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26. April 2008, 08:00 Uhr

"Die Realität ist noch viel härter"

Tatort "Chiko": Die Schauspieler Moritz Bleibtreu und Denis Moschitto sowie der Produzent Fatih Akin über ihren Hamburger Gangsterfilm, türkische Klischees, amerikanische Zustände und deutsche Identitätslosigkeit. Von Matthias Schmidt und Bernd Teichmann

"Wir hatten Schlimmeres befürchtet." Moritz Bleibtreu, Denis Moschitto und Fatih Akin (von links)© Olaf Ballnus

Sie haben "Chiko" in Hamburger Problembezirken gedreht. Wie problematisch war das wirklich?

Denis Moschitto: Ich erinnere mich an eine Nacht, in der wir in Mümmelmannsberg gedreht haben, wo Chiko auch im Film wohnt. Das lief relativ reibungslos, aber hin und wieder kamen Leute, die wollten stören. Die Polizei musste ein paarmal anrücken. Irgendwann flogen auch mal Flaschen aus dem Fenster, weil wir bis sechs Uhr morgens gedreht haben. Aber wir hatten Schlimmeres befürchtet.
Moritz Bleibtreu: Kann dir auch im schicken Hamburg-Eppendorf passieren.

Sie sind ja alle drei in Problembezirken aufgewachsen. Hatten Sie beim Dreh das eine oder andere Déjà-vu?

Moschitto: Ich kannte damals zwar keinen Koksdealer, aber schon solche Leute, wie wir sie im Film spielen. Daraus konnte ich auch schöpfen.

Bleibtreu: Geht mir genauso. Der übertriebene Respektbegriff, sich über ein Viertel zu identifizieren - das kenne ich aus der Jugend. Das findest du aber überall, in allen Gegenden, wo nicht nur die Sonne scheint.

Fatih Akin: Ich bin in einer Hochhaussiedlung mitten in Hamburg-Altona mit einer Gang groß geworden, aus der nur 2 von 14 heil rausgekommen sind. Entweder wurden die abgeschoben, sind im Knast gelandet, starben an einer Überdosis oder wurden erschossen. Nur ich und ein anderer Kollege, der ist heute Dachdecker, blieben verschont. Deswegen ist das für mich ein vertrautes Milieu. Aber heute gibt es eine Steigerung, ein Vielfaches von Gewalt

und Grenzenlosigkeit.
Bleibtreu: Damals hat es sicher genau dieselben Probleme gegeben, genauso viel Drogen und Schlägereien. Der große Unterschied war, dass die Gangs immer eine Motivation hatten. Man hat sich entweder definiert über Klamotten oder über Musik, einen gemeinsamen Geschmack. Heute tut man sich zusammen, weil man dann mächtiger anderen gegenüber ist. Und es geht nur um eins: so schnell wie möglich so viel Geld wie möglich abzuzocken. Wenn man früher jemandem die Jacke weggenommen hat, dann nicht, weil man die haben wollte, sondern sie dem anderen wegnehmen wollte.

Moschitto: Eine Gang hatte ich nicht wirklich, aber eine Gruppe von Freunden, mit denen ich auf der Straße abgehangen habe, hauptsächlich Jungs aus Köln-Ossendorf. Da gab es Leute aller möglichen Nationalitäten: Deutsche, Italiener, Türken sowieso. Und es war völlig egal, woher man kam. Wer dort wohnte, gehörte dazu. Es gab viel Ärger, aber es war auch spannend, ein bisschen Outlaw-Leben. Man konnte Krieg führen gegen andere Stadtteile. Aber man hat immer aufgehört, wenn der andere auf dem Boden lag.

Akin: Wenn früher mal Waffen im Spiel waren, war das immer was Besonderes, eine Seltenheit, das passierte so drei-, viermal im Jahr. Heute fast täglich.

Woher kommt das?

Akin: Keine Ahnung. In den Achtzigern haben uns Sozialforscher immer vor amerikanischen Zuständen gewarnt. Die haben wir jetzt. Eigentlich sind uns die Amerikaner schon wieder einen Schritt voraus, denn in New York gibt's keine Gewalt mehr. Das wird das Nächste sein, was hier eintrifft. In fünf bis zehn Jahren. Dass alles teurer wird und noch teurer. Und irgendwann werden es sich ärmere Leute überhaupt nicht mehr leisten können, in der Stadt zu leben, und Hamburg und andere Großstädte werden zur gewaltfreien Zone.

Bleibtreu: Der Wohlstandsbegriff ist heute ein ganz anderer. Reichtum war früher noch greifbar: ein schönes Auto und ein schönes Haus. Heute hat jemand ein Einfamilienhaus um den Hals hängen, und es ist normal. Es ist auf einmal auch unheimlich cool, zu protzen und diamantenbesetzte Felgen auf seinem Bentley zu haben. Die Ziele, die sich Menschen setzen, sind inzwischen so weit weg, so unrealistisch, dass das Streben danach eine ganz andere Art von Gewalt und Durchsetzungsvermögen von dir erwartet.

Akin: Das macht "Chiko" auch so aktuell. Was wir in dem Film erzählen, ist keine Übertreibung. Die Realität sieht noch viel härter aus.

Moritz Bleibtreu, 36, spielt in "Chiko" den Big Boss Brownie© Olaf Ballnus

Realität hin oder her: Die Türken sind hier mal wieder Kleinkriminelle und Drogendealer. Wie groß ist die Gefahr, immer die gleichen Klischees zu verfilmen?

Akin: Wenn ich eine Figur beschreibe, bin ich fast nicht mehr in der Lage, zu erkennen, wo die Realität endet und wo das Klischee beginnt. Ich muss mich als Filmemacher auf eine gewisse Intuition verlassen. Fange ich an, auf Teufel komm raus ein Klischee vermeiden zu wollen, bekomme ich unglaubwürdige Kunstfiguren.
Bleibtreu: Es gibt diesen Spruch: Ein Klischee ist scheiße, tausend Klischees sind gut. Wenn du anfängst, Klischees zu erzählen, dann richtig.
Moschitto: Wenn man das Klischee vermeidet, ganz bewusst, dann ist das ja einfach nur das Gegenteil.
Akin: Genau, der Gangster muss jetzt Architektur studieren ...

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 17/2008

Super, Digger! Endlich. Der erste gute deutsche Gangsterfilm seit langer Zeit. Cool, hart, schnell. Regiedebütant Özgür Yildirim erzählt erbarmungslos und milieugetreu über Aufstieg und Fall eines Hamburger Vorstadt-Dealers (Denis Moschitto). Das erinnert an Fatih Akins "Kurz und schmerzlos", aber auch an "Scarface" und die "Mean Streets" von Martin Scorsese. Echt super, Digger!

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KOMMENTARE (3 von 3)
 
mupfeline (26.04.2008, 19:36 Uhr)
Die Herrschaften schauen auch nachmittags
kein linientreues Fernsehen - z. B. von Sat 1 - Richter Hold - sonst würden sie nämlich nicht so einen Schmarren von den "ewigen" türkischen Bösewichten schwadronieren.
Ich kann mich nur ganz seltene Fälle erinnern dass in diesen fiktiven kleinen Unterhaltungssendungen die Migranten oder Zugezogenen (was weiss ich wie man die Herrschaften betiteln soll um mit niemandem anzuecken und sich linientreu auszudrücken) die "Bösen" und Deutsche die "Guten " sind. Zu 98 Prozent sind die Deutschen - laut Herrn Bleibtreu eh ohne kulturelle Identität - die "Bösen" und die ANDEREN die "Guten." Diese Grundrichtung in diesen Fällen ist so primitiv und lachhaft dass es nicht mal mehr peinlich ist - nur noch grotesk.
Witzig ist nur dass diese Machwerke schon langsam albern werden - Gehirnwäsche a la DDR würde ich mal sagen. Nur nicht ganz so geschickt und unaufdringlich gemacht. Eher das Gegenteil: Plump und sofort offensichtlich!
vegefranz (26.04.2008, 18:53 Uhr)
Akin spinnt
in Deutschland schiebt man kriminelle Ausländer nicht ab. Das muss er geträumt haben. Wir haben Claudia Roth, die Schutzheilige der Intensivtäter. Die hätte das verhindert
mupfeline (26.04.2008, 18:33 Uhr)
Danke Herr Bleibtreu
Da wir also als Deutsche keine kulturelle Identität haben - wir haben sie Ihren Worten nach 1945 an der Garderobe der Geschichte abgegeben braucht sich also auch niemand mehr mehr auch nur ansatzweise anzupassen oder zu integrieren. Alle zugezogenen Migranten können praktisch ihre kulturelle Identität behalten - denn DIESE Gruppen haben ja eine Identität - nicht wahr!?
Würden Sie mir dann bitte verraten was ICH dann für ein Neutrum sein soll? Ich habe keine Kultur, keine Identität zu irgendeiner Gruppe oder einem Volk. WAS, meinen Sie? WAS sind 80 Millionen Deutsche? Sind wir Türken, Araber, Griechen, Russen, Amerikaner? Oder sind wir schlicht 80 Mio nicht vorhandene?
Interessante Frage nicht wahr? Ich muss zugeben - auf die Idee dass mir jemand jede Identität abspricht nur weil mein Großpapa - neben vielen anderen dieser Altersgruppe - den verdammten Krieg verloren hat - auf diese Idee bin ich noch nicht gekommen.
Danke der Aufklärung!
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