Was für ein "Monster": Für das Porträt einer Serienmörderin verbarg Charlize Theron all ihre Reize. Jetzt hat sie einen Oscar und den Respekt Hollywoods

Charlize am Mittwoch bei der Premiere von "Monster" in London© John D McHugh / AP
Besonders gern hat Charlize Theron immer erzählt, wie sie von Hollywood träumte, ihre Mutter schließlich einen Flug für sie buchte und Charlize aufschrie, als sie das Ticket sah: denn darauf stand Los Angeles. Sie habe an einen Irrtum geglaubt, weil sie nicht wusste, dass Hollywood ein Stadtteil von Los Angeles ist.
Besser kann man sich gar nicht als unschuldiges Blondchen verkaufen. Fast ein Jahrzehnt lang hat Charlize Theron artige Interviews gegeben, artig allen Paparazzi zugewinkt und überhaupt alle Spielregeln Hollywoods befolgt. Und Hollywood hat die Südafrikanerin dafür belohnt, mit ziemlich großen Rollen in ziemlich teuren Filmen wie "Im Auftrag des Teufels", "Die Legende von Bagger Vance" und "The Italian Job", in denen sie mal kapriziös, mal patent, vor allem aber immer blond sein durfte.
Doch hätte jemand vor einem Jahr prophezeit, dass das ehemalige Modell Theron für eine Rolle, in der sie buchstäblich nicht wiederzuerkennen ist, 2004 den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewinnen würde, wäre die gesamte Branche in schallendes Gelächter ausgebrochen.
Es muss der klugen, kühlen Theron irgendwann furchtbar gestunken haben, nur eines der vielen "Golden Girls" zu sein, die kommen und gehen in Hollywood, ohne eine Spur zu hinterlassen. Bis irgendwann ein schäbiges kleines Drehbuch auf ihrem Schreibtisch landete, verfasst von einer unbekannten Anfängerin namens Patty Jenkins. "Monster" erzählte eine authentische Geschichte, die in den USA jahrelang reißerische Schlagzeilen gemacht hatte: die der lesbischen Prostituierten Aileen Wuornos, die sieben ihrer Freier umgebracht hatte. Aber "Monster" war kein Reißer, sondern eine aufwühlende Liebesgeschichte - und das beklemmende Porträt einer Frau, die Opfer und Täterin zugleich war.

Der erste Oscar - und Charlize Theron weiß nicht ob sie vor Freude lachen oder weinen soll© Francis Specker/DPA
"Mich hatte noch nie ein Filmemacher so gesehen, wie Patty mich sah", sagt Charlize Theron, 28, und zündet sich eine neue Zigarette an. Sie wirkt so leuchtend und pumperlgesund, dass alle Zigarettenhersteller sich darum prügeln müssten, sie als Werbeträgerin anzuheuern: Durchs Rauchen ein Teint wie Goldstaub! Atemberaubende Schönheit dank Nikotin!
"Noch nie hatte jemand durch meine äußere Hülle hindurchgeschaut und mir zugetraut, dass ich auch jemand ganz anderen verkörpern könnte", sagt Theron. "Das war befremdlich." Beim ersten Treffen mit der Regisseurin kauerte sie sich so weit zusammen, dass ihr Kopf fast zwischen den Beinen hing. "Charlize war die Einzige, die begriff, wie schwer es werden würde, diesen Film durchzustehen", sagt Jenkins.
Der Rest ist fast schon Filmgeschichte. Theron übernahm die Rolle der Aileen, fraß sich knapp 30 Pfund an, ließ sich jeden Tag anderthalb Stunden lang hässlich schminken, setzte ein unförmiges Gebiss ein - und überrumpelte Hollywood.
Denn der ketzerische Gedanke, dass man hier ein entstelltes Starlet am Werk sieht, verflüchtigt sich nach wenigen Filmminuten. Mit ungeheurer physischer Wucht verkörpert Theron eine Frau, die gelernt hat, immer mit dem Schlimmsten zu rechnen, eine Frau, die ihren schweren, plumpen Leib als Bollwerk gegen die Zumutungen der Welt einsetzt, eine Frau, deren trotzig heruntergezogener Mund alles über Bitterkeit, Verrat und Verzweiflung weiß. Diese Aileen ist längst am Ende und zugleich lebensgierig, bedrohlich und erbarmungswürdig, ein unstet flackernder Geist in einem unruhigen Körper. Selten wird ein Film derart von einer einzigen Figur beherrscht.
Zitat: "Noch nie hat jemand durch meine äußere Hülle hindurchgeschaut und mir zugetraut, dass ich auch jemand ganz anderen verkörpern könnte."