
Kissing all over the world: Heidi spitzt die Lippen bei der "Star Trek"-Premiere in Los Angeles© Matt Sayles/AP Photo
Eine andere große Heidi im Model-Geschäft, die Agenturchefin Heidi Gross aus Hamburg ("Model Management"), erinnert sich noch genau, wie 1998 der Anruf kam von Günther Klum: "Ich brauche jetzt eine anständige Agentur." Gross ist die Grande Dame der Model-Macher, betreut Germanys wahre Topmodels wie Claudia Schiffer sowie Brasiliens Top-Beauty Gisele Bündchen, "dat Gisela" genannt von Vater Klum. Gross erzählt, sie habe die dicken Verträge für Heidi in den ersten Karrierejahren an Land gezogen: den vierjährigen Werbevertrag mit McDonald's. Oder die seit sieben Jahren bestehende Geschäftsverbindung mit dem Beauty-Konzern LR, der Klums Kosmetikprodukte und die Düfte der "GNTM"-Gewinnerinnen vermarktet. Den Vertrag mit Katjes. Sogar die Vertragsverhandlungen für "Germany's next Topmodel" habe sie geführt.
Dennoch: Günther Klum beendete im Jahre 2005 die bis dahin so fruchtbare Zusammenarbeit mit Heidi Gross. Ja, der Herr Klum. Immer wieder hört man, die Heidi sei ja nett, das Schlimme sei ihr Vater. Und das Schlimme an ihr: dass sie ihren Vater alles machen lässt. Nur ihm vertraut sie. Günther Klum weiß, wie man Redakteure wahnsinnig macht mit ständigen Forderungen: noch einen Flug für Seal, einen für das Kindermädchen, erste Klasse Minimum. Dass die "Topmodel"-Staffel zu einem beträchtlichen Teil in Los Angeles gedreht wurde, soll auch daran liegen, dass es für die Produktionsfirma günstiger war, die Mädchen und das Team für die Dreharbeiten dorthin zu fliegen als immer wieder Heidi samt Entourage nach Deutschland.
Befragt zu Günther Klum und seinen Geschäftsmethoden, werden viele Menschen sehr schweigsam. Das betrifft Regisseure, Marketingchefs, Produzenten. Keiner will Ärger riskieren mit Klum, Heidis Vollstrecker, der gern mit Anwälten droht. Einige raunen, es müsse "sehr gut überlegt sein", ob man sich äußern solle. Dann sind sie nicht mehr erreichbar. In Urlaub, in Konferenzen, erkrankt. Es ist ein bisschen wie in einem Mafia-Film.
Schweigen auch bei Heidis früherem "GNTM"-Co-Juror Bruce Darnell, beim Stylisten Boris Entrup und anderen "Topmodel"-Mitarbeitern, sobald der Name Klum fällt. Selbst die bei der Plattenfirma Warner vorgetragene Bitte nach einem Gespräch mit Seal über seine Frau endet mit der Auskunft: Da müssen Sie Herrn Klum fragen.
Das wollen wir gern tun. Auftritt Günther Klum himself. Klum ist eine mächtige Erscheinung, eine Mischung aus Weihnachtsmann und Schießbudenbesitzer. Er vermittelt rasch: mein Revier. Vollbart, Gel im Haar und Brille mit Goldbügeln und Goldsteg, die Gläser verdunkeln sich bei Sonnenschein. Er trägt Birkenstock-Latschen aus Heidis Kollektion, bedruckt mit dem Text von "Kiss from a Rose", dem größten Erfolg seines singenden den Schwiegersohns. In seinem früheren Leben war Günther Klum Produktionsleiter bei 4711. Jetzt managt er das Produkt Heidi Klum, wobei er das Wort Manager nicht mag. Er ist Geschäftsführer der Heidi Klum GmbH und Co. KG mit Sitz in Bergisch Gladbach. Die Firma leitet er, als wär's ein Klempnerladen oder eine Autowerkstatt. Ruppig, robust, patriarchalisch. Post von Günther bekommt man meist vorab als Fax und am Folgetag noch mal als Brief: vorn eine Wohlfahrtsmarke, hinten ein rotes Siegel mit einem großen "H" für Heidi. Das Wachs kauft er in Fünf-Kilo-Säcken.
Bergisch Gladbach: Klum-Town. Wo alle herkommen, wo alles anfing, wo alle so bekennend verwurzelt sind. Karl-Heinz Eil ruft erst mal "beim Jünther" an, bevor er über ihn spricht. Eil ist Friseur. Erna Klum hat früher in seinem Salon gearbeitet. Er ist der Mann, den Günther Klum an seine Haare lässt. Ein enger Freund der Familie ist auch Fritz Roth, der Bestatter. Von ihm möchte Günther Klum eines fernen Tags unter die Erde gebracht werden. Roth bescheinigt Klum "einen weichen Kern", immerhin, "aber er kann sehr kantig sein und kompromisslos. Eigentlich will er nur anerkannt werden. Er hat die Heidi ja geschmiedet. Er glaubt an sie. Und an sich".
Heidis Lieblingsrestaurant ist "Hähnchen Ewald" in Kürten, 20 Autominuten vom Elternhaus entfernt. An der Wand hängt ein Foto von Heidi Klum, kaum geschminkt und wenig glamourös. Der Wirt Reiner Herzhoff räumt ein, "wenn sie nicht zurechtgemacht ist, erkennen die Gäste sie manchmal gar nicht". Wenn die Klums kommen, kommen sie alle. Mit Kind und Kegel. Das machen sie bei Hähnchen Ewald genauso wie bei der Escada-Gala. Nur dass bei Hähnchen Ewald hinterher keiner tuschelt, da hätten wieder "die deutschen Flodders" in der ersten Reihe gesessen.
In Kürten haben die Stammgäste auch mal den Flavio Briatore gesehen, nun kommt die Heidi mit Seal. Soll der doch zusehen, wie er diesen Kulturschock verdaut. Heidi gibt es eben nur mit dem gesamten Paket, der schräge Günther gehört dazu wie die übrige Folklore und das Engagement der Familie im rheinischen Karneval. Wenn die Klums beim Rosenmontagszug dabei sind, vom Wagen winkend und Kamelle werfend, lacht Seal tapfer mit - es muss Liebe sein.
Und man gibt auch gern im Hause Klum. So unterstützen Heidi und Günther seit Jahren das Bethanien-Kinderdorf in Bergisch Gladbach. Heidi war mehrmals zu Besuch, hat auch schon mit den Kindern Lebkuchen gebacken. Als sie beim Promi-"Wer wird Millionär?" antrat, ging ihr Gewinn ans Kinderdorf, ebenso der Erlös ihrer CD "Wonderland". Beinahe wäre auch Heinz Fischer zum Spender geworden.
Der Hartz-IV-Empfänger aus Aue im Erzgebirge hatte im Oktober 2008 das Foto eines Marilyn-Monroe-Doubles von einer amerikanischen Website gefischt und auf den Flyer gedruckt, der für eine Party werben sollte. Dass die Blondine mit dem Kussmund, deren Bild er da unter die Leute brachte, Heidi Klum war, wusste Fischer nicht. Er sollte es erfahren, als ihn Günther Klum anrief. Wo er die Rechnung über 142.800 Euro - 100.000 Euro Fotohonorar plus 20.000 Euro Agenturprovision plus Mehrwertsteuer - denn nun hinschicken solle, polterte Klum. Mittlerweile hat das Gericht entschieden: Fischer muss 2300 Euro zahlen. Aber die hat schon Jenny Elvers-Elbertzhagen gespendet, die von Fischers Not las und ihm im Kampf gegen die Klums unter die Arme griff. Heinz Fischer seufzt: "Hätte Heidi bloß zu ihrem Vater gesagt: 'Nun lass doch den armen Mann in Ruhe!'"
Er glaubt fest, dass es bei den Klums eine Schöne gibt. Und ein Biest. Und er weiß nicht, dass das eine ohne das andere nicht sein kann.
Mitarbeit: Ulrike von Bülow, Helge Hopp, Alexander Kühn, Stefanie Luxat
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 20/2009