Um Liebe ging es auch, aber als Boris Becker seine zweite Ehe schloss, nutzte er die Gelegenheit zur Eigenvermarktung. Denn der Unternehmer Becker hat eigentlich nur ein Produkt anzubieten: sich selbst. Von Felix Hutt und Jochen Siemens

Trägt seine Haut zu Markte: Boris Becker© Thomas Niedermueller/Getty Images
Es gibt Momente, da ist er ganz eins mit sich selbst. Da sagt er nichts, schaut ein wenig grimmig, und etwas Eisernes überzieht sein Gesicht. Neulich im Mai, am Muttertag, war wieder so ein Moment. Der Telekom Dome in Bonn ist halb gefüllt, das Publikum älter, die Männer haben sich ihre V-Pullover um die Schultern gelegt, die Frauen tragen diese großen Brillen mit tiefergelegten Bügeln. Die leeren Sitzreihen reflektieren ein grelles Magenta in die Halle, als er, ganz in Schwarz, hereinkommt und kurz den Arm hebt. Ein paar Digitalkameras blitzen, und eine ältere Frau ruft: "Bobbele, nun lach doch mal!" Macht er nicht, hat er früher auch nicht gemacht.
Ja, früher. In seinen besten Jahren konnte Boris Becker bei jedem verlorenen Punkt vor Wut in den Schläger beißen. Hier in der Halle in Bonn haben sie eine kaum sichtbare Anzeigetafel für die Punkte. Hier geht es eigentlich um nichts, wenn Becker mit Tennisveteran Henri Leconte ein paar Bälle über das Netz schlägt. Becker selbst spielt das immer noch gekonnt, wenn auch etwas klumpig. Wenn er läuft, ist das wie in Zeitlupe, und man sieht unter seinem Shirt ein paar Pfunde wabbeln.
Nur sein eisernes Gesicht ist wie früher, und man ahnt, dass er dahinter leidet. Vielleicht, weil er weiß, dass es hier nur um Nostalgie geht. Weil er weiß, dass sie die Becker-Faust und den Hechtsprung sehen wollen. Aber der Becker-Hecht macht ihm hinterher oft Schmerzen. Den bringt er nur, wenn er unbedingt muss und wenn mindestens Millionen zuschauen, wie neulich bei "Wetten, dass..?", als er sich träge durch ein großes brennendes Herz plumpsen ließ. Man fragte sich, ob ihm solche Dorfzirkusnummern eigentlich Spaß machen.
Der Verdacht ist, dass sie ihm Spaß machen müssen. Boris Becker ist ein Mann mit einer großen Vergangenheit, von der er lebt. Er muss immer wieder auf einen Tennisplatz, um immer mal wieder an der Quelle seines Ruhmes und seines Geldes zu stehen, auch wenn sie fast versiegt ist.
Boris Becker, 41, der mit seiner "Boris Becker & Friends"-Tour für jeden Auftritt zwischen 40.000 und 60.000 Euro kassiert, sieht das weniger sportlich als unternehmerisch. Unternehmer, ja, wenn er das Wort hört, lacht er von seinen 1,91 Metern herunter, das gefällt ihm. Nach Bonn ist er damals mit seiner künftigen Frau gekommen. Während er spielt, schreitet sie mit Leopardenmusterschal und in einer wahrscheinlich teuren Duftwolke durch die leeren Sitzreihen, dicht gefolgt von einer RTL-Kamera und einer Reporterin.
Lilly Kerssenberg, Niederländerin und ehemalige Langzeitfreundin Beckers. Dann kurz mit einer SMS von Becker aus der Liebe entlassen und nach seiner kurzen Verlobung mit Sandy Meyer-Wölden wieder eingestellt. Diesmal als Becker-Gattin Nummer zwei.
Es war natürlich nicht einfach eine Hochzeit, sondern ein Medienereignis, weil Becker auch mit einem Jawort immer mehr mitteilen will. "Ich will der Welt damit auch zeigen, dass es mir wieder gut geht und ich meine Krisen gemeistert habe", sagt er. Andere heiraten, weil sie sich lieben, für Becker war die Hochzeit im "Badrutt's Palace Hotel" in St. Moritz eine Produktpräsentation seiner selbst. Hello again.
Über die Hochzeit in St. Moritz hat Becker im Vorfeld nicht en detail geredet, weil er die TV-Rechte, ganz Unternehmer, an RTL verkauft hatte und die Fotorechte an das Klatschblatt "OK!". Die Honorare, das soll gesagt sein, wandern aber nicht auf Beckers Konto, sondern in die "Cleven- Becker-Stiftung", die er mit seinem Partner Hans-Dieter Cleven in der Schweiz betreibt und die unter anderem Schulen mit Sportgeräten ausstattet.
Unternommen hat Boris Becker in diesem Jahr noch etwas anderes: das Boris-Becker.TV im Internet. Auf der Website sind mehr als 30 private Filmchen aus seinem Alltag zu sehen. Es hat den Charme, aber eben auch die Lächerlichkeit früherer Super-8-Filme, wenn Becker an einem Skilift in Kitzbühel berichtet, dass man sich nun Skipässe kaufen wolle. Dann wieder fährt er mit seinem Sohn Noah zu einem Basketballtraining und zeigt ihm die Finessen der Manndeckung. Lilly Kerssenberg berichtet in die Kamera, wie Becker sie nach dem ersten Date auf die Stirn küsste, und sie zeigt, wie sie die Unterschrift "Becker" übt. Fragt man Becker nach dem unternehmerischen Sinn des Big-Brother-Becker-Portals, kann er, wie immer, schön weit ausholen: "Ich bin mal wieder Vorreiter in dieser Sache. Nachdem die Medien mich oft verfälscht darstellen, gehe ich nun in eine Art kontrollierte Gegenoffensive und kann vieles richtigstellen."
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 25/2009