Größer als ihr Talent scheint nur ihr Drang zur Selbstzerstörung: Die Sängerin Amy Winehouse richtet sich zugrunde. Was treibt sie dazu? Eine Spurensuche in Englands Hauptstadt.

Sie bleibt nicht gern zu Hause: Amy Winehouse unterwegs ins Nachtleben© Yui Mok/AP
Es ist kurz nach 21 Uhr, als hinter einer schwarzen Haustür im Londoner Stadtteil Camden eine raue, kehlige Frauenstimme zu hören ist. Man hört ein paar Flaschen im Flur umkippen, ein lautes "Fuck" und dann ein wildes Durcheinander von Stimmen. Amy Winehouse, 24, macht sich bereit, das Haus zu verlassen.
Vor dem kleinen Backsteinhaus haben sich etwa 30 Fotografen postiert, wie Scharfschützen richten sie ihre Kameras auf die Tür, die sich jetzt tatsächlich öffnet. Im Rahmen erscheint ein kleines mageres Mädchen, das sich die Hände schützend vor die Augen hält. Es trägt rote Pumps und ein zitronengelbes Kleid, das so kurz ist, dass es ihm bei jedem Schritt über den Hintern zu rutschen droht. Amy Winehouse versucht ein Lächeln, was ihr nicht gelingen will. Ihr Blick ist auf den Boden geheftet. Man spürt, wie unangenehm ihr der Rummel ist. Mit schnellen Trippelschritten springt sie in eine schwarze Limousine und verschwindet.
Amy Winehouse, die Anti-Diana, die schwarze Königin der Skandale. Kaum eine Woche vergeht ohne neue schockierende Fotos und wilde Geschichten aus ihrem Leben, die sich alle zusammen wie die Chronik einer öffentlichen Selbstzerstörung lesen.
Dabei dachte man, dass sie nach ihrem spektakulären Zusammenbruch Mitte Juni endlich eingesehen hätte, dass sie ihr Leben ändern muss. Winehouse war in ihrer Wohnung beim Teeaufgießen ohnmächtig geworden. Im Krankenhaus stellten die Ärzte Anzeichen eines Lungenemphysems fest, einer dauerhaften Schädigung der Atemwege, hervorgerufen durch Zigaretten- und Crack-Konsum. Die Ärzte schlugen Alarm: Keine Zigaretten, keine Drogen mehr, sonst würde auch die Stimme dauerhaft leiden.
Die Stimme. Man hat es inzwischen fast vergessen, wofür Amy Winehouse berühmt wurde. Die Tochter eines Taxifahrers und einer Apothekerin aus Nordlondon ist das wohl größte Poptalent ihrer Generation. Wer sie singen hört, geht auf eine Zeitreise in die Soulmusik der 60er Jahre. Ihre CD "Back To Black" verkaufte sich weltweit neun Millionen Mal. Und auch jetzt noch, fast zwei Jahre nach der Veröffentlichung, steht das Album auf Platz sieben der deutschen Charts. Bei den amerikanischen Musik-Oscars, den Grammys, räumte sie im Frühjahr gleich fünf Preise ab. Selbst das chronische Lästermaul Karl Lagerfeld gerät inzwischen ins Schwärmen: "Amy ist eine Inspiration, eine Stil-Ikone."
Doch irgendetwas muss schiefgelaufen sein im Leben von Amy Winehouse. Sie ist erfolgreich wie keine Zweite, aber sie richtet sich selbst zugrunde. Was treibt sie dazu? Man muss die Suche in ihrer Kindheit beginnen und mit jenen Menschen sprechen, die sie bis heute prägen.
Mitch Winehouse sitzt in einem Pub in Camden. Es ist früher Abend und der Laden gerammelt voll mit alten Männern, die gegen die Sperrstunde antrinken. Amys Vater ist ein bulliger Kerl mit silbernen Haaren und buschigen Augenbrauen. Er war es, der seine Tochter mit Jazzmusik vertraut machte. "Ich sang ihr immer Songs vor, und sie füllte die Lücken, ohne die Songs wirklich zu kennen. Darin war sie brillant."
Eine Sängerin tat es der kleinen Amy besonders an: Billie Holiday, die Jazzlegende aus Philadelphia, geboren 1915 in Armut, gestorben 1959 in Armut. Holiday wurde mit zehn Jahren von ihrem Nachbarn vergewaltigt, mit 15 ging sie auf den Strich, später wurde sie eine der größten Jazzsängerinnen ihrer Generation. "Ich habe meine Songs immer gelebt", sagte Billie Holiday einmal. Dieses Credo habe Amy für sich übernommen, so Mitch Winehouse. Ihre besten Songs, "Rehab", "Love Is A Losing Game" oder "Back To Black", erzählen davon, es sind gesungene Tagebücher des Leidens.
"Es ist eine Schande, aber so ist Amy eben", sagt Mitch Winehouse, "sie kann am kreativsten sein, wenn andere Menschen ins Krankenhaus müssten. Wenn sie kaum noch stehen kann, holt sie ihr Notizbuch heraus und fängt an, Songs zu schreiben." Mitch Winehouse ist einmal für ein paar Wochen bei seiner Tochter eingezogen. Er wollte sie beschützen vor all den Fans, Paparazzi, Drogendealern und Junkies, die täglich vor ihrer Tür herumlungern. Es hat nichts genützt. Die Vater-Tochter-WG zerbrach. "Sie ist ein störrisches Mädchen", sagt er und zuckt dann ein wenig hilflos mit seinen mächtigen Schultern.
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Ausgabe 36/2008