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"Sie waren nett zu mir"

"Der Krieg des Charlie Wilson" schildert, wie ein genussfreudiger texanischer Politiker in den Achtzigern den Aufstand der Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer organisierte. Die Wirklichkeit war noch bizarrer als der Film.

Es gibt Geschichten, die sind zu schön, um wahr zu sein, und dann stellt sich heraus, dass alles noch schöner ist und vor allem: wahr. "Der Krieg des Charlie Wilson" ist so eine Geschichte. Sie handelt von dem texanischen Kongressabgeordneten Charlie Wilson, den drei Dinge im Leben umtrieben: Whiskey, Frauen und Kommunisten töten. Wilson, ein Demokrat mit an sich liberaler Agenda, kam 1973 aus Lufkin, Texas, nach Washington und firmierte dort bald nur noch unter "Good Time Charlie". Er bestückte sein Büro mit einer Batterie von Scotch-Flaschen und einem Stab gut aussehender Frauen, die alsbald nur noch Charlie’s Angels hießen und - in Wilsons eigenen Worten - lediglich ein Anforderungsprofil erfüllen mussten: "Du kannst ihnen beibringen, Schreibmaschine zu schreiben. Aber du kannst ihnen nicht beibringen, wie man große Titten kriegt."

Seine Lendenstärke war ebenso legendär wie sein mit hohen Spiegeln ausstaffiertes Appartement. Wenn der Film gleich zu Beginn Wilson-Darsteller Tom Hanks Whiskeynippend und von koksenden Blondinen umgeben in einem Whirlpool in Las Vegas zeigt, ist das noch eine Untertreibung im Vergleich zum Original-Charlie. Der hochunterhaltsame Film, basierend auf der Wilson-Biografie des Journalisten George Crile, erzählt von Wilsons Feldzug gegen die Sowjets in Afghanistan. Befeuert von der texanischen Millionärin, Salonlöwin und wiedergeborenen Christin Joanne Herring (Julia Roberts) und unterstützt von dem ölig-gewieften CIA-Agenten Gust Avrakotos (hinreißend: Philip Seymour Hoffman), schmiedet Wilson im Film wie im richtigen Leben eine aberwitzige Allianz aus israelischen Waffendealern, Ägyptern und Pakistaner, um die Mudschaheddin gegen die sowjetischen Besatzer aufzurüsten.

Charlie did it

Während Amerika sich Mitte der 80er Jahre an der Iran-Contra-Affäre abarbeitet, tobt im Schatten eine der größten Geheimdienst-Operationen der US-Geschichte. Wahr ist, dass Wilson eigens eine Bauchtänzerin nach Kairo einfliegen ließ, die den ägyptischen Verteidigungsminister betanzte. Und noch wahrer ist - leider ist das nicht im Film zu sehen -, dass die Dame sich mit einem Schwert dem Gemächt des Politikers näherte. Wahr ist auch, dass Wilson mehr als ein Dutzend Mal in die Flüchtlingslager an der afghanisch-pakistanischen Grenze reiste, einmal sogar in Begleitung einer ehemaligen Schönheitskönigin. Und wahr ist schließlich, dass er es mit Charme und Taschenspielertricks in Washington schaffte, die anfänglich bewilligten fünf Millionen Dollar Hilfe auf eine Milliarde hochzutreiben. Der Rest ist Geschichte. Ausgestattet mit importierten Packeseln aus Tennessee (!), vor allem aber mit modernen Boden-Luft-Raketen, zermürbten die Rebellen die Rote Armee. Wilson hatte gewonnen.

Der frühere pakistanische Premier Muhammad Zia ul-Haq konzedierte: "Charlie did it." Es war, wie man heute weiß, ein Pyrrhussieg. Die Amerikaner verloren schnell das Interesse an Afghanistan, das Vakuum füllten die Taliban, und das Land geriet zur Brutstätte des Terrorismus. "Amerika leistet eine Reihe von wundervollen Dingen. Aber wir haben leider nur eine kurze Aufmerksamkeitsspanne. Und jetzt zahlen wir den Preis dafür“, sagte Wilson später. In der ersten Drehbuchfassung sollte der Film sogar mit dem brennenden Pentagon enden, aber Joanne Herring drohte mit ihren Anwälten, und nun sieht man Tom Hanks als Wilson, wie er bei einer CIA-Zeremonie eine Medaille für seine Verdienste überreicht bekommt und traurig blickt, als ahne er, was Jahre später auf sein Land zukommen wird. Der echte Wilson zahlte, wie sein Land auch, einen hohen Preis. Im vergangenen September bekam der 74-Jährige ein neues Herz transplantiert, und drei Monate später erlebte er die Filmpremiere in Los Angeles. Er sah sein Leben, leicht bereinigt von den gröbsten Exzessen, und sprach gerührt: "Sie waren nett zu mir."

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