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Hungern bis der Arzt kommt

Ein gefährlicher Trend macht Mode in Hollywood: Die "Skin and Bone Diet" verwandelt Stars in kränkelnde Gerippe. Die Arbeitgeber wollen es angeblich so.

Von Frank Siering, L.A.

Sie lassen nichts unversucht: "Crash Dieting", Cardio-Training im Neoprenanzug auf dem Laufband, Kalorienentzug bis zur Erschöpfung. Und jetzt hat der Diätenwahn unter Hollywood-Stars auch noch einen neuen gefährlichen Namen: Die "Skin and Bone Diet" macht aus normalen Promis in nur wenigen Wochen Menschen, die aussehen wie lebende Leichen. "Es ist erschütternd, was sich einige Stars antun, nur um dem angeblichen Schönheitsideal zu entsprechen", sagt Stanley Title, Ernährungsexperte aus Los Angeles und Autor des Bestsellers "Sensibly Thin - The Portable Encyclopedia of Weight Control" (Vernünftig dünn - Die tragbare Enzyklopädie über Gewichtskontrolle).

Der Name ist Programm. Die Knochen in den Schultern werden sichtbar, die Haut erscheint so transparent wie Butterbrot-Papier. "Viele Stars in Tinseltown hungern sich auf unter 40 Kilo herunter", sagt Title und fügt mahnend hinzu: "Es besteht kein Zweifel daran, dass Hungern nicht gesund ist." Mögliche gesundheitliche Schäden: Nierenversagen, Herzattacken, Tod.

Den Promis aus Malibu und Beverly Hills scheint es egal zu sein. Und Ausreden gibt es auch genug. Da begründet eine Angelina Jolie ihren dramatischen Gewichtverlust mit dem Tod ihrer Mutter. Cate Blanchett - sie verlor in nur acht Wochen knapp 30 Pfund und wiegt jetzt bei einer Körpergröße von 1,76 gerade noch 49 Kilo - gibt an, dass sie für ihre Rolle als Krebspatientin Pfunde lassen musste. Und Courtney Love, die Millionenwitwe des Nirwana-Rockers Kurt Corbain, faselt etwas von makrobiotischer Diät, als sie auf ihren Gewichtsverlust von immerhin 45 Pfund in nur drei Monaten angesprochen wird.

Diäten von Kindesbeinen an

Von den Routine-Hungerhaken ganz zu schweigen. Eine Nicole Richie oder Allegra Versace mussten sogar schon heimlich zur Zwangsernährung eingeliefert werden. "Das sind ganz schlimme Vorbilder für unsere Jugend", schimpft nicht nur Jamie Lee Curtis, die mit dem Kopf schüttelt, wenn sie über die Ideale des jungen Hollywoods spricht. "Wenn wir nicht aufpassen, dann werden wir eine Generation von Kindern heranziehen, die glauben, dass es ganz normal ist, mit 14 oder 15 Jahren schon an eine Diät zu denken", ergänzt die Schauspielerin.

Anna Kurnikowa, Renee Zellweger, die Olsen-Zwillinge - die Hitliste der Superdürren lässt sich willkürlich fortsetzen. Auf eine weitere Folge von dramatischem Gewichtsverlust macht Mary Jane Minkin, Gynäkologin an der Yale University School of Medicine, aufmerksam: "Frauen, die zuviel Gewicht verlieren, haben meistens große Schwierigkeiten mit ihrer Fruchtbarkeit."

Fitnesstrainer ersetzt Speck durch Muskeln

Es gibt aber auch gesunde Abnehmer. Dazu gehören unter anderen die Promis Jessica Simpson und Janet Jackson, beides sogenannte "Yo-Yo-Kandidaten", deren Gewicht wie ein Yo-Yo auf und ab springt. Simpson hatte nach ihrer Scheidung von Boyband-Idol Nick Lachey ein paar Kummerpfunde auf die Hüften gepackt. Dann heuerte sie einen persönlichen Trainer an und gab 1000 Dollar für Gymnastik-Klamotten aus. Zwei Monate später landete sie mit ihrem "neuen Body" auf dem Cover von "US Weekly" und ließ über ihren Trainer Harley Pasternak verkünden, wie sie sich in Form geschwitzt habe. Diäten und Gewichtverlust gehören in Hollywood nämlich auch immer gleich zum PR-Plan. "Ist doch wunderbar, wenn ein Star sein neues positives Körpergefühl präsentieren kann", sagt Robin Mizrahi, Entertainment-Reporterin aus Los Angeles. Das sah auch Janet Jackson so, die es ebenfalls mit Bikini-Top und bauchfrei aufs Titelblatt von "US Weekly" schaffte mit der Positiv-Zeile "How I kept it Off" (Wie ich es mir vom Leib hielt) - gemeint sind die 60 Pfund, die sie sich vor allem in mexikanischen Fastfood-Läden angefuttert hatte.

Oftmals, und das ist ein offenes Geheimnis in Hollywood, steht ein Arbeitgeber hinter dem Diätenplan eines weiblichen Hollywood-Stars. Anne Hathaway hat es in einem Interview einmal zugegeben. "Mir wurde klar gesagt, dass ich rund zehn Pfund für meine Rolle in 'Der Teufel trägt Prada' abnehmen muss", so die Schauspielerin. Das bedeutete für sie Druck vom Studio - und die Waage und den Ernährungsberater im Wohnwagen auf dem Set.

Nach außen freilich gibt es den Druck, abnehmen zu müssen, nicht. Renee Zellweger gibt auf die Frage, warum sie denn nach ihrer Rolle Bridget Jones all das Gewicht und noch viel mehr abgenommen habe, obwohl sie beteuerte, sich als "Dickerchen" so wohl gefühlt zu haben, immer wieder die Standard-Antwort: "Ach, es sind die Gene. Ich kann einfach nicht dick bleiben." Wer's glauben möchte.

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