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Soul sells

Pin-ups auf den Armen, den Namen des Ehemannes über der linken Brust: Amy Winehouse ist das neue Enfant terrible der britische Rockszene - und gibt sich alle Mühe, ihrem Ruf gerecht zu werden.

Von Frank Heinz Diebel, London

Wie es scheint hat Pete Doherty jetzt Konkurrenz vom schönen Geschlecht bekommen: Die aktuelle Newcomerin der britische Popszene ist die rotzfreche Soulröhre Amy Winehouse. Seit die 23jährige Londonerin bei den Brit Awards zur besten Künstlerin des Jahres gekürt wurde ist sie in aller Munde und Paparazzi verfolgen sie auf Schritt und Tritt. Damit tritt die Sängerin mit dem zerzausten 60er-Jahre "Beehive", dem Lidstrich im Cleopatra-Stil, den wilden Trinkgelagen - Jack Daniel's schon zum Frühstück - und Drogeneskapaden - zeitweise soll sie Skunk für 300 Euro pro Woche geraucht haben - erfolgreich in die Fußstapfen ihrer männlichen Rock-Kollegen.

Während ihrer Konzerte konsumiert sie massenweise Alkohol, der immer in Griffweite ist, und sie hat auch schon eine handfeste Prügelei mit einem Fan hinter sich. Bei einem Gig in London im Oktober hatte Amy Winehouse wieder einmal ordentlich einen über den Durst getrunken: "Dieses Mädchen kam nach dem Konzert auf mich zu und sagte, dass ich super gewesen sei", erinnert sich die Musikerin. "Zwei Sekunden später drehte sie sich zu meinen Freund um, zeigte mit dem Finger auf mich und rief 'sie war Scheiße'. Also habe ich ihr eine geballert - das hatte sie nicht erwartet, denn Mädchen machen so was ja nicht." Auch Amys Freund Blake bekam ihre Fäuste zu spüren, als er sie beruhigen wollte.

Vor 2000 Fans übergeben

In bester Rockstar-Manier hat sie auch schon einige Konzerte in letzter Minute abgesagt. Im Januar wankte sie im Londoner Astoria auf die Bühne nur um sich gleich nach dem ersten Song vor 2000 Fans zu übergeben. Ihre Plattenfirma entschuldigte sich später mit dem Hinweis, dass Amy sich eine Lebensmittelvergiftung zugezogen habe. Laut Medienberichten soll sie aber vor dem Konzert mit einer ihrer besten Freundinnen - Ozzy Osbournes Tochter Kelly - heftig einen zur Brust genommen. Vergiftung? Ja. Aber Lebensmittel? Nein.

Das Publikum liebt solche Exzentrik. Vor kurzem heiratete Amy Winehouse heimlich ihren Freund, den Briten Blake Fielder-Civil (24), in Miami. Verwandte und Bekannte waren nicht geladen. Amys Mutter tobte - jetzt wird es für Familie und Freunde noch eine offizielle Hochzeit geben. Doch auch wenn die wilde Sängerin behauptet, dass in ihrer Ehe mit Blake "jeder Tag wie Flitterwochen ist" war die Beziehung bislang nicht weniger turbulent als die von Kate Moss und Pete Doherty. Bei der Verleihung der MTV Movie Awards in Los Angeles - Amy soll mal wieder etwas unsicher auf den Füßen gewesen sein - stieß die launische Rockdiva ihren Ehemann in eine Hecke und schrie: "Fass mich nicht an!" Diese Frau ist Schlagzeilenmaterial und die britische Klatschpresse steht Kopf.

Wie das im Musikgeschäft so üblich ist, werden Stars über Nacht geboren und verschwinden auch genauso schnell wieder. Das dürfte Amy Winehouse nicht passieren. Weibliche Popstars sollen ja immer sexy sein und dauernd mit dem Hintern und den großen Brüsten wackeln. Anziehpuppen eben für die Musikproduzenten. Damit locken sie zwar die Fans an, aber sie sind auch austauschbar. Amy Winehouse dagegen ist einzigartig. Sie ist rappeldürr, kreidebleich und ihre Arme sind voller Narben und Tätowierungen. Die "Daily Mail" moserte neulich, dass die "Amy-am-Pool"-Fotos der Musikerin nicht so hübsch anzusehen waren: Im Badeanzug macht die wilde Nudel keine allzu gute Figur. Ist auch schwierig, wenn man Hufeisen, Herzen, zwei 50er-Jahre Pin-ups namens Cynthia und Gabrielle auf die Arme und den Namen des Ehemannes über der linken Brust tätowiert hat.

Keine Anziehpuppe für Musikproduzenten

Was sie vielen anderen weiblichen Künstlerinnen (und auch Doherty) voraus hat, ist ihr Talent, ihr Dickkopf und ihre steile Karriere. Amy Winehouse' Musik ist genial, weit entfernt vom üblichen langweiligen "Girl-Power-Popbrei", der von peinlichen britischen Talentshows wie "Pop Idol" ausgespuckt wird. Die zierliche Londonerin hat eine tiefe, rauchige Soul-Stimme, und ihr musikalischer Cocktail aus Motown, Blues und Soul, garniert mit lebensnahen, konfrontierenden Songtexten, ist frisch und hat "attitude" - frei übersetzt bedeutet das so etwas wie 'große Klappe' - wie die Briten sagen. In ihrem aktuellen Superhit "Rehab" zum Beispiel zeigt sie ihrer Plattenfirma den Mittelfinger. Die Bosse wollten sie wegen ihres Alkohol- und Drogenkonsums in die "Rehab" (Entzugsklinik) schicken, aber Amy machte ihnen einen Strich durch die Rechnung. Originaltext: "They tried to make me go to rehab but I said 'no, no, no'". Auch in "Back to Black" wird es sehr persönlich. Sie singt über eine Trennung von Blake (vor der Ehe).

Angeblich soll sie in dieser Zeit Tag und Nacht heulend in ihrer Wohnung im Londoner Stadtteil Camden gesessen haben, wo sie heulend "I Can never Go Home anymore" von den Shangri-Las lauschte - alles natürlich permanent im Rauschzustand dank Haschisch, Whiskey und einer gehörigen Portion Selbstmitleid. Noch deutlicher wird der Rockstar im Song "Fuck Me Pumps" - es geht um Frauen, die im Leben nichts anderes vorhaben als den richtigen Ehemann zu finden. Perfide ist auch das Video zu ihrem derzeitigen Erfolgsalbum "Back To Black", das in Windeseile auf Platz eins der englischen Charts schoss: Die Britin führt dort eine Leichenprozession an. Auf dem Grabstein steht: "R.I.P. The Heart of Amy Winehouse." Kein Wunder, dass Amy Winehouse so viel Aufsehen erregt - sie ist sogar für die schillernde britische Musikszene ein seltenes Phänomen.

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