksmodel überhaupt. Dass sich das vornehme Design mit Grausen von einem Mädchen abwandte, das seltener in der "Vogue", dafür millionenfach in Spinden und Jungszimmern als Pin-up zu sehen war, konnte sie verkraften. "Das Spiel mitspielen und die Mitspieler übertreffen" nennt sie eine ihrer Lebensweisheiten in ihrem Buch "Natürlich erfolgreich".

Die "Klum-Maschine"

Spiel ist gut, mittlerweile muss man von der Klum-Maschine sprechen, denn geschäftlich betrachtet, sind Heidi Klum und die "Heidi Klum GmbH" ihres Vaters Günther Klum die Firmenzentrale eines, ja was, Selbstdarstellungskonzerns. Schaut man genauer hinter die Kulissen von GNTM, wird schnell klar, dass es drei Monate lang nicht um die Findung eines Topmodels ging, sondern um die mediale Rekrutierung von Personal, das fortan von einem Agenturknäuel aus IMG, Heidi Klum GmbH und der Pro-Sieben-Firma Face your brand in einem Vertragskäfig gehalten wird. Der verspricht zwar viele kleine Jobs wie Katalogfotos, Rote-Teppich-Auftritte oder, wie bei der Siegerin 2007 Barbara Meier, einen Werbespot für Haarshampoo, aber keine große Karriere.

Peyman Amin, IMG-Booker und Mitglied der GNTM-Jury, versichert, dass man so ein Topmodel von Paris aus genauso führen könnte wie von München oder Hamburg, und sagt dazu, "die Siegerin ist ja nicht automatisch ein Topmodel, sondern eine, in der wir das Potenzial zu einem Topmodel sehen". Louisa von Minckwitz, die ein paar ehemalige GNTM-Mädchen in ihrer Agentur erfolgreich managt, hält dagegen: "Da sind und da waren ein paar gute Mädchen dabei, und eine gute Agentur in Deutschland hätte die Karrieren auch aufbauen können. Aber was soll eine Agentur, die noch nicht einmal ein Büro in Deutschland hat?"

Hat sie schon, aber eben nicht IMG, sondern die Heidi Klum GmbH in Bergisch- Gladbach. Von hier aus dirigiert und kontrolliert der Ex-4711-Produktionsleiter Günther Klum seinen ganz eigenen Mädchenhandel. Denn wer bei GNTM unter die letzten 19 kam, ist vertraglich an Klum gebunden, der, sagen wir mal so, ein Neueinsteiger im Agenturgeschäft ist. Die HK GmbH und Pro Sieben teilen sich alle Aktivitäten der Models, wenn sie an Kunden wie C & A, McDonalds oder den Hauptsponsor von GNTM - an VW - vermittelt werden. An das Netzwerk also, das Papa Klum mit seiner Tochter sowieso schon gesponnen hat und das von dem Prädikat "Topmodel" laufstegweit entfernt ist.

Auch Vater Klum profitiert von den Superverträgen

Dass Günther Klum dafür mit Knebelverträgen auch noch 40 Prozent Provision kassiert, verneinen er und auch Pro Sieben entschieden. Klum: "Es ist weniger. Und jedes Model zahlt Agenturprovisionen, das ist ganz normal." Normal sind in Deutschland 15 bis 20 Prozent, aber dazu will Papa Klum doch anmerken: "Ohne Heidis Show wären die Mädels nichts, das muss man mal klar sagen. Die verdienen dadurch eine Menge Geld. Barbara Meier hat heute drei Superverträge: C & A, Haare, Schokolade - als ehemalige Studentin aus Amberg. Also, von denen kann sich keine beklagen."

Von den Superverträgen profitiert natürlich Günther Klum, der ehemalige Kölnisch- Wasser-Produktionsleiter aus Bergisch- Gladbach sollte sich also auch nicht beklagen. Folgendes Geschäftsprinzip schimmert hier durch: GNTM macht in drei Monaten eine Reihe junger Frauen in Deutschland prominent und verdient dabei und danach an dieser Prominenz, egal, ob die Mädchen Pullover in Katalogen zeigen, Autohäuser eröffnen oder zur Pro-Sieben- "Star Force" gehören. In der Branche wird bezweifelt, ob Klum das Händchen hat, seine TV-Models in den klassischen Markt des Modelbooking zu führen. So ist die HK GmbH auch nicht Mitglied bei Velma, dem Verband deutscher Modelagenturen. Von Strategie, der Planung einer Modelkarriere also, ist bisher wenig zu spüren. Von Fußvolkbeschaffung für die Kategorie-B-Prominenz schon eher.

Diese Prominenz spüren sie schon jetzt, die fünf verbliebenen Mädchen. Carolin aus Kelkheim sagt, dass sie eigentlich nicht mehr allein nach Frankfurt gehen kann, "weil ich dauernd angesprochen werde und Autogramme gebe". Sie führen jetzt das Leben kleiner Stars, sie werden für den stern fotografiert, sie sitzen in der "Kerner- Show", und sie sehen ihre Bilder in der "Bravo". Bis auf das Finale am 5. Juni ist die Sendung fertig produziert, und das geheime Wissen, wer von ihnen wirklich ins Finale kommt, überspielen sie mit leichter Anstrengung. Nur manchmal meint man in einem Gesicht einen Anflug von Siegerlächeln gerlächeln und in einem andern eine stille Traurigkeit zu sehen, aber sie haben ein bisschen was übers Modeln gelernt, und dazu gehört nun mal, zack, ein Lächeln auf Kommando.

Nichts stehe fest, wird versichert

Manchen von ihnen, wie Wanda und Janina aus Hamburg, sind Fotostudios keine fremden Orte, sie hatten es schon vor der Show in diesem Geschäft versucht, Wanda, Absolventin der Hamburger Stage School, sogar mit einer Agentur, und Janina, Friseurin, als Kindermodel. Sie sprechen untereinander wie Flugbegleiterinnen eines Großraumjets, freundlich, sachlich, aber nicht innig befreundet. Sie sind Showpersonal, Carolin, mit abgeschlossenem BWL-Studium, und Jennifer, die Schülerin, 10. Klasse. Als GNTM anfing, mussten sie alle ihre Handys abgeben, später, in der Model-WG in Los Angeles, durften sie am Tag eine Viertelstunde telefonieren. Aber nur, wenn die Kamera dabei war, und "da überlegt man sich genau, wie viel Privates man da erzählt", sagt Christina, die aus der Nähe von Würzburg kommt. Dass sie von mehr als 18 000 Bewerberinnen die letzten fünf sind, sehen sie genauso als Gewinn wie die Wochen mit Heidi Klum. "Es geht ja nicht nur ums Modeln, das war schon eher Lebensschule. Wir mussten lernen, Ängste zu überwinden und mit Extremsituationen umzugehen", sagt Wanda. Sie habe aber auch gelernt, sich "nicht ganz so ernst zu nehmen", meint Christina, und Jennifer sagt, sie könne heute "die Posen lesen", wenn sie andere Models auf Bildern sieht.

Dass sie seit Wochen geliebte und gehasste Objekte in Internetforen sind, dass dort nicht nur Teenager, sondern jedermann über sie ludert, "die blöde Kuh soll gehen", und "die G. ist zum Kotzen" lästert - das haben sie erst jetzt realisiert. "Ich hab da manchmal kurz reingeschaut, es dann aber gelassen", sagt Christina. Teil der Show ist auch, sich als Objekt jedweden Gewäsches der teils grenzwertigen Netzgemeinde hergeben zu müssen. Die Maschine Klum verwertet, was zu verwerten ist. Als vor Wochen die Kandidatin Gina-Lisa tränenüberflutet gehen musste und sich dennoch eine Fangemeinde für ihren derben Charme formierte, roch Pro Sieben den Zlatko-Faktor und stellte eine eigene Gina-Lisa-Seite ins Netz. Seitdem ist "zack, die Bohne" auch so ein lukrativer Apfel, der vom GNTM-Baum gefallen ist.

Auch die Spekulationen über geheime Listen, auf denen die Siegerin längst gekürt ist, sieht man beim Sender als Teil der Show. Nichts stehe fest, wird versichert. Und das Cover der Zeitschrift "Cosmopolitan", auf dem die Siegerin zu sehen sein wird, sei schon mit allen fünf fotografiert worden. In Wahrheit kann es der Klum-Maschine egal sein, wer am Ende "Germany's Next Topmodel" ist. Denn dann ist die Show ja vorbei.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 23/2008

Von Jochen Siemens
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KOMMENTARE (10 von 10)
 
bob-der-meister (05.06.2008, 16:22 Uhr)
Fiori, du hast Recht!
Es ist wirklich ein Jammer. Model ist echt ein "Beruf" den die Welt nicht in den Mengen braucht, wie Pro7 und Heidi Klum der Welt weismachen will.
Opium fürs Volk eben und stern schreibt mit seiner Pseudo-Kritik mal wieder drei Seiten voll. Pro7 wird's freuen!
Fiori-Figaro (05.06.2008, 16:01 Uhr)
Super Artikel!
Ja Mensch, endlich sagt hier jemand mal die Wahrheit!!! Es ist wirklich so: Donnerstag abend 20.15 Uhr: Prosieben geht an, der Verstand geht aus...völlig automatisch während die menschliche Sensationslust gestillt wird. Aber man muss auch mal kritisch an die Sache gehen. Heidi Klum und ihre Sendung sind streng kalkulierte Volksverdummung. Trotzdem muss ich es mitverfolgen...traurig, nicht wahr?
chriswoj (05.06.2008, 14:35 Uhr)
@columbia10
ich stimme dir zu.
Leben und leben lassen, ..
columbia10 (05.06.2008, 14:20 Uhr)
Habt ihr ein Problem??
War nich anders zu erwarten: Dass einige hübsche Mädchen die einmalige Gelegenheit bekommen, rund um den Globus zu reisen und in kurzer Zeit tolle Erfahrungen zu machen, spielt natürlich im Artikel keine Rolle - und bei den bisherigen Zuschriften, die teilweise sehr primitiv daher kommen. Ist das wieder (typisch deutsch??) alles schlecht zu reden? Schon mal überlegt, welche Chancen diese Mädchen auch bekommen? Ist es schlimm, dass auch andere, die das Ganze organisieren, daran mitverdienen? Ihr habt schon ein echtes Problem. Entspannt euch mal.
Lain (05.06.2008, 13:51 Uhr)
Wer
so blöd ist da mit zu machen hat es auch nicht anders verdient als ausgenommen und verarscht zu werden....hab noch nicht eine Folge von diesem Mist gesehen und hab es auch nicht vor.
Maria1000 (05.06.2008, 13:18 Uhr)
"Volksmodel" trifft es auf den Punkt!
Neben Heidi taugt auch der Rest der Pseudo-Topmodels zu nichts anderem!
Diese Sendung ist eine Veräppelung der Kandidatinnen und der Zuschauer, für letztere scheint es wenigstens "unterhaltend" zu sein, wenn auch auf Kosten naiver Dorf- und/oder Katalogschönheiten, zu MEHR hat es weder bei den vorherigen Kandidatinnen noch den derzeitigen gereicht!
Wer ERNSTHAFT Topmodel werden will als Karriereendziel, sollte scihe infach bei allen grösseren seriösen renomierten und/oder "Nischen"-Agenturen vorstellen, kostet nichts, weder am Geldbeutel noch an der Seele, und man erfährt die WAHREN Chancen!
shine (05.06.2008, 12:54 Uhr)
Afghanistans Next Top Model??
Im Bericht stand, daß die Sendung sogar in Afghanistan existiert. Mich würde interessieren, wie das dort aussieht mit den ganzen Burkas :) Ich werd mal bei youtube surfen....
malibuli (05.06.2008, 12:48 Uhr)
Stern ist schlimmer als Bild
Ich habe keine Folge GNTM gesehen und kann es trotzdem nicht verhindern, davon zu erfahren. Das ist sehr traurig. Wäre doch viel besser, wenn es so wäre:"Hallo, ich bin Heidi Klum ...";"Heidi wer?"
Heidi Klum ist das, was Dieter Bohlen vor ein paar Jahren war. Da konnte man ihn in 5 Werbespots von verschiedenen Firmen sehen etc. Solche Dinge erledigen sich von alleine, wenn man ihnen keine Aufmerksamkeit mehr schenkt
Kalox (05.06.2008, 12:31 Uhr)
äh
...der dümmste job der welt? model!
Dieter37 (05.06.2008, 12:24 Uhr)
Na da...
...kommt einem doch das Kotzen !
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