Er kam durch die Hintertür, ganz leise und unspektakulär. Jetzt, mit 40, gilt der Engländer Clive Owen als Kino-Attraktion: verwegen, elegant, lässig, abgründig. Denn richtige Männer sind halt selten.

Frauenschwarm Clive Owen© Getty Images
Eines Morgens wachte Clive Owen auf und fand sich in ein Sexsymbol verwandelt. Seine Frau lachte ihn aus, als er ihr davon erzählte, und seine beiden Töchter quengelten, dass sie fast zu spät dran seien für die Schule. Seine Brüder - Clive ist der zweitjüngste von fünf Söhnen - zogen ihn wie stets erbarmungslos auf. Sexsymbol! Aus Coventry! Was sonst noch? James Bond vielleicht?
Clive Owen blickt auf einen Teller mit Pralinen und versucht sich zu erinnern, wann genau das mit dem Sexsymbol passiert ist. Er hat Kaffee bestellt und "was Süßes, Schokolade vielleicht", aber da wir uns hier im "Four Seasons Hotel" von Beverly Hills befinden, wirken selbst die Schokolädchen wie Hollywoodstars. Er hält irritiert eines hoch, quadratisch, mit einem rosa Marzipanbrüstchen obendrauf, und wirft es sich in den Mund. "Ich meine ja nicht ein ganz allgemeines Sexsymbol", schränkt er kauend ein. "Sondern..." Er hält inne, in seinen grünen Augen leuchtet schon das Grinsen, das seinen vorgetragenen Ernst gleich Lügen strafen wird: "Sie nannten mich 'das Sexsymbol der gescheiten Frauen'!"
Clive Owen kichert vergnügt. Der 40-jährige Schauspieler aus der englischen Provinz ist so ziemlich der attraktivste Mann, den Britannien gerade aufs internationale Kino loslässt - ein Edel-Macho, elegant und scharf wie ein teures Küchenmesser; mit dezent verbeulter Boxernase, die seinem schmalen Gesicht etwas Verwegenes gibt, und verblüffend herzig geformter Oberlippe, die den Linien um seinen Mund die Härte nimmt.
Seine Ausstrahlung auf der Leinwand ist düster. Als "König Artus" wirkte er wie ein grundunglücklicher, einsamer Wolf. Und auch im Beziehungsdrama "Closer" bewies er so viel eisiges Können als Verbal-Hooligan im Ehestreit, dass die Hollywoodkollegen ihn schaudernd für einen Oscar vorschlugen. Mit Steve McQueen wurde Owen schon verglichen, mit Robert Mitchum, mit Bogart - den großen Einzelkämpfern, den taffen Kerlen. "Er lässt eine Ära auferstehen", schrieb der Kritiker der "Los Angeles Times", "in der Männer sich der schweren Aufgabe stellten, Männer zu sein, und zwar ohne zu jammern." Halleluja.

Richtige Männer sind selten: Clive Owen als Frauenversteher Dwight im Kino-Comic "Sin City"© Miramax
Doch all dies Gesummse lässt Owen ziemlich kalt. Er hört sich die Vergleiche an, flicht amüsiert ein, dass er auch schon den Namen Connery gehört habe - aber er blickt dabei so ungerührt und unverständig, als habe man ihm besonders hübsche Ellenbogen attestiert.
Er streckt sich in seinem Sessel auf der Hotelveranda. Einen nachtblauen Anzug hat er an, weißes Hemd; er sieht aus, als würde er jeden Moment durch ein Casino tigern. Und erinnert so tatsächlich an den jungen Connery: an dessen nachlässig domestizierte Männlichkeit, glorifiziert in den Bond-Filmen. Immer wieder taucht Owens Name auf, wenn es um die Zukunft von 007 geht. Er schwört, dass ihm noch nie ein Angebot gemacht wurde - was nicht nur die Frage aufwirft, ob er annehmen würde (er lächelt), sondern auch, ob die Bond-Produzenten einen Sprung in der Schüssel haben.
Owen sieht aus, als würde er gern eine rauchen, aber er hat es sich abgewöhnt. Weil er nach Hollywood ziehen will? Um Gottes willen. "Los Angeles ist eine seelenvernichtende Stadt. Bist du wichtig für mich? Dann bin ich nett zu dir. Bist du unwichtig? Well, fuck off." Ein amerikanischer Kritiker hat über ihn gesagt, es sei das typisch britische "working class"-Schamgefühl, das Owen daran hindere, ein durch und durch eitler Sack zu werden. Jene Überzeugung, dass man für Belohnungen vorher was leisten muss. Dass man immer derselbe Typ aus den öden englischen Midlands bleibt, auch wenn man im Luxushotel in Beverly Hills behandelt wird wie ein Neffe der Queen.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 33/2005
Ultrabrutal: "Sin City" Auf den ersten Blick ist das neue Werk des fleißigen Texaners Robert Rodriguez ("Irgendwann in Mexico", "Spy Kids") die beste Comic-Verfilmung aller Zeiten. So präzise, ja beinah sklavisch genau hat noch nie jemand die Zeichenwelt auf die Leinwand gebracht. Sein ultrabrutaler, größtenteils schwarzweißer Kraftakt über gute und böse Bullen und Buben in einer sündigen Stadt überzeugt trotzdem nicht auf der ganzen Linie: Was in der genialen Buchvorlage (Speed Comics) von Frank Miller von der ersten bis zur letzten Seite packt, wirkt im Kino schnell plakativ und geschwätzig. Fazit: visuell bahnbrechend, emotional verarmt.