Mobile Ansicht
Wechseln Sie für eine bessere
Darstellung auf die mobile Ansicht
Weiterlesen Mobile Ansicht
HOME

Das Sommermärchen ist vorbei

Nach einem Solidaritäts-Aufruf für Flüchtlinge hat Til Schweiger viel Unterstützung bekommen, ihm ist aber auch blanker Hass entgegengeschlagen. Mit dem stern sprach er über Gefühllosigkeit, deutsche Flüchtlinge und seine weiteren Pläne. 

Von Uli Hauser

Til Schweiger wünscht sich mehr Empathie

Til Schweiger "Wir müssen mehr tun"

Til Schweiger bewegt die Menschen: mit seinen Filmen, mit seinen Geschichten, mit seiner Meinung. Der Schauspieler liebt klare Rollen und klare Kante, er teilt aus, und er steckt ein. Seit vielen Jahren macht er sich stark für Menschen, die sich schwach fühlen. In den vergangenen Monaten förderte er vor allem Flüchtlingsinitiativen. Vor einer Woche rief er über "Facebook" über 1,3 Millionen seiner sogenannten "Freunde" auf, eine Aktion des "Hamburger Abendblatts" zu unterstützen: Kleidung und Spielzeug zu sammeln für Flüchtlinge in Hamburg. Die Reaktion auf seinen Appell: viel Beifall. Aber auch blanker Hass. Ein Gespräch über Engagement in aufgeregter Zeit.

Wie kaum ein zweiter Prominenter nutzen Sie das Internet und mischen sich in Debatten ein. Wie kam es zu Ihrem aktuellen Aufruf für Flüchtlinge?

Mich hatte auf Facebook ein zwölfjähriges Mädchen angeschrieben: mit der Bitte, einen Hilfs-Aufruf an meine "Community" zu posten. Ich habe das dann gemacht, wohl wissend, dass es wieder Leute geben würde, die rummeckern. Die Organisatoren vom "Hamburger Abendblatt" hatten gehofft, zwei LKW mit Hilfsgütern füllen zu können. Es wurden zwölf, es war eine überwältigende Aktion. Normalerweise stellen sich in Deutschland Menschen an, wenn es was umsonst gibt. Hier standen sie, weil sie etwas zu geben hatten: Kleidung, Spielzeug, Großes wie Kleines.


Das war das Positive daran. Aber Sie haben auch viel Ablehnung erfahren...

... Ja, mich erreichten ganz dumme, teilweise ekelhafte Kommentare. Ich habe dann bewusst, aufgehört zu lesen, ich war fassungslos und traurig und aggressiv zugleich. Einer bezeichnete syrische Flüchtlinge als "feige Bastarde", die ihre Familie in der Heimat im Stich lassen. Andere schrieben: "Halten Sie mal schön Ihr Maul, der Wind hat sich gedreht." Und das sind nicht mehr Leute, die sich hinter einem Batman oder einem Hobbit-Profil verstecken. Sondern die mit ihrem Namen zeichnen und auch ihr Bild dazustellen, mit Runen auf tätowierten Armen.

Und Sie schrieben dann zurück, diese Leute sollen sich von Ihrer Facebook- Seite "verpissen".  

Ja, was sonst? Du kannst versuchen zu argumentieren, aber das erreicht doch nicht Menschen, die hassen. Ich schreibe dann zum Beispiel den Leuten, die Pegida unterstützen: "Ihr geht auf die Straße, weil Ihr Angst habt vor den Islamisten. Diese Angst ist ja nicht unbegründet. Aber ausgerechnet die Menschen, die vor dem Terror der Islamisten flüchten, sollten bei uns nicht willkommen sein?" Diese Menschen haben das Schlimmste erlebt, Tod und Vertreibung und Vergewaltigung, kommen mit nur einem Hemdchen her und sitzen bei uns nur rum, warten von einem Essen zum anderen, weil sie sonst nichts zu tun haben oder nichts zu tun haben dürfen. Und draußen tobt der Mob, der will sie anzünden. 

Und Sie glauben, Sie können bei diesen Leuten mit Ihrer Sicht auf die Dinge etwas bewirken?

Ich bilde mir das nicht ein, ich bin auch nicht der Fachmann in Flüchtlingsfragen. Ich weiß auch nicht, wie man das Problem löst, das maße ich mir nicht an. Ich kann verstehen, wenn mir Leute schreiben, dass sie selbst kaum über die Runden kommen, dass sie Angst haben, sie bekommen weniger Geld, wenn es auf der anderen Seite mehr Geld für Flüchtlinge gibt. Es gibt sehr viele arme Menschen in Deutschland, besonders Kinder sind betroffen. In Berlin gilt mittlerweile jedes zweites Kind als arm...

...dann verstehen Sie deren Zorn also?

Ja. Aber ich sage denen auch: Ihr sollt eure Meinung äußern, aber ihr habt ein Dach über dem Kopf, ihr lebt in Frieden. Obwohl sich das auch ruckzuck ändern kann. Jeder weiß, wie fragil die Verhältnisse sind auf der Welt. Vielleicht müssen die, die sich heute über Flüchtlinge erheben, eines Tages selbst fliehen.

Sind Sie wirklich erstaunt, dass so viele Menschen Böses schreiben?

Ich bin überrascht von der Vehemenz an Gefühllosigkeit . Und dieser Angst, dass diese armen Menschen, die nichts haben, außer ihrem Leben, ihnen etwas wegnehmen könnten.

Was sagen denn Ihre Freunde und Kollegen zu dem, was Sie gerade erleben?

Also, viele klopfen auf die Schulter. Und dann sag ich ihnen: "Ey, das brauche ich nicht, mach lieber selber deinen Mund auf." Jan Josef Liefers hat mir jetzt vor zwei Tagen als Einziger geschrieben, "Til, ich habe die Schnauze voll, lass' uns was machen, lass uns treffen." Ok, sag' ich, ich bin bereit. Aber bevor wir uns darüber beschweren, dass sich aus der Unterhaltungsbranche jetzt nur der Liefers gemeldet hat, sage ich: Reden wir doch lieber mal über Journalisten und Politiker. Ich glaube, es gibt zu wenig Journalisten, denen Mitgefühl und Mitmenschlichkeit wichtig sind. Es gibt sie, aber es sind zu wenige! Und es gibt zu wenige Politiker, die klar Position gegen diesen Hass beziehen.

Immerhin hatte sich vor wenigen Tagen der Vizekanzler Sigmar Gabriel bei Ihnen gemeldet, nachdem Sie auf Facebook gepostet hatten, "Frau Merkel, Herr Gabriel, bitte übernehmen Sie".

Die Kanzlerin wandert in Südtirol, Gabriel meldete sich, ich rief zurück. Er baute gerade im Urlaub an der Ostsee eine Sandburg für seine Tochter. Ich meinte, das ist wichtiger, aber er sagte, nee, jetzt sprechen wir. Er musste sich eine halbe Stunde meinen Frust anhören. Und dann lud er mich ein, mit ihm zusammen Flüchtlingsheime zu besuchen.

Das könnten Sie auch ohne ihn tun, oder?

Aber eben auch mit ihm. Ich habe sehr geschätzt, dass er sich gemeldet hat. Und schon schrieben die ersten Journalisten: Wow, da haben sich die Richtigen gefunden,! Der Gabriel wird sogar in seiner eigenen Partei gedisst, und ich bin es ja schon gewohnt, gedisst zu werden. So nach dem Motto "Zwei Loser verbünden sich, um gut da zu stehen".

Gabriel war auch bei den Pegida-Leuten in Dresden, das kam nicht überall gut an.

Wieso eigentlich? Mein Kumpel Xavier Naidoo war in der Presse plötzlich ein Nazi, weil er mit diesen Leuten diskutieren wollte. Ich habe gedacht, was geht denn jetzt ab!? Wenn einer kein Nazi ist in diesem Land, dann ist es Xavier! Ich würde auch versuchen, mit diesen Leuten zu diskutieren und versuchen, sie zu überzeugen, dass sie falsch liegen. Auch wenn ich wenig Hoffnung hätte, auf Gehör zu stoßen.

"In der Presse": Klingt so wie "die Politiker"...

...gut, reden wir von Typen, die nur darauf aus sind, andere zu diskreditieren. Die sich selbst wichtig machen, in ihren geilen, sicheren Büros sitzen und schlaue Sätze absondern. Sich über jeden und alles erheben und Leuten wie Jürgen Todenhöfer, der den Mut hat, in den IS-Staat zu reisen, unterstellen, er stelle die falschen Fragen. Oder Fragen, die keinem wehtun. Statt zu sagen: Der Mann traut sich was, der hat Eier in der Hose, die ich nicht habe.

Dann geht's also bald mit Gabriel und Schweiger in Flüchtlingsheime?

Nach dem 15. September. Dann habe ich den Kino-"Tatort" abgedreht, dann habe ich mehr Zeit. Und ich werde dafür Zeit haben. Gabriel meinte, wenn er Journalisten einlädt, mit ihm Flüchtlingsheime zu besuchen, kämen die wenigsten mit. Ich hatte bisher auch nicht davon gehört, dass er dort gewesen ist.

Verbinden Sie mit dieser Tour eine Hoffnung?

Ich will, dass Flüchtlinge bei uns menschenwürdig empfangen und versorgt werden. Gabriel versuchte mir zu erklären, dass unsere Städte unter der finanziellen Last fast zusammenbrechen, und der Staat am Ende auch zu wenig Geld habe. Ich sagte dann in meinem Frust: Das gibt es doch nicht. Wir haben genug Geld, um Banken zu retten und andere Länder mitzufinanzieren und auch Geld dafür, dass Frösche nicht auf Autobahnen überfahren werden, dafür bauen wir Brücken. Es ist doch so: Wir Deutschen haben bisher am meisten vom Euro profitiert, zumindest die Industrie. Wir haben Milliarden Steuer-Überschüsse. Dieser sogenannte Soli für den Osten - das ist doch eine versteckte Steuer, keiner weiß heute mehr, wofür. Wie wäre es mit einem Solidaritätsbeitrag für Flüchtlinge? Aber ich werde mehr tun, als nur zu fordern. Ich werde mich einklinken. Freunde von mir werden eine ehemalige Kaserne umbauen zu einem großen und schönen Heim für Flüchtlinge. Meine Freunde haben sich viele Häuser angeschaut in Deutschland, in vielen herrschen schreckliche Verhältnisse, da brauchen wir keine Bilder aus anderen Ländern und uns darüber aufregen, wie schlimm es da ist. Es ist auch nicht schön, in Deutschland ein Flüchtling zu sein.

Til Schweiger auf dem Weg in die Politik, richtig?

 Ich hatte mal eine Zeit lang Ambitionen, ich bin ja erst vor zwölf Jahren aus der SPD ausgetreten. Aber mein Verstand sagte mir dann, in der Politik kannst du weniger bewegen. Da ist zum Beispiel dieser Vorschlag vom Chef der Polizeigewerkschaft, der hat endlich mal was Vernünftiges gesagt, der Herr Wendt: Dass man um die Flüchtlingsheime eine Schutzzone ziehen müsste, so eine Art Bannmeile. Dass sich keine Nazis oder anderen Typen den Flüchtlingen nähern dürfen. Schlimm genug, dass wir in Deutschland so etwas brauchen. Von diesem Vorschlag also habe ich Gabriel erzählt. Der sagte gleich "Das können Sie vergessen, das wird nicht funktionieren, unser Grundgesetz garantiert Versammlungsfreiheit, eben auch für die, die gegen Flüchtlinge demonstrieren." Es ist an der Zeit, endlich laut zu werden und für die Rechte von Flüchtlingen zu streiten. Wo ist die Empörung, wo der Aufschrei?

Sie sind doch gerade dabei.

Aber es müssen mehr Menschen mehr tun, eben auch Politiker. Es sind zu viele Leute unterwegs, die unsere Demokratie verachten. Aber Demokratie ist kein Selbstläufer. Für sie muss man kämpfen. Man muss sie beschützen. Und man muss sich ein bisschen in Geschichte auskennen, um einschätzen zu können, was gerade passiert.

Was meinen Sie damit?

Die Geschichte Deutschlands ist eine von Flucht und Vertreibung. Wenn wir nur in die jüngere Zeit zurückschauen: Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es innerhalb Deutschlands große Wanderbewegungen von Ost nach West. Mehr als 15 Millionen Menschen waren unterwegs. Später haben Hunderttausende die DDR verlassen. Ich habe einen Artikel aus der "Welt" weitergepostet, darin stand, dass heute jeder 25- bis 65-jährige Ostdeutsche mehr oder minder ein Migrant ist oder war. Eine sehr gewagte These, aber plausibel dargestellt. Es ist doch so: Sehr viele Menschen aus dem Osten Deutschlands haben sehr viel auf sich genommen, um zu fliehen. Man könnte auch sagen: Vor und nach der Maueröffnung waren in Deutschland sehr viele Wirtschaftsflüchtlinge unterwegs. Und derzeit habe ich das Gefühl, das viele, die auch eine Fluchtgeschichte hinter sich haben, sich über andere Flüchtlinge erheben. Die meisten Menschen leben nach dem Muster: Wenn ich die Fresse halte, geht es mir am besten. Bleib mir fort mit dem Elend der anderen.

Viele Menschen fühlen sich auch schlichtweg überfordert. 

Wenn ich ehrlich bin, hat es mich lange Zeit auch nicht beschäftigt. Vor ein paar Jahren habe ich doch eher süße Katzenvideos gepostet oder Selfies, wenn es mal wieder einen neuen Film zu vermarkten gab. Aber ich habe mittlerweile zu viele Bilder gesehen von Flucht und Vertreibung, schlimme Bilder. Ich weiss ungefähr, was los ist in der Welt. Und ich kann und werde nicht mehr wegschauen. Ich glaube im übrigen auch, dass unsere Fernsehkultur nicht sonderlich das Mitgefühl fördert.

Wie meinen Sie das?

Setzen Sie sich mal einen Tag bewusst den Sendungen im Fernsehen aus, egal, ob privat oder öffentlich-rechtlich. Reißerische Meldungen, Hysterie allerorten und Casting-Shows, in denen sich Menschen gegenseitig beleidigen oder vorgeführt werden. Da bietet ein Dieter Bohlen mit seiner Häme fast schon Qualitätsfernsehen. Leute, lasst uns wieder lernen, miteinander zu sein. Nicht gegeneinander zu leben!

Sie sind ein Träumer.

Und Deutschland ist auch dafür gut. Was war das für eine schöne Stimmung 2006, als sich Deutschland das sogenannte Sommermärchen erzählte. Es war so eine gute Zeit, alle schrieben, von der "New York Times" bis zum "Guardian", die Deutschen sind cool.

Sind sie das nicht mehr?

Das ändert sich grade, weil immer weniger Menschen emphatisch sind. Das ist mein Gefühl. Da verschiebt sich was in unserer Gesellschaft, und das zeigt sich eben auch im Umgang mit Flüchtlingen. Wir haben jetzt schon mehr Anschläge auf Flüchtlingsheime als im vergangenen Jahr. Das Sommermärchen ist vorbei. 


Hier finden Sie Informationen zur stern-Aktion Mut gegen rechte Gewalt

täglich & kostenlos
Täglich & kostenlos

Stern Logo Das könnte Sie auch interessieren

Partner-Tools