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24. März 2008, 16:56 Uhr

"Wir müssen den Sex zurückerobern!"

Ariadne von Schirach und Charlotte Roche mit den stern-Redakteurinnen Andrea Ritter (links) und Silke Müller© Birgit Klemt

Die Frau in Ihrem Buch geht ins Bordell. Ist es was anderes, wenn eine Frau eine Frau kauft?

Roche: Nein. Wenn man der Frau wirklich viel Geld gibt und sie gut behandelt, finde ich das total okay. Ich finde nicht, dass man Prostitution verbieten sollte. Man sollte für die Frauen die Arbeitsbedingungen verbessern. Für körperliche Dienste zu zahlen ist nicht verwerflich. Aber es ist sehr schwierig für eine Frau, an so was heranzukommen. Es gibt sehr wenig Gigolos. Für Männer ist das alles da, aber für Frauen nicht.

Haben Sie Erfahrungen mit Prostituierten?

Roche: Also, ich habe für das Buch recherchiert, und es ist natürlich kein Zufall, dass ich will, dass meine Romanheldin in den Puff geht, damit ich da mal hin kann. Ich lasse die wie eine Marionette Sachen machen, die mich persönlich interessieren.

Und wie haben die Prostituierten reagiert?

Roche: Ganz viele sagen, dass sie mit einer Frau nichts zu tun haben wollen. Ich finde es aber auch falsch zu sagen, Prostituierte seien die Feinde der Ehefrauen. Ich will wissen, was Männer für Triebe haben. Und ich will darüber reden.

Überfordert dieser Anspruch die Männer nicht komplett?

Roche: Nee, die Antworten überfordern eher mich. Es gibt so viel über männliche Sexualität, was Frauen nicht wissen.

Von Schirach: Männliche Sexualität gilt als schmutzig, und die weibliche wird gleich ganz verboten - damit machen wir uns alle fertig.

Insgesamt stellen Sie hohe Ansprüche an eine Frau: Sie muss sich in ihrem Körper wohlfühlen, muss relativ tabulos sein, sich den Fantasien des Mannes öffnen...

Roche: Nee, sie muss überhaupt nicht tabulos sein. Ich sage ja nicht: "Bäh, ich halte dir meine Titten ins Gesicht, du musst dir das alles reinziehen, sonst bist du ein Spießer ..." Gar nicht. Ich bin überzeugt, dass es befreit, über Dinge zu reden.

Frau von Schirach, Ihre Haltung ist ein wenig anders. Warum sind Sie kritisch gegenüber Pornos?

von Schirach: Weil der Blick auf die Frau meistens entwürdigend ist. Für viele Männer ist ein Porno ein Ort der Sicherheit. Sie wissen, alles wird so passieren, wie sie es wünschen. Ich klingele bei der Frau, sie macht auf und ist sofort nackt und mir zu Diensten. Das ist toll für den Mann. Aber ein guter Mann kann das trennen. Roche: Stichwort guter Mann!

Von Schirach: Genau! Wir brauchen gute Männer.

Aber der Mann, der all diese Kriterien erfüllt, zwischen geiler Medienwelt und spröder Wirklichkeit unterscheidet, offen und tolerant mit seiner Frau über Sex spricht, sie in den Puff ziehen lässt und sie auch ungeschminkt und behaart attraktiv findet - wo gibt es den?

Roche: Davon gibt es ganz viele!

von Schirach: Problematisch wird es, wenn wir den pornografischen Blick nicht mehr aus dem Kopf kriegen. Wenn du ständig vor dem imaginären Spiegel der "Vogue" stehst. Oder diesen Blick auf Frauen hast. Menschen darf man nicht zu Dingen machen. Und sich selbst auch nicht.

Das klingt, als würden Sie bald das Manifest einer neuen Frauenbewegung verabschieden.

Roche: Ja, also, sollen wir? Ich bin gerade sehr monothematisch unterwegs mit dieser ganzen sexuellen Sache. Jetzt geistert ja gerade mal wieder durch die Medien, dass Frauen überall weniger verdienen als Männer. Und das finde ich wirklich ungeheuerlich: Wieso gehen da nicht alle Frauen auf die Straße? Protestieren gegen ihre Arbeitgeber? Die können doch einfach mal von allen ihren männlichen Kollegen den Gehaltszettel aufmachen und dann mal eine Randale veranstalten.

"Männliche Sexualität gilt als schmutzig, und die weibliche wird gleich ganz verboten - damit machen wir uns alles fertig"© Birgit Klemt

Ihren Gehaltszettel werden die Kollegen schon schön versteckt halten.

Roche: Es geht doch immerhin um mehr als die Hälfte der Bevölkerung! Da könnte man richtig was losmachen.

Von Schirach: Das kenne ich auch aus eigener Erfahrung. Wir Frauen sollten uns gegenseitig den Rücken stärken. Und vor allem lernen, auf den Tisch zu hauen und zu sagen: Das bin ich wert, das möchte ich, das vertrete ich.

Ihr Ratschlag? Was müssen Frauen verändern und lernen?

Roche: Abgezockt zu verhandeln.

Von Schirach: Und begreifen, dass sie begehrenswert sind, wenn sie sich in sich wohlfühlen. Sexappeal hat so viel mit Selbstsicherheit und Lebendigsein zu tun. Unsere Lust gehört uns, wir sollten sie vor allem für uns selbst gestalten.

Roche: Ich fände es auch gut, wenn Frauen nicht eifersüchtig wären auf die männliche Sexualität. Also, dass sie nicht meinen, die ganze männliche Sexualität muss sich auf die Frau konzentrieren.

Von Schirach: Ich glaube, dass man als Frau tough sein kann, ohne sich verstellen zu müssen. Und dass wir nicht vergessen dürfen, wie wichtig es ist, solidarisch zu sein. Untereinander, aber auch mit den Männern. Den guten. Emanzipation ist ein Projekt, das uns alle angeht.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 12/2008

Charlotte Roche ...für das Spiel Charlotte Roche, 1978 in der Nähe von London geboren, lebt mit ihrem Mann und ihrer fünfjährigen Tochter in Köln. Bekannt wurde sie als Moderatorin der Musiksendung "Fast Forward"; ein neues Format ist in Vorbereitung und wird gegen Herbst bei 3Sat laufen. Ihr Roman "Feuchtgebiete" (Dumont) handelt von der 18-jährigen Helen, die mit dem Forscherdrang einer Pippi Langstrumpf Körperöffnungen und Sexualität erkundet. Ihr Fazit: Frauen sollten offen und lustvoll über ihren Körper sprechen und weniger schamhaft sein.

Von Silke Müller und Andrea Ritter
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KOMMENTARE (7 von 7)
 
Administrator (25.03.2008, 11:13 Uhr)
Kommentare gelöscht
Liebe User,
wir haben einzelne Kommentare gelöscht, da diese persönliche Beleidigungen enthielten oder sehr unsachlich waren.
Viele Grüße,
Ihre stern.de-Admins
Kalox (25.03.2008, 10:44 Uhr)
lachhaft
die logik hinter all dem inhaltsleerem gefasel erschliesst sich mir nicht. wir (menschen) wollen alles ästhetisch haben: autos, möbel, häuser, kleidung etc. und dann soll ausgerechnet der menschen als zentrales element in einer gesellschaft ungepflegt und quasi asozial sein? ausserdem fand ich die bemerkung, dass roche attraktiv sein soll, fast schon zynisch, bei der anderen sieht das komplett anders aus...
jedifreund82 (25.03.2008, 10:15 Uhr)
Ui...
... Spießertum at its best *g*
logon (25.03.2008, 09:33 Uhr)
...
mir fällt es schwer CR als Frau zu bezeichnen....meine Freundin sitzt neben mir und wäre zutiefst beleidigt
michianso (25.03.2008, 08:42 Uhr)
Im Westen nichts Neues aber doch Wahres
Die Intention der Autorinnen stelle ich in den Hintergrund und vieles ist sicher altbekannt, aber dennoch bewahrheitet und immer noch interessant.
Selbstverständlich haben wir Männer ein Frauenidealbild geschaffen und das schon über Jahrhunderte hinweg, in allen Kulturen. Warum laufen muslimische Frauen mit Kopftüchern oder Ganzkörpergewändern durch die Gegend? Warum dürfen sie in vielen Ländern nicht mal Autofahren? Weil die Männer es so wollen. (Religion? Die wurde von Männern entwickelt, schliesslich durften seinerzeit nur Männer lesen und schreiben lernen.) Warum hat sich über viele Jahrzehnte das Bild geprägt, dass Frauen hinter den Herd gehören die Kinder erziehen sollen. Und das war nicht nur ein Bild, das war auch tatsächlich so. Fragt Eure Grosseltern, in dieser Generation (und denen davor) kannte man nichts anderes. Auch mussten Frauen immer das brave Püppchen sein, das macht was man ihm sagt, adrett aussehen, fröhlich lächeln, gefügig sein, das nette Anhängsel spielen, das Accessoire. Auch ist es definitiv so, dass Frauen in derselben Position wie Männer weniger verdienen. Ich kenne selbst genügend Beispiele in meinen bisherigen Unternehmen. Der Gipfel ist bislang, dass ich eine gute Kollegin habe, die einen Rang über mir steht, aber 10% weniger verdient.
Wer hier noch etwas von Feministinnenscheisse erzählt, ist nichts anderes als ein weltfremdes proletarisches Chauvinistenschwein.
Was jedoch an Körperpflege und Rasur auszusetzen ist, entzieht sich meiner Kenntnis. Was ist wohl schöner anzusehen und auch anzufassen, ein behaartes (oder stoppeliges) Bein oder ein seidenglatt rasiertes? Was für ein Feuchtgebiet ist beim Oralsex wohl angenehmer zu erkunden, eines mit Urwald oder eines mit kleinem, gepflegtem Englischen Garten? Für mich keine Frage. Und, liebe Frauen, gebt es zu: Euch gefällt das auch besser. Und auch andersherum: An was für einer Brust wollt Ihr lieber knabbern, an der stark behaarten wabbeligen oder an der blanken knackigen? Wollt Ihr einen Mann mit Achselhaaren, in denen sich der ganze Schweiss und damit Bakterien und Gerüche ansammeln? Sicher nicht. Ich auch nicht. Also tue ich auch etwas dafür. Und erwarte aber dasselbe von einer Frau. Also wo ist dabei das Problem? Ich eifere damit nicht irgendwelchen künstlichen Pornoidealen nach oder verzehre mich nach denen, sondern ich tue etwas um das zu erlangen, was für mich Ästhetik bedeutet. Dass diese einem gesellschaftlichen Wandel unterzogen ist und in jeder Epoche anders aussieht, ist eine Sache kultureller Entwicklung und damit völlig normal. Wie stark man dieser nacheifert und für sich als Massstab nimmt, bleibt einem jedoch selbst überlassen.
Aber auch hier ist es in unserer Gesellschaft tatsächlich so, dass man eher eine Venus mit Bud Spencer antrifft als ein Adonis mit einer Rubens-Frau.
Aber das liegt m.E. vor allem daran, dass Frauen unbedingt einen Partner wollen. Und warum das? Weil die biologische Uhr kein Hirngespinst ist, sondern eine natürliche Einrichtung. Schliesslich ist einer der Urtriebe eines Lebewesens die eigene Arterhaltung. Also nimmt man zur Not auch einen, der augenscheinlich vielleicht weniger attraktiv ist. Aber auch für diesen muss man etwas zu bieten haben. Und da die (weibliche) Konkurrenz grossteils den Schönheitsidealen nachkommt und sich eben mit Cremes pomadiert und Haare zupft, tut man das eben auch um mindestens gleichziehen zu können. Das liebe Frauen, ist aber hausgemachtes Problem. Wie von den Autorinnen schon gesagt: Man muss sich im eigenen Körper wohl fühlen und wenn das nun mal bedeutet, sich die Haare entfernen und ins Fitnessstudio rennen zu müssen, dann ist das eben in Kauf zu nehmen. Letztendlich kann das aber jede(r) für sich entscheiden.
Bebuquin (25.03.2008, 00:17 Uhr)
Von Männern aufgedrängt?
Wenn ich lese:
"Frauen haben sich jahrhundertelang mit absurden, von Männern entwickelten Vorstellungen herumschlagen müssen."
Würde ich von dieser Frau von Schirach, die sich mir im Interview ein wenig zu penetrant im Selbstmitleid suhlt, wissen, wie das denn ausgesehen haben soll? Haben sich irgendwo Männer in einem konspirativen Zirkel getroffen und überlegt, was sie jetzt an neuen weiblichen Schönheitsidealen propagieren könnten? Mir greift diese Erklärung einfach zu kurz.
Auch das absurde Bild von Pornographie in diesem Interview ist schon reichlich komisch. Man könnte glatt den Eindruck gewinnen, dass es nur Hochglanzpornographie gäbe und sonst nichts. Wer sich dann sein Schönheitsideal nach Silikontitten und Bodybuildermuskeln kontruiert, ist wirklich selbst schuld...
Dewerth (24.03.2008, 17:47 Uhr)
Tja...
...Hühner interviewen Hühner. So what?
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