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"Die Schönheit ist das Weiterleben"

Wie lebt es sich mit Brustkrebs? Mit Lust, sagt Uta Melle, ohne Angst und ohne sich zu verstecken. Sie hat beide Brüste verloren und hat von ihrem neuen Körper grandiose Bilder machen lassen.

Von Sophie Albers

An der Tür prangt ein kleiner, steinerner Schutzgott mit Elefantenkopf. Hinter der Tür, auf einem Regal, sitzt ein afrikanischer Wächtergeist aus schwarzem Holz. In der Ecke im Flur wartet eine weiße Engelsskulptur. Wenn man mit dem Tode ringt, wird man gläubig, denke ich. Dann begrüßt mich Uta Melle, die keine Götter braucht, weil sie auf sich selbst aufpassen kann. Nur weiß ich das in diesem Augenblick noch nicht.

Uta Melle ist eine grazile Frau von 40 Jahren. Ohne Haare, ohne Brüste und mit größtanzunehmender Lebensliebe. Deshalb bin ich hier. Als Uta Melle im April 2009 mit dem Befund Brustkrebs konfrontiert wurde, entschloss sie sich zu einer Totalamputation, obwohl nur in einem Busen ein Knoten gefunden worden war. "Ich hatte wirklich tolle Brüste, ich mochte die", sagt sie und lacht. Melles Mundwinkel zeigen von Natur aus nach oben. Daran hat auch der Krebs nichts ändern können. Und der begleitet sie schon ihr halbes Leben lang. Nur wenige Tage, bevor sie sich operieren ließ, starb ihre Mutter nach 20 Jahren Kampf mit der Krankheit, die jedem vierten Deutschen das Leben nimmt. Für Frauen ist Brustkrebs die gefährlichste der Krebsarten, gab das Statistische Bundesamt vor drei Jahren bekannt. Im Jahr 2008 sind in Deutschland jeden Tag fast 50 Frauen an Brustkrebs gestorben.

Also hat Uta Melle Abschied genommen von ihren schönen Brüsten. Mit einem Fotoshooting. Eine befreundete Fotografin hielt den unversehrten Körper auf Bildern fest. Darauf zu sehen ist Schönheit nach Modelmaß: Modelbauch, Modelarme, Modelbusen. Uta Melle trägt einen schwarzen Slip, schwarze Handschuhe und eine schwarze Tätowierung unter dem Nabel. Sie lächelt ein Lächeln, das ein bisschen wehtut. "Es stand nie zur Debatte, die Brust zu erhalten. Wegen der Erfahrung mit meiner Mutter wusste ich, was zu tun ist", sagt die Frau, die mit ihrem Mann und zwei Töchtern im Alter von neun und sechs Jahren in Berlin hinter der Tür mit den Schutzgöttern lebt. "Es war wirklich dieses Gefühl: Das muss weg! Der Krebs ist wie eine Assel, eine Made, die sich durch deinen Körper bohrt." Der Operation folgten vier Monate Chemotherapie, von der sich Uta Melle langsam wieder erholt. Die Haare wachsen nach, aber der Arztbesuch gehört noch immer zum Alltag.

Tabuthema Krebs

Der öffentliche Umgang mit Krebs, das hat auch die hitzige Debatte über die Erfahrungsberichte von Prominenten wie Jürgen Leinemann und Christoph Schlingensief gezeigt, ist in Deutschland ein Tabuthema. Dabei kennt jeder jemanden, der erkrankt ist oder war, der damit lebt oder daran gestorben ist. Krebs ist eine Volkskrankheit, und dazu eine chronische. "Das müssen die Leute endlich begreifen", sagt die ewig lachende Uta Melle. Dann wird sie mit einem Mal sehr ernst und erzählt die Geschichte einer krebskranken Frau, die sich ihrem eigenen Mann nie ohne Perücke gezeigt hat. "Ich will niemanden angreifen, aber in der Zeit der Krebstherapie lernt man eigentlich, dass sich etwas für immer verändert. Du bist nicht geheilt. Das gibt es nicht. Es wird nie wieder so, wie es vorher war. Das darf man nicht verstecken", sagt sie mit aller Härte auch gegen sich selbst. "Dein altes Leben ist vorbei. Aber es kommt ein neues."

Um zu zeigen, wie dieses neue Leben aussehen kann, hat sich Melle nach Operation und Chemotherapie noch einmal vor die Kamera gestellt. Im wahrsten Sinne des Wortes oben ohne. Denn: "Die Schönheit liegt darin weiterzuleben", sagt sie, die nie Perücke getragen hat und die vorwurfsvolle Blicke anderer Mütter auf dem Spielplatz, die das Kaschieren erwarten, nicht verstehen kann und will. "Du musst mit deinen Kindern reden, ihnen erklären, dass man eine schwierige Phase durchstehen kann. Wie sollen sie sonst verstehen, dass es nichts mit ihnen zu tun hat, wenn du einen schlechten Tag hast."

Narben erwarten den Betrachter. Und Narben machen vielen Menschen Angst, weil sie auf etwas verweisen, das nicht mehr ist. Doch die eigene Erwartung hat nicht mit Melle gerechnet. Der Mund lacht wunderbar weit, die Posen sind entwaffnend offen, und diese Frau ohne Brüste und Haare ist bezaubernd schön. So schön, dass sie mit unserem Schönheitsverständnis spielen kann: als lächelnder David Bowie, als gefesselter Engel, als Marilyn ohne blonde Locken oder auch als nackte Madonna. Eine Frau ist eine Frau ist eine Frau. "Ich bin schön, denn das Leben ist schön", sagt Melle.

Das sieht auch ihr Mann so. Sie habe anfangs überlegt, die Brüste wieder aufbauen zu lassen, erzählt die gelernte Werbekauffrau. Dann habe sie gedacht, dass sie auch gut ohne Busen zurechtkomme. "Also habe ich meinen Mann gefragt, der hat ja eher was davon." Dessen Antwort war klar wie überwältigend: Nach kurzer Bedenkzeit überreichte er ihr die Zeichnung einer Amazone mit Lendenschurz, Pfeil und Bogen, kahlem Kopf und daneben die Worte "Klarheit - Wahrheit - Schönheit". "Ich habe Glück", sagt Melle, und ihr Lächeln wird noch ein Stück breiter.

Facebook-Tagebuch für die Freunde

Weil zur Schönheit eben die Wahrheit gehört, hat sie aber auch die Zeit zwischen den beiden Fotoshootings in Bildern festgehalten. Bilder aus der Zeit ihres Krieges mit der "Assel". Sie hat das Fototagebuch auf Facebook gestellt, damit ihre Freunde wissen, wie es ihr geht, selbst wenn ihr die Kraft zum Telefonieren fehlte. Und genauso unumwunden ehrlich wie Uta Melle ihr neues Leben angeht, kommentiert sie darin, wie das alte sie verlassen hat. Da werden Drainagen gezogen, Narben punktiert, der Port für die Chemotherapie gelegt, die Haare fallen aus, und in Melles fragilem Körper tobt ein halbes Jahr lang die chemische Schlacht.

Das sind Bilder, deren Anblick verdammt schwerfällt. Doch folgt dem "Ich fühle mich ausgelaugt und aufgeschlitzt" immer auch ein "Ich fange jetzt an, meinen restlichen Wimpern Namen zu geben... Immerhin hatte ich bei jeder, die ich weggepustet habe, einen Wunsch frei!" Auch diese Bilder machen Mut, weil Melle immer weitermacht. Eine unerschrockene Kämpferin wie die Amazonen. "Ich bin dankbar für alles, was gut ist", sagt sie. Und ist wohl einer der wenigen Menschen, bei dem das auch stimmt.

Schönheit, Wahrheit, Klarheit

"Klarheit" stand als drittes Wort neben dem Amazonen-Bild, mit dem sich ihr Mann uneingeschränkt zu seiner Frau bekannt hat. Um Klarheit hat Melle von Anfang an gekämpft. Der klare Schritt zur Totalamputation, zum offenen Sprechen über die Krankheit und ihre Bedeutung für den Alltag einer Ehefrau und Mutter, zur Akzeptanz, zum Neuanfang. "Aber haben Sie denn keine Angst", frage ich endlich als Gesunde, die sich nicht vorstellen kann und will, was der Krebs im eigenen Körper bedeutet. "Nein", sagt Melle, und ich glaube ihr. "Angst kann man nur haben um etwas, das man versäumt."

Deshalb war sie auch gerade in Paris. Der Wochenendausflug war das Konfirmationsgeschenk für ihr Patenkind, den sie wegen der Chemotherapie verschieben musste. Uta Melle hat Marzipan mitgebracht. Wir sitzen am Küchentisch und plaudern über die Stadt an der Seine, die uns beiden so viel bedeutet, als sie ins Marzipan beißt und sich ein Stück Plombe aus dem Zahn bricht. Sie nimmt es, spült es ab und lacht: "Gut dass das heute passiert ist, und nicht übermorgen auf dem Weg nach Ibiza."

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