
Ariadne von Schirach und Charlotte Roche mit den stern-Redakteurinnen Andrea Ritter (links) und Silke Müller© Birgit Klemt
Roche: Nein. Wenn man der Frau wirklich viel Geld gibt und sie gut behandelt, finde ich das total okay. Ich finde nicht, dass man Prostitution verbieten sollte. Man sollte für die Frauen die Arbeitsbedingungen verbessern. Für körperliche Dienste zu zahlen ist nicht verwerflich. Aber es ist sehr schwierig für eine Frau, an so was heranzukommen. Es gibt sehr wenig Gigolos. Für Männer ist das alles da, aber für Frauen nicht.
Roche: Also, ich habe für das Buch recherchiert, und es ist natürlich kein Zufall, dass ich will, dass meine Romanheldin in den Puff geht, damit ich da mal hin kann. Ich lasse die wie eine Marionette Sachen machen, die mich persönlich interessieren.
Roche: Ganz viele sagen, dass sie mit einer Frau nichts zu tun haben wollen. Ich finde es aber auch falsch zu sagen, Prostituierte seien die Feinde der Ehefrauen. Ich will wissen, was Männer für Triebe haben. Und ich will darüber reden.
Roche: Nee, die Antworten überfordern eher mich. Es gibt so viel über männliche Sexualität, was Frauen nicht wissen.
Von Schirach: Männliche Sexualität gilt als schmutzig, und die weibliche wird gleich ganz verboten - damit machen wir uns alle fertig.
Roche: Nee, sie muss überhaupt nicht tabulos sein. Ich sage ja nicht: "Bäh, ich halte dir meine Titten ins Gesicht, du musst dir das alles reinziehen, sonst bist du ein Spießer ..." Gar nicht. Ich bin überzeugt, dass es befreit, über Dinge zu reden.
von Schirach: Weil der Blick auf die Frau meistens entwürdigend ist. Für viele Männer ist ein Porno ein Ort der Sicherheit. Sie wissen, alles wird so passieren, wie sie es wünschen. Ich klingele bei der Frau, sie macht auf und ist sofort nackt und mir zu Diensten. Das ist toll für den Mann. Aber ein guter Mann kann das trennen. Roche: Stichwort guter Mann!
Von Schirach: Genau! Wir brauchen gute Männer.
Roche: Davon gibt es ganz viele!
von Schirach: Problematisch wird es, wenn wir den pornografischen Blick nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Wenn du ständig vor dem imaginären Spiegel der "Vogue" stehst. Oder diesen Blick auf Frauen hast. Menschen darf man nicht zu Dingen machen. Und sich selbst auch nicht.
Roche: Ja, also, sollen wir? Ich bin gerade sehr monothematisch unterwegs mit dieser ganzen sexuellen Sache. Jetzt geistert ja gerade mal wieder durch die Medien, dass Frauen überall weniger verdienen als Männer. Und das finde ich wirklich ungeheuerlich: Wieso gehen da nicht alle Frauen auf die Straße? Protestieren gegen ihre Arbeitgeber? Die können doch einfach mal von allen ihren männlichen Kollegen den Gehaltszettel aufmachen und dann mal eine Randale veranstalten.

"Männliche Sexualität gilt als schmutzig, und die weibliche wird gleich ganz verboten - damit machen wir uns alles fertig"© Birgit Klemt
Roche: Es geht doch immerhin um mehr als die Hälfte der Bevölkerung! Da könnte man richtig was losmachen.
Von Schirach: Das kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Wir Frauen sollten uns gegenseitig den Rücken stärken. Und vor allem lernen, auf den Tisch zu hauen und zu sagen: Das bin ich wert, das möchte ich, das vertrete ich.
Roche: Abgezockt zu verhandeln.
Von Schirach: Und begreifen, dass sie begehrenswert sind, wenn sie sich in sich wohlfühlen. Sexappeal hat so viel mit Selbstsicherheit und Lebendigsein zu tun. Unsere Lust gehört uns, wir sollten sie vor allem für uns selbst gestalten.
Roche: Ich fände es auch gut, wenn Frauen nicht eifersüchtig wären auf die männliche Sexualität. Also, dass sie nicht meinen, die ganze männliche Sexualität muss sich auf die Frau konzentrieren.
Von Schirach: Ich glaube, dass man als Frau tough sein kann, ohne sich verstellen zu müssen. Und dass wir nicht vergessen dürfen, wie wichtig es ist, solidarisch zu sein. Untereinander, aber auch mit den Männern. Den guten. Emanzipation ist ein Projekt, das uns alle angeht.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 12/2008
Charlotte Roche ...für das Spiel Charlotte Roche, 1978 in der Nähe von London geboren, lebt mit ihrem Mann und ihrer fünfjährigen Tochter in Köln. Bekannt wurde sie als Moderatorin der Musiksendung "Fast Forward"; ein neues Format ist in Vorbereitung und wird gegen Herbst bei 3Sat laufen. Ihr Roman "Feuchtgebiete" (Dumont) handelt von der 18-jährigen Helen, die mit dem Forscherdrang einer Pippi Langstrumpf Körperöffnungen und Sexualität erkundet. Ihr Fazit: Frauen sollten offen und lustvoll über ihren Körper sprechen und weniger schamhaft sein.