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Die Welt in einer Kiste

Das kleine Gespenst, Schlupp vom grünen Stern oder der Drache Malzahn erscheinen in einer voll digitalisierten Welt wie Wesen aus einer anderen Zeit. Doch die Helden der Augsburger Puppenkiste verlangen ihren Fans auch nach 60 Jahren noch viel ab - vor allem Fantasie.

Von Stéphanie Souron

  • Stephanie Souron

Es passiert meist nachmittags in der Vorweihnachtszeit: Bevor amerikanische Blockbuster die Aufmerksamkeit mit viel Blutvergießen an sich reißen, sendet die ARD oder das ZDF gerne Fernsehen aus dem letzten Jahrtausend. Wenn Jim Knopf und sein Freund Lukas, der Lokomotivführer, auf Reisen gehen, raschelt der Ozean wie eine Tüte Gummibärchen. Kein Wunder: In dem Fernsehspiel der Augsburger Puppenkiste aus dem Jahr 1961 besteht das Wasser aus föngeblähter Plastikfolie. Für die tropischen Wälder müssen Topfpflanzen herhalten und die bunten Vögel flattern mit alten Regenschirmgelenken über das Parkett.

Die laute Oberflächlichkeit der Spezial-Effekte war der Augsburger Puppenkiste schon in den 1960er Jahren fremd - und ist es bis heute geblieben. Wer sich die Fernsehauftritte von "Jim Knopf, "Urmel aus dem Eis" oder dem "Räuber Hotzenplotz" anschaut, wartet dort vergeblich auf die Berieselung moderner Unterhaltungsmedien. Dafür stellen die kleinen, oftmals schrulligen Charaktere auf der Pappmaché-Bühne höchste Ansprüche an ihr Publikum: Die Zuschauer müssen jene Phantasie aufbringen, die eine raschelnde Plastikfolie in einen rauschenden Ozean verwandelt. Und 60 Jahre nach der ersten Vorstellung der Marionetten ist das vielleicht das schönste Geschenk, das die Puppen aus der Augsburger Kiste den Menschen machen konnten.

Erste Vorstellung mit Schwarzmarktkarten

Der Zweite Weltkrieg tobte durch Europa, als der Soldat Walter Oehmichen, gelernter Schauspieler und Sohn eines Zirkusclowns, zum ersten Mal den Zauber des Marionettenspiels spürte. 1940 entdeckte Oehmichen in dem Quartier in Frankreich ein altes Puppentheater, mit dem er seine Kameraden unterhielt. Schnitzen lernte er erst später, von einem Soldaten im Lazarett. Wieder zurück in Deutschland baute er zusammen mit Frau und Töchtern einen kleinen Puppenschrein, der allerdings 1944 während eines Bombenangriffs in Flammen aufging. Erst vier Jahre später, am 26. Februar 1948 lädt die Augsburger Puppenkiste zur Premiere in die Spitalgasse.

Die Karten für den "Gestiefelten Kater" gab's zum Schwarzmarktpreis von einer Zigarette für zehn Sitzplätze - und die Premiere war zu mehr als 100 Prozent ausverkauft. Die Eltern quetschten sich auf Bierbänke, die Kinder mussten auf ihrem Schoß Platz nehmen. Doch kaum war der "Gestiefelte Kater" aus der Puppenkiste heraus spaziert, legte sich eine erwartungsvolle Stille über den Raum. Die Aufmerksamkeit galt jetzt nur noch den Holzköpfen auf der Bühne.

In den darauf folgenden Jahrzehnten erweitert Oehmichen seine Puppenwelt um eine ganze Bande voller schrulliger, Charaktere: Das kleine Gespenst, Schlupp vom grünen Stern oder der Drache Malzahn sind keine perfekten Helden. Doch vielleicht macht gerade das den Erfolg der Puppenkiste aus: Denn wenn es etwas aus den Stücken zu lernen gibt, dann wohl, dass gerade die Unvollkommenheit einen Menschen liebenswert macht.

Jim Knopf schaffte den Sprung ins Fernsehen

Für die großen Abenteuer von "Jim Knopf" blieb die Augsburger Bühne stets zu klein - der Junge war mit seinem Freund Lukas und der dicken Lok Emma nur im Fernsehen zu sehen. Das Erfolgsstück erlangte internationale Berühmtheit, der Nachfolger "Urmel" lief sogar im kuwaitischen Fernsehen. Doch auch in der Spitalgasse wurde in den vergangenen 60 Jahren großes Theater gespielt. "Zwerg Nase" und "das kleine Gespenst" ist seit Jahren erfolgreich, für die Erwachsenen wird die "Entführung aus dem kleinen Serail" gegeben oder die "Dreigroschenoper".

Natürlich hat die Zukunft auch vor der Puppenkiste nicht halt gemacht. Der Text der Marionetten wird mittlerweile von professionellen Sprechern auf Band gesprochen, die Puppen tanzen nicht mehr eindimensional, sondern auf einer Versenk- und Drehbühne. Rund 60 Scheinwerfer rücken sie ins rechte Licht. Doch die goldene Kutsche, in der vor 60 Jahren der König im "Gestiefelten Kater" vorgefahren war, ist noch heute in Betrieb. Wenn sie nicht gerade über die Bühne rumpelt, lagert sie auf dem Dachboden über dem Vorführraum, zusammen mit über 6000 Puppen, von denen manche nur einen einzigen Auftritt hatten. Eine Plastikplane schützt die Stars der Puppenkiste gegen Staub und Feuchtigkeit. Doch wer genauer hinsieht, erkennt unter der Folie alte Bekannte wieder: Die chinesische Prinzessin Li Si aus "Jim Knopf", Don Blech, das Sams und sogar den roten Plastikhubschrauber, mit dem der König Pumponell einst Jagd auf Urmel machte.

Beine aus Lindenholz gefertigt, Arme aus einem Stoffschlauch

Die meisten Marionetten wurden in den Händen von Hannelore Marschall geboren, der Tochter des Theatergründers Walter Oehmichen. Seit ihrem Tod 2003 sitzt ihr Sohn Jürgen hinter der Werkbank in der Augsburger Kellerwerkstatt. Seine Mutter hinterließ ihm 50 Schnitzmesser und all die kleinen Tricks und Kniffe, die man braucht, um die Holzgesichter zum Leben erwecken. Einen Vormittag dauert es, bis Marschall aus dem Holzklotz einen Charakter geschnitzt hat. Der Kopf der Puppe und die Beine sind aus Lindenholz gefertigt, die Arme aus einem Stoffschlauch, die Gelenke aus Haken und Ösen. Jeder Schnitt, den Marschall macht, ist endgültig. "Holz verzeiht keine Fehler", sagt er. "Was weg ist, ist weg." Er sei detailverliebter als seine Mutter. "Besonders, wenn es um die Nasen geht." Bei den Augen jedoch, beherzigt er noch immer ihr Geheimrezept: Schuhmachernägel müssen es sein, "weil sich darin das Scheinwerferlicht der Bühne so schön spiegelt".

Erst, wenn der Holzkopf Augen hat, erwacht die Puppe zum Leben. "Sie schaut einen dann richtig an", sagt Marschall. Um solche Emotionen in das Holz schnitzen zu können, sitzt Marschall oft in Cafés, beobachtet die Menschen und studiert Gesichter. Schönheit zu schaffen, sagt er, fällt ihm schwer. Lieber schnitze er Tränensäcke.

Vor ein paar Jahren hat die Augsburger Puppenkiste mal verraten, wie sich auch zu Hause eine Marionette nachbauen ließe. Man braucht dazu: "Lindenholz, Muskatnuss, Schere, Baumwollstoff, Stemmeisen, Uran, Werkbank, Salpeter, Leder, Dosenmilch, Wasserstoff, Wolle, Klarlack, Rotwein, Bergschuhe, Sanduhr und Depressionsfarbe". In der Anleitung heißt es: "Spannen Sie ein Stück Lindenholz in die Werkbank und bearbeiten Sie es mit den oben genannten Materialien so lange, bis es wie eine Marionette aussieht. Schon nach wenigen Jahrzehnten werden Sie sehen, dass es gar nicht so schwer ist." Manchmal, wenn sich in den Blockbustern die Monster wieder die Köpfe abreißen, wünscht man sich nichts sehnlicher als solch eine selbst gebaute Marionette zum Helden und einen Ozean aus geföhnter Plastikfolie.

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