
Kim Heinzelmann ist 29 und TV-Moderatorin© Edgar Rodtmann
Zwei Drittel aller Singles sind zwischen ihren Beziehungen etwa zwei Jahre lang solo. Christiane ist jetzt seit drei Jahren allein. Sie sagt: "So lange war ich noch nie auf dem Markt." Ein Grund zu Besorgnis sei das noch lange nicht. "Noch sehe ich das entspannt, selbst wenn das fünf Jahre so weitergeht."
Zeit ist wahrscheinlich der entscheidende Faktor auf dem Heiratsmarkt. Gerade die erfolgreichen Frauen verpassen es, sich zu binden, wenn ihr Marktwert am höchsten ist, sagt ein Experte, der mit so einem Satz aber nicht zitiert werden will. Männer binden sich, wenn sie sich materiell abgesichert und beruflich etabliert fühlen. Dann geht alles ganz schnell. Das durchschnittliche Heiratsalter deutscher Männer liegt bei 32 Jahren. Dann sind sie weg vom Markt. Jedenfalls erst einmal. Aber so wie es einen zweiten Bildungsweg gibt, existiert ein zweiter Heiratsmarkt. Das sind die Scheidungsopfer. Die Unfallwagen. PR-Frau Christiane sagt: "So ist es nun mal, und wenn einer Kinder mitbringt, muss man das akzeptieren. Jeder hat sein Vorleben, seine Historie."
Sie hat vor einer ganzen Weile mit dem Online-Dating angefangen. Es ist die unverfänglichste Art der Partnersuche, sie ist nicht räumlich oder sozial auf Freundeskreis und Arbeitsumfeld begrenzt. Vor allem ist es die einzige, die man daheim vom Sofa aus betreiben kann. Zwischendurch, wenn halt grad mal Zeit ist. Christiane sagt: "Da sind ganz tolle und spannende Menschen dabei." Ein paar hat sie schon getroffen. Nur: So richtig klick gemacht hat es bisher bei noch keinem.
Agenturen wie Parship und Elite-Partner haben jeweils mehr als eine Million Mitglieder. Die Prozedur beginnt mit einem halbstündigen Psychotest, um ein Persönlichkeitsprofil zu erstellen. Das ist Hürde und Signal zugleich, es soll sicherstellen, dass sich nur Leute anmelden, die es ernst meinen. Sven Hasselmann, einer der beiden Geschäftsführer von Elite-Partner, sagt: "Viele merken erst durch den Test, dass sie womöglich jahrelang dem falschen Beuteschema gefolgt sind." Es gehe auch um Abrüstung, um ein Ende der Coolness: "Partnersuche im Netz ist das beiderseitige Eingeständnis: Ich bin Single, will es aber nicht bleiben."
Im Prinzip ist Online-Dating eine Rasterfahndung in Hochgeschwindigkeit. Christiane sagt: "Für mich ist es vor allem Strategie. Ich mache alles in meinem Leben strategisch - und Liebe soll so einfach vom Himmel fallen?" Online-Dating passt perfekt in unsere Zeit. Kein Wunder, dass die Branche boomt: Allein die Agentur Parship hat vergangenes Jahr ihren Umsatz um mehr als 100 Prozent auf 46 Millionen Euro gesteigert. Die Effizienzmaßstäbe, wie sie im Beruf gelten, werden nun in ähnlicher Form auch auf die Partnersuche angewendet.
Die Online-Suche ist perfekt zugeschnitten auf beruflich erfolgreiche Singlefrauen. Christiane sagt: "Ich maximiere meine Chancen, außerdem hat es auch eine spielerische Komponente." Sie tauscht mit ihrer Freundin die Zugangsdaten aus, so können sie beide gegenseitig die Typen überprüfen, die sich da melden. Sie steht mit vier, fünf Männern parallel in Mail- Kontakt. Das ist nicht unmoralisch, alle machen das so - zumindest, bis sie das Gefühl haben, sich auf einen fokussieren zu wollen. Es ist ein bisschen wie beim Fondue: Am Anfang, wenn man noch richtig Hunger hat, hält man immer mehrere Gabeln in den Topf.
Liebe auf Knopfdruck? Für die Berlinerin Johanna ist das ein undenkbares Konzept. Als religiöser Mensch glaubt sie an die Kraft metaphysischer Vorbestimmung. "Wenn ich glaube", sagt sie, "dann muss ich lernen zu akzeptieren." Enttäuschungen und Rückschläge. Sie ist 36 und schwärmerisch und verträumt und gleichzeitig radikal. Das verleiht ihr eine gewisse Engelhaftigkeit.
Wir sitzen im "A-Trane", einem legendären Berliner Jazz-Laden in Charlottenburg; es ist dunkel, die Luft stickig, und man möchte gar nicht wissen, wie das wohl war, bevor es das Rauchverbot gab. Johanna sagt, dies sei ein klassischer Ort für ihre Vergangenheit und eine große Liebe, das war vor 15 Jahren. Sie hat ihn gleich geheiratet, einen kanadischen Musiker, zehn Jahre älter, keine Kohle, sie ging trotzdem nach Montreal, na klar. Sie sagt: "Als ich merkte, dass ich kein Kind von ihm wollte, war die Ehe vorbei." Acht Jahre brauchte sie bis zu dieser Erkenntnis. Am nächsten Tag hatte er eine Neue. Johanna erzählt auch, dass sie ziemlich fertig war nach ihrer Trennung, sie hatte ganz schrecklich abgenommen zum Schluss.
In den letzten Jahren dann hat sie eine Menge ausprobiert: Anwälte, weil sie deren geregelten Rhythmus so gern mochte. Adlige. "Aber bei denen bin ich nicht wirklich gelandet. Warum nicht? Weil ich nicht dazugehörte. Die wollten mich nur kurz, aber nie ernsthaft. Nicht das ganze Programm." Und von dem "ganzen Programm" hat die Schauspielerin inzwischen eine klare Idee. Johanna sagt: "Ich glaube, dass es zwei Säulen gibt, die für eine gute Beziehung wichtig sind, nämlich das Gespräch und der Sex. Wenn beides stimmt, kann es funktionieren, dann ginge auch Liebe als Entscheidung."
Sie sagt viele solcher Sätze. Aber vor allem muss ein Mann weltgewandt sein, Akademiker und intelligent, wenn er für sie infrage kommen soll. Und er sollte ihr eine gewisse materielle Geborgenheit geben. Denn Johanna will Kinder. Und zwar bald. Sie schreibt gerade ein Buch darüber, das im September erscheinen soll: "Suche Mann zum Kinderkriegen".
Es gab mal diese Momente, da konnte sie sich vorstellen, ein Kind zu bekommen, ohne mit dem Vater zusammen zu sein. Sie sagt: "Ich bin dann an diesen Tagen wie eine Zeitbombe losgegangen, heiß und berechnend." Wenn sie jetzt ein Date mit einem Mann hat, erzählt sie ihm gleich bei der ersten Gelegenheit von ihrem Kinderwunsch. Man kann das für strategisch unklug halten - man kann es aber auch ehrlich nennen. Johanna sagt: "Ich kann das nicht akzeptieren, dass mich einer besetzt hält, ohne sich zu entscheiden."
In der Literatur gibt es einen Begriff für alleinstehende Frauen, der nicht gerade schmeichelhaft ist: die Panik-Singles. Frauen, bei denen das Ticken der biologischen Uhr lauter ist als ein Presslufthammer. Ob sie Panik hat? Noch nicht, sagt Johanna. "Im Moment ist das ein Suchen mit heiterer Gelassenheit." Aber von einigen Ansprüchen hat sie sich inzwischen doch verabschiedet. Er hat Kinder? Kein Ausschlusskriterium mehr. Auch sportlich muss er nicht unbedingt sein. Geht auch so.
Johanna sagt: "Mit jedem Jahr als Single streichst du eben ein paar Punkte von deiner Liste." Und zwar von oben weg.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 25/2008