2. November 2005, 06:00 Uhr

Mosis letzte Geheimnisse

Chauffeur Andreas Kaplan und die letzte Zeugin, Hündin Daisy:"Sie bellte so dumpf"©

Ali Abdullah Herisch war am 21. April 2001 illegal nach Deutschland eingereist. Sein Antrag auf Asyl hatte keine Chance. Aber als Iraker wurde er nicht abgeschoben. Warum er aus dem Irak floh, ist ungewiss. Angeblich war er mit 14 Jahren Freiheitskämpfer geworden, nachdem irakische Milizen vor seinen Augen seinen Vater massakriert hatten. Zwei irakische Geheimdienstler habe er selbst erschossen, ein Polizeifahrzeug mit einer Handgranate gesprengt.

Von all dem ist in seiner Begründung für den Antrag auf Asyl nicht die Rede; da beruft er sich lediglich darauf, "verfolgte Minderheit" zu sein. Über Hamm, Salzgitter und Augsburg war er nach München gekommen. Dort hatte er am Bahnhof ein Mädchen kennen gelernt, Nina - ohne die der Fall Moshammer nicht so schnell aufgeklärt worden wäre.

Bei ihrem ersten Treffen im November 2001 war Nina 16 Jahre alt gewesen. Er war ein bisschen schüchtern, der Ali. Aber das legte sich schnell. Beim zweiten Treffen schon machte er ihr einen Heiratsantrag. Ninas Mutter versuchte zu bremsen, das "Kind" gehe ja schließlich noch in die Schule. Aber das tat der Liebe keinen Abbruch. Und irgendwie war der junge Mann ja auch sehr nett. Zum ersten Treffen mit den Eltern der Freundin hatte er einen Rosenstrauß für die Mutter mitgebracht, dem Vater küsste er die Hand und bat ihn um die der Tochter.

Er bekam sie nicht. Nach der Schule vielleicht, vertröstete ihn der Vater, in etwa zwei Jahren. Wenig später war Nina schwanger, und das große Glück, von dem die 16-Jährige geträumt hatte, zerbrach, bevor es richtig begonnen hatte.

Er habe sie vergewaltigt, erzählte Nina zunächst ihrer Mutter. Aber vor der Polizei zog sie diesen Vorwurf wieder zurück, sprach davon, dass Ali sie zwar gewürgt und gegen ihren Willen ausgezogen habe, aber dann sei er doch nett und zärtlich gewesen, habe sie geküsst, und sie habe gedacht, dass er sie doch liebe, so wie sie ihn liebt, und deshalb habe sie schließlich zugestimmt.

Er sei allerdings oft gewalttätig gewesen, und hinterher habe er immer geweint. Als sie im 7. Monat schwanger war, da habe er sich nach Griechenland absetzen wollen. Freunde von ihm hätten sie davor gewarnt, auf den Bahnhof zu gehen. Denn Ali, so behaupteten sie, hätte 500 Euro geboten, falls einer sie auf der Rolltreppe herunterstieße, damit sie ihr ungeborenes Kind verlöre. Für eine Anklage reichte das alles nicht. Eine DNA-Probe allerdings, die Ali mehr oder weniger freiwillig bei der Polizei hinterlassen hatte, kam in das Archiv.

Am Morgen des 14. Januar, um 8.50 Uhr, es nieselte leicht, fuhr Andreas Kaplan in Moshammers Zweit-Rolls-Royce vor dem Reihenhaus vor. Er wunderte sich nicht darüber, dass der Erstwagen vorwärts in der Toreinfahrt stand; Moshammer konnte nicht rückwärts einparken und hatte erst Tage zuvor seinen Rolls angekratzt. An der Parkposition des Autos erkannte Kaplan, dass Moshammer in der Nacht mal wieder auf Spritztour gewesen war.

Auch dass die Haustür offen stand, war nicht ungewöhnlich. Kaplan, obwohl engster Vertrauter von Rudolph Moshammer, hatte keinen Schlüssel zum Haus, und Moshammer hatte es sich angewöhnt, morgens, wenn er nach unten in die Küche ging, für Kaplan schon mal die Tür zu öffnen. "Hallo, Hallo", rief der. Doch Mosi antwortete nicht.

Leibarzt Arnulf Borchers, hier in seiner Grünwalder Wohnung, untersuchte die Leiche seines langjährigen Patienten noch am Tatort©

Kaplan dachte sich nichts dabei. Er ging in den Keller, um seine grüne Schürze zu holen und den Staubsauger, ging nach oben, rief wieder "Hallo". Und hatte plötzlich ein mulmiges Gefühl. Daisy bellte, wie er sie nie zuvor gehört hatte, "so dumpf". Das Licht im ersten Stock brannte. Als der Chauffeur nach oben kam, sah er Moshammer am Boden liegen, inmitten der Blumen des Teppichmusters. Kaplan rüttelte ihn, rief: "Aufwachen! Aufwachen!", fühlte, dass sein Chef bereits starr war.

In diesem Augenblick kam Arnulf Borchers, Moshammers Hausarzt. Der wollte ihm, wie dreimal wöchentlich, eine Aufbauspritze geben. Jetzt musste er den Tod seines langjährigen Patienten feststellen. Im Vorbeigehen sah er das Cover der Pornokassette auf der Ablage im Flur, die Mosi nachts mit seinem Mörder gesehen hatte. Es war ein Hetero-Porno. "Was", so Borchers zum stern, "eigentlich nicht seine Richtung war. Ich habe mich darüber gewundert."

Schließlich traf auch Erna, die Haushälterin, ein. Zu dritt standen sie nun beieinander, was Rudolph Moshammer nie geduldet hätte. Er argwöhnte immer, man würde über ihn klatschen, wenn zwei Angestellte miteinander sprachen, und bestellte sie deswegen immer zu verschiedenen Zeiten. Polizeibeamte brachten den Chauffeur und die Haushälterin zur Vernehmung. Sie durften nicht mehr miteinander reden, um ihre Erinnerungen nicht zu vermischen.

Am Samstag gegen 16 Uhr entdeckten die Kripo-Beamten am Tatwerkzeug, dem Elektrokabel, eine brauchbare DNA-Spur. Sie war identisch mit der DNA-Spur, die im Polizeiarchiv seit knapp vier Jahren lag. Der Fall war gelöst.

Nina hat inzwischen einen neuen Freund, der ihre Tochter adoptieren will. Aus Mosis Boutique wird demnächst ein weiterer Luxusladen in der Münchner Maximilianstraße - diesmal für Schweizer Uhren. Das Erbe ist verteilt. Münchens Obdachlose bekamen den Erlös der drei Rolls-Royce des Toten, des Schmucks und eines Hemdes, das angeblich Napoleon einst trug (insgesamt 450 000 Euro). Chauffeur Andreas Kaplan erbte Daisy, eine Eigentumswohnung im Nobelvorort Harlaching und 1500 Euro monatlich aus der Erbmasse. Mosi hat, wie es bodenständig heißt, "sei Sach bestellt". Was bleibt, ist, so die Münchner Staatsanwaltschaft, "ein ganz normaler Mordprozess".

Selbst die in derlei Verfahren obligatorische Seelenfreundin für den Angeklagten hat sich bereits gefunden. Aus den Schweizer Bergen meldete sich eine Frau. Die hatte in der Zeitung ein Foto von Herisch gesehen, einen guten Kern in ihm erkannt und wollte nun von den Justizbehörden wissen, ob sie ihm schreiben darf.

Sie darf.

Übernommen aus ... Stern Ausgabe 44/2005

Dreimal in der Woche bekam Moshammer vom Hausarzt Aufbauspritzen

Rupp Doinet und Martin Knobbe
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