Carice van Houten hat es geschafft: Die holländische Schauspielerin dreht mit Hollywoods A-Liga - von Cruise bis DiCaprio. Aber die Finanzkrise mache ihr Sorgen, sagt die Freundin von Schauspiel-Kollege Sebastian Koch. stern.de traf einen pragmatisch-nüchternen Filmstar. Von Sophie Albers

Von Holland nach Hollywood in Bestzeit: Carice van Houten© Andreas Rentz/Getty Images
Trotz aller Kritik an dem Mann: Natürlich ist eine Frau, die gleich das erste Mal Tom Cruise trifft, aufgeregt. Vor allem wenn sie weiß, dass sie ihn später auch noch küssen muss. Und was macht diese Frau? Sie sitzt in einem Berliner Hotel und blättert leicht verwirrt in einem Bildband über Kriegsflugzeuge. "Und Kriegsflugzeuge sind nun wirklich nicht mein Ding", sagt Carice van Houten. "Aber ich dachte, ich tue so, als würde ich lesen, dann kommt er rein, ich gucke hoch, lege das Buch weg und wirke total entspannt." Natürlich kam es anders.
Carice van Houten lacht, und ihre perfekt geschwungenen, kirschrot geschminkten Lippen nehmen das ganze Gesicht mit: "Ich bin knallrot geworden, vom Dekolletee bis zu den Haarwurzeln. Und es sah nicht charmant aus, sondern krank!" Sie habe Cruise gesagt, er solle ein paar Minuten warten, dann ginge das schon wieder weg, erzählt die 33-Jährige und unterstreicht die Geschichte mit schmalhändigen Gesten. Aber ihn habe das gar nicht gestört, er habe ihr die Aufregung innerhalb von Minuten ausgeredet. "Am Ende konnte ich dann sagen: 'Los Fettsack, lass uns tanzen'." Mit "am Ende" meint van Houten die Dreharbeiten zu "Operation Walküre", Tom Cruises umstrittener Film über den Hitlerattentäter Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Darin spielt die niederländische Schauspielerin seine Frau.
Die Rolle der Gattin spielt Carice van Houten derzeit häufiger. Seit ihrem internationalen Durchbruch mit "Schwarzbuch" von "Basic Instinct"-Regisseur Paul Verhoeven vor drei Jahren stand die schöne wie energische Holländerin nun schon drei Mal mit Ring vor Hollywood-Kameras: In Ridley Scotts "Der Mann, der niemals lebte" spielte sie die Frau von Leonardo DiCaprio, "Operation Walküre" schickte sie in die Arme von Cruise, und als nächstes gibt sie die Angetraute von Jude Law in dem Organhandel-Thriller "Repossession Mambo".
Für van Houten kein Grund, die Bodenhaftung zu verlieren: Sie glaube nicht, dass das jetzt der große Durchbruch sei. "Die Finanzkrise macht mir ein bisschen Sorgen. Hollywood ist nicht bekannt dafür, Risiken einzugehen. Und mit der Krise wird die Risikobereitschaft nicht steigen. Für Schauspielerinnen, die relativ unbekannt sind, wird es also noch schwieriger als es eh schon war."
Finanzkrise? Risikobereitschaft? Irgendwie passen Carice van Houtens Worte nicht so ganz zum Erscheinungsbild der Leinwandgrazie. Der fragile Körper steckt in einem schwarzen Nappalederkleid, die kleinen Füße in monströs hohen Absätzen, das zarte Gesicht mit den großen Augen, den formvollendet geschwungenen Augenbrauen und Wangenknochen sieht aus wie gemalt. Wohl eher zum Spaß trägt sie manchmal eine dickrandige Brille. Doch gerade wenn man sich auf die verletzliche Schönheit festgelegt hat, wie auch Scarlett Johansson und Gwyneth Paltrow sie so gut beherrschen, macht van Houten den Mund auf - weniger blond als Cameron Diaz, auf kleinerer Flamme als Penélope Cruz und nicht so prätentiös wie Natalie Portman.
Egal welches Thema, da ist kaum Vorsicht, keine Berechnung, selten Posing, keine Unsicherheit, die zwischen van Houten und der Welt steht. Sie gibt einem das Gefühl, tatsächlich eins zu eins der Person Carice van Houten gegenüber zu sitzen. Irgendwie authentisch, ehrlich, falls man das von einem Filmstar überhaupt sagen kann. Sie hat ihren eigenen Kopf, sagt ihre Meinung, unumwunden. Vielleicht nicht immer zu Ende gedacht wie bei der Wohltätigkeits-PR-Maschine Angelina Jolie, aber immer offen und klar. Das Deutschland-Bild? "Ich habe einen deutschen Freund (Sebastian Koch, Anm.d.Red.). Und ich muss mir so viele Nazi-Witze anhören, bevor eine normale Unterhaltung möglich ist. Ich mache manchmal auch mit, er macht sie, jeder macht sie! Aber langsam ist es mal gut."

Tom Cruise und Carice van Houten in "Operation Walküre"© Frank Connor/MGM/AP
Stauffenberg und die Nazis? "Es ist wichtig zu zeigen, dass in einer Gruppe von Menschen nicht einfach alle böse sind. Niemand wird böse geboren. Daran glaube ich nicht. Man muss das Individuum sehen. Und man sollte sich auch diesen Film ohne diese ganzen Vorurteile angucken. Denn das Wichtigste ist, dass diese Geschichte erzählt wird."
Und schließlich kriegen auch ihre Landsleute die Carice-van-Houten-Wahrheit zu hören: "Die denken nur: Unser Mädchen geht nach Hollywood! Sie ist in einem Film mit Tom Cruise. Eine von uns. Ich hatte das Gefühl, ich fliege zum Mond, oder ich gehe zum European Song Contest. Und ich muss gewinnen! Aber was mache ich, wenn ich nicht gewinne? Du kannst ja schlecht sagen, der Mond kann sehr einsam sein, manchmal ist es da ziemlich dunkel."