Sie ist Erbin eines sagenhaften Industrievermögens, sie ist scheu und diskret. Dennoch geriet Susanne Klatten in die Fänge eines Schweizer Gigolos und einer italienischen Erpresser-Bande. Jetzt kämpft sie um Gerechtigkeit - und ihre Ehre. Von Ulrike Posche

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Es muss mit diesem Namen zu tun haben. Mit dem schicksalhaften Q-Wort. Mit einem Namen, der seit fast hundert Jahren mit Geld, Macht und Liebeslügen in Verbindung lebt. Dem Glanz und Dunkelheit zu gleichen Teilen innewohnen. Quandt - das ist bis heute Vorsehung und Verhängnis, Sehnsucht, Schuld und Schweigen.
Vielleicht ist nur so zu erklären, warum die 46-jährige Susanne Klatten, eine geborene Quandt, diese diskret vornehme Erbin eines sagenhaften Industrievermögens, weshalb die Unternehmerin, Ehefrau, Mutter und Mäzenin in eine abgrundtiefe Liebesfalle tappen konnte. In ein Verhängnis, das sich kein Romancier besser hätte ausdenken können. Warum ausgerechnet sie, die geradezu zwanghaft Misstrauische, in einen Skandal aus Gigolo-Liebe, Lösegeld und Videos geriet.
Am 17. August 2007, einem sehr kühlen Freitag, trifft die schlanke Frau an einer Hotelbar einen drei Jahre jüngeren Mann mit dem sperrigen Namen Helg Sgarbi. Er sei "vornehm aufgetreten", sagt sie später der Polizei, "er wirkte sehr traurig. Ich hatte Mitgefühl. So fingen die Freundschaft und unsere Beziehung an". Susanne Klatten ist keineswegs eine einsame, gelangweilte Frau. Sie ist erfolgreich als Unternehmerin. Sie lebt in einem engen Termin-Korsett. Sie ist nicht der Typ Frau, der schnelle Abenteuer sucht. Und doch verfällt sie Sgarbis Schwyzer Charme, seinen Geschichten und schließlich wohl auch seinem Eros. Nur vier Tage später trifft sie sich mit Sgarbi im frisch renovierten Schwabinger Holiday Inn Hotel. Das Zimmer Nummer 629 ist ein "Standardzimmer", keines aus der "Komfort"-Klasse oder gar auf dem "Deluxe"-Flur. Was Susanne Klatten nicht weiß, ist, dass im Zimmer 630, gleich nebenan, Sgarbis italienischer Komplize Ernano Barretta, 63, sitzt und die privaten Szenen im Nachbarzimmer filmt.
Nach allem, was man heute weiß, sind Helg Sgarbi, 43, und der selbst ernannte Wunderheiler, Guru und Hotelbesitzer Ernano Barretta schon lange ein eingespieltes Team. Als er noch Helg Russak hieß, arbeitete der smarte Schweizer bei der Bank Credit Suisse. Er brüstete sich mit seinen Talenten. Angeblich sprach er acht Sprachen, darunter Chinesisch und Arabisch. Barretta, ein ehemaliger Automechaniker aus Zürich, beanspruchte andere Talente für sich: Er nannte sich "Werkzeug Gottes", im ägyptischen Sharmal-Sheik will er auch schon übers Wasser gelaufen sein, drei Zeugen gäbe es dafür. Barretta hatte eine kleine Schar Jünger, unter ihnen das Ehepaar Sgarbi, um sich geschart, die ihm nicht nur sexuell zu Diensten waren, sondern auch in seinem Restaurant und Landgut in den Abruzzen schuften mussten. Italienische Ermittler sprechen jetzt von "psychischer Abhängigkeit". Sie sehen in Barretta den Kopf der Bande und haben nun Anklage gegen ihn erhoben.
Im Örtchen Uznach am östlichen Ufer des Zürichsees bewohnte Helg Russak eine Einzimmerwohnung mit Internetanschluss über dem Café Obertor. Dort betreibe er ein Übersetzungsbüro, sagte er seinem Vermieter Alfred Holzer. Aber die Geschäfte liefen schlecht. Einmal bittet er Holzer, auf die Erhöhung der Nebenkosten zu verzichten, dann ist er plötzlich "gezwungen zu heiraten und heißt Sgarbi", wie er Holzer erklärt. Schließlich kündigt er die Garage für seinen alten Mercedes S300 aus Kostengründen.
Doch irgendwann erschließt Sgarbi eine neue Geldquelle, auf die ihn angeblich Barretta bringt. Der hatte erkannt, dass der hochgewachsene Sgarbi mit seinen manikürten Umgangsformen bei gut situierten, spendablen Frauen durchaus ankommen könnte. Und als Sgarbi das auch merkt, stillt er bereitwillig den Wunsch der Damen nach Zuwendung - und zugleich seinen und Barrettas akuten Finanzbedarf. Das Geschäft läuft prima. Irgendwann wundern sich die Leute am Pfäffikersee, wo Barretta mit seinen Jüngern wohnt, über die vielen Luxusautos, die durchs Dorf Auslikon fahren. Im Jahr 2002 allerdings hat Sgarbi erstmals Ärger mit der Polizei. Eine Deutsche zeigt ihn wegen Nötigung und "Verletzung des Geheim- und Privatbereichs durch Aufnahmegeräte" an. Das Bezirksgericht Bülach verurteilt ihn zu sechs Monaten - auf Bewährung.
Noch immer hat er seine Wohnung in Uznach. Anfang Januar 2008 steht er dort auf einmal mit zwei Pappkartons unter dem Arm vor seinem Vermieter und erklärt: "Ich muss jetzt nach Chile." Aber dazu kommt es nicht.
Inzwischen nämlich ist dem Schweizer-Armee-Offizier und Gentleman-Darsteller Sgarbi klar geworden, dass ihm sein letzter amouröser Beutezug einen besonders guten Fang eingebracht hat: Es ist die ahnungslose, arme reiche Susanne Klatten.
Sie habe mit Helg Sgarbi über acht Wochen eine "sentimentale Beziehung" unterhalten, sagt Susanne Klatten später beim Bayerischen Landeskriminalamt, Sachgebiet 623, "Allgemeine Ermittlungen, Sonderermittlungen und Kunst, NS-Gewaltverbrechen", aus. Da hat die Kunst des Herg Sgarbi sie bereits um sieben Millionen Euro gebracht. Susanne Klatten ist eine der reichsten Frauen Deutschlands. Ihr gehören 12,5 Prozent der BMW-Aktien und die Hälfte der Chemie-Firma Altana. Und Susanne Klatten ist eine großzügige Frau. Gerade hat sie wieder einmal mit 15 Millionen die Familienstiftung aufgestockt, sie fördert mit Millionenbeträgen Existenzgründer an der Technischen Universität München. In Pritzwalk, dem Geburtsort des Vaters, stiftet sie fünf Millionen für den Bau einer Grundschule. Und in der Berliner Politik gehören die Quandts traditionell zu den großzügigsten Parteispendern - der CDU.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 46/2008