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Warum Michael Jackson uns so berührt

Michael Jackson ist tot. Die Nachricht sorgt auch bei Menschen für Trauer, die bislang mit dem "King of Pop" nicht viel anfangen konnten - und für verwirrte Gefühle: Jackson hat vielen Menschen mehr bedeutet, als sie angenommen haben. Irgendwie war er immer da - überall auf der Welt.

Von Sophie Albers

Als Kurt Cobain sich 1994 das Leben nahm, saß ich gerade im Kino. Ich kann mich nicht mehr an den Film erinnern, aber daran, dass plötzlich der Mann von der Kasse nach vorne ging, um einem verdutzten Publikum mitzuteilen, dass das Idol der Grunge-Bewegung tot sei. In den folgenden Tagen und Wochen lief in zahlreichen Köpfen nur noch Nirvana. Aber muss ich jetzt wirklich Michael Jackson hören?

Donnerstagnacht im Taxi auf dem Weg nach Hause, wenige Stunden nach Jacksons Tod, hört der bis auf die Knochen schockierte Fahrer nicht auf, die Texte einzelner Songs des "King of Pop" zu zitieren. Durchbrochen von "Das ist so schrecklich"-Ausrufen. Als ich aussteige, wischt sich der gestandene Mann Anfang 30 die Augen, und auch in mir macht sich plötzlich ein seltsames Gefühl der Leere breit.

Flop und Monster

Mit seinem letzten Album "Invincible" war der Popstar Jackson 2001 ein Flop, mit dem Missbrauchsprozess 2005 ein Medienmonster. Für die Öffentlichkeit war der Sänger am Ende vor allem eine Witzfigur, ein Freak, der sich bis zur Unkenntlichkeit hat operieren lassen, angeblich die Haut färbte, sein Baby aus einem Hotelfenster hängte und sich ein Märchenreich mit Karussell und Zoo bauen ließ. Er war ein Opfer seines Vaters und der Industrie, fügten ihm etwas wohlgesonnenere Menschen hinzu. Die trotzdem beeindruckend große Schar seiner Fans, die härter sind als die von Schalke 04 und Bayern München zusammen, wurde belächelt. Doch jetzt, da "Jacko" fort ist, wollen die Mundwinkel nicht mehr so recht. Eine Welt ohne Michael Jackson? Hm. Das ist zumindest... komisch.

Plötzlich fällt auf, wie sehr dieses Phantom von Neverland doch zu unserem täglichen Leben gehörte. Genauso wie Madonna, Ikea oder die Tasse Kaffee am Morgen. Michael Jackson war immer da. Ob wir wollten oder nicht. Laut Umfragen hat der Popstar einen ähnlichen Bekanntheitsgrad wie Jesus.

"Ich bin anders als die anderen"

Im Radio läuft gerade Rihanna, aktuell erfolgreichstes Kind des R'n'B, der Verschmelzung schwarzer und weißer Musik, die vor allem auch Michael Jackson populär gemacht hat. Zuerst als Teil der Motown-Familie in den 70ern, und noch mehr ein Jahrzehnt später auf Solopfaden. Alicia Keys, R.Kelly, Beyoncé, sie alle bauen auf dem Fundament, das Jackson einst gegossen hat. Es gibt kaum einen Musiker, der den Einfluss von "MJ" nicht anerkennt - von Pop bis Rap, von Timbaland bis Bushido.

Musik würde sich ohne ihn nicht nur anders anhören, sie würde auch anders aussehen: Ob die Kinoqualität von "Thriller" oder das perfekte Design von "Scream", das bis heute das teuerste Musikvideo überhaupt sein soll, Jacksons Musik-Clips waren neu, aufregend und haben Standards gesetzt. Zudem fand der doppeldeutig-lustige Spruch "Ich bin anders als die anderen", mit dem Jackson im "Thriller"-Video seine Freundin auf dem Weg über den Friedhof warnt, bevor er zum Werwolf wird, bei Jugendlichen weltweit Anwendung.

Jackson, das ist die ultimative Show. Der Bombast seiner Tourneen ist legendär. Die Perfektion seiner Choreografien unerreicht. Der "Moonwalk", dieses gleitende Gehen, unvergessen. Und schließlich hat sich der "King of Pop" auf der Bühne schon genüsslich in den Schritt gegriffen, als Eminem und 50 Cent noch in kindlicher Unschuld "Alle meine Entchen" gesungen haben.

Weiße Socken, Silberhandschuh

Jacksons Fantasieuniformen haben die Mode genauso beeinflusst wie die weißen Socken zwischen schwarzer Hochwasserhose und schwarzen Schuhen, der Handschuh an nur einer Hand, die Pflaster an den Fingern, die Silbersocken. Und immer wieder der schwarze Hut. Bis heute wird der Jacko-Style kopiert, auf Laufstegen, auf Bühnen, auf der Straße. Popart-Künstler Andy Warhol hat Jackson porträtiert, und Jeff Koons hat ihn und seinen Schimpansen Bubbles einst als goldweiße Statue zur Kitschikone erhoben. Wenn es in Literatur oder Theater um Idole geht, hat Jackson immer einen Auftritt. Gleich neben Elvis und Marilyn. Der kleine schwarze Junge, aus dem eine weiße Diva wurde, ist aus unserem kollektiven Gedächtnis einfach nicht wegzudenken.

Und dann diese Songs: Jedes Kind der 80er Jahre kann sie mitsingen. Die Melodie und häufig sogar der Text sitzen bombenfest. Dazu musste man nicht mal eine Schallplatte besitzen - das sind diese runden, schwarzen Dinger mit Rillen, von denen Jacko Hunderte Millionen verkaufte. Jackson war im Radio so präsent wie kein anderer. Noch heute vergeht keine Minute, in der nicht irgendwo auf der Welt "Billie Jean", "Dirty Diana", "Beat it", "This girl is mine" oder "You are not alone" über den Äther schallen.

"Seien wir ehrlich, wer will denn sterblich sein", hat der seine Karriere betreffend niemals bescheidene Künstler einst prophetisch bemerkt. Zum Abschied vom König des Pop höre ich trotzdem eine andere Jackson: "You don't know what you've got 'til it's gone" (Du weißt nicht, was du hast, bis es fort ist) von Michaels Schwester Janet, inspiriert von Joni Mitchell. Und weil wir es jetzt wissen, werden wir es nie wieder los.

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