
"Achselhaare sind ja heutzutage wie eine Art Kunstprojekt. Völlig skandalös!"© Birgit Klemt
Roche: Ich bin so erzogen worden, dass Jungen und Mädchen ganz klar das Gleiche können. Und dann kam die Schule. Das war ein Riesenschock! All diese Sachen, zum Beispiel, wie schwierig das ist, dass eine Frau ständig sauber sein soll, und dass das weibliche Geschlechtsorgan als etwas Dreckiges ständig mit Hygieneartikeln traktiert werden muss - diese Dinge kamen in meiner Familie nicht vor. Das waren meine Beobachtungen, als ich als beschütztes Feministenkind in die große böse Welt rauskam und dachte: "Was erzählen denn die Mütter von meinen Freundinnen den Freundinnen?" Da hab ich das gespürt.
Roche: Ja, schrecklich, oder?
Von Schirach: Deswegen muss genau da der Widerstand einsetzen: den Körper selbst in die Hand nehmen, die Bestimmung über den Körper selbst gestalten. Das wird im Übrigen auch für Männer immer schwieriger. Auch der männliche Körper ist mehr und mehr vom Optimierungsdruck betroffen.
Roche: Interessant, das hör ich von Männern auch häufiger ...
Von Schirach: An diesem Punkt bin ich eher Humanistin als Feministin. Attraktiv sein, sexy sein - das sind Werte geworden, die nicht mal mehr auf Sex verweisen. Dieser übersteigerte Körperwahn. Da siehst du dann Männer, die aussehen, als seien sie frisch aus einem Porno gefallen, und du denkst dir, Mann, der Typ ist so mit sich beschäftigt, der hat bestimmt schon lange keinen Sex mehr gehabt.
Roche: Im Vergleich zu dem, was Frauen an ihrem Körper machen müssen oder welche Vorbilder den Frauen hingestellt werden, ist das mit den Männern eher harmlos. So Sachen wie Magersucht und Bulimie, das sind alles Frauenthemen. Es gibt vielleicht eine Handvoll Männer, die das haben, aber im großen Ganzen - alles Frauen, Frauen, Frauen.
Von Schirach: Ohne Zweifel ist die männliche Souveränität oft größer. Und wird in der ganzen Kulturproduktion unheimlich gefördert. Aber es bröckelt. In der Sauna sieht man immer öfter komplett enthaarte Männer. Ein Freund von mir, der selbst ziemlich haarig ist, nannte diese Männer „Delfine“ und war plötzlich ganz verunsichert. Dann fing er an, darüber nachzudenken. All das entsteht auch durch das Zuviel an Bildern. Und bei beiden, bei Männern und Frauen, kann es das Selbstbewusstsein zerstören.
Roche: Eine Frau trennt in Bezug auf ihren Körper nicht zwischen Medienbildern und der Wirklichkeit. Das gute Aussehen ist für eine Frau leider immer noch das allerhöchste Gut. Und es gibt eine plumpe, aber leider immer noch gültige Erklärung: Wir denken immer noch, je besser wir aussehen, einen umso besseren Mann kriegen wir ab. Das ist so alt und angeblich so überholt. Doch es gibt keine andere Erklärung, warum wir uns als Frauen so fertig machen lassen und so akribisch auf unser Aussehen achten.
Roche: Ich wähle Brad Pitt, trotz seines Aussehens, aber da passt wenigstens die sexuelle Orientierung. Erst mal ist der Mann der beste, der sich in seinem Körper wohlfühlt. Im Prinzip sagt das auch jeder Mann über seine Frau. Wie viele Männer würden sich wünschen, dass ihre Frau sich verdammt noch mal wohlfühlt in ihrem okayen oder normalen oder weiblichen Körper. Es sind nicht die Männer, die zu ihren Frauen sagen, dein Arsch ist zu dick. Aber die Frau denkt das von sich.
Roche: Der Speck, den du zulegst während einer Schwangerschaft, wird behandelt wie eine Krankheit. Das muss sofort weg! Aber was ist mit all den Frauen, die danach nie wieder so aussehen wie vorher?
Von Schirach: Kraft, Schönheit und Jugend gelten als Leistungsmerkmale. Leute, die so reden, wollen am liebsten den Körper abschaffen. Den menschlichen, alternden, stinkenden, wunderbaren Körper.
Roche: Stimmt. Da war zum Beispiel ein Model, das mir sagte: "Du sollst so ordinär sein" und so was. Aber ich würde doch nie zu einem Model, das neben mir sitzt, sagen, "du Sau, du rasierst dich, ich hasse dich" - niemals! Seit das Buch draußen ist, denken manche Leute offenbar, ich sei ein Monstrum.
Roche: Ich wollte etwas schreiben, was mich selber angeht. Was viel mit meiner persönlichen Peinlichkeit zu tun hat. Das Mädchen in meinem Buch hat viel von mir. Es geht um die Erforschung meiner Peinlichkeit und Schamgrenzen.
Roche: Das Buch zeigt, dass ich zugebe, dass diese Themen total meine Themen sind. Dass ich supergern in Form von Zoten oder Humor im Freundeskreis über so was rede. Außerdem: Es ist sinnvoll für Frauen, viel über körperliche Sachen zu reden, damit man nicht denkt, man ist alleine mit dem, was man hat. Das fängt bei Mädchen mit der Periode an. Oder mit irgendwelchen Ausflüssen. Leider, das ist meine Erfahrung, hört man in der Pubertät auf, sich darüber zu unterhalten.
Roche: Wie schwierig das ist, diese Hürde zu überwinden, mal was anzusprechen! Wenn ich jetzt mit Frauen rede, sagen die - egal, wie cool die sonst sind -, sie haben noch nie mit ihrer Freundin über Selbstbefriedigung geredet.
Roche: Ich bin da auch nicht ganz weit vorn.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 12/2008
Ariadne von Schirach Gegen die Bilder... Ariadne von Schirach, 1978 in München geboren, studierte Philosophie und lebt als freie Autorin in Berlin. 2007 erschien "Der Tanz um die Lust" (Goldmann): ein essayistisches Sachbuch über das Liebesleben junger Großstädter, das sich kritisch mit den Folgen einer zusehends sexualisierten und pornografisierten Gesellschaft auseinandersetzt. Ihr Fazit: Wir alle sind einem Körper- Optimierungswahn ausgesetzt, der unser Selbstbewusstsein zerstört und unsere Beziehungen gefährdet.