Warum Michael Jackson uns so berührt

26. Juni 2009, 12:49 Uhr

Michael Jackson ist tot. Die Nachricht sorgt auch bei Menschen für Trauer, die bislang mit dem "King of Pop" nicht viel anfangen konnten - und für verwirrte Gefühle: Jackson hat vielen Menschen mehr bedeutet, als sie angenommen haben. Irgendwie war er immer da - überall auf der Welt. Von Sophie Albers

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Michael Jackson, King of Pop

Ob auf Kissen oder im Radio: Michael Jackson war schon immer da©

Als Kurt Cobain sich 1994 das Leben nahm, saß ich gerade im Kino. Ich kann mich nicht mehr an den Film erinnern, aber daran, dass plötzlich der Mann von der Kasse nach vorne ging, um einem verdutzten Publikum mitzuteilen, dass das Idol der Grunge-Bewegung tot sei. In den folgenden Tagen und Wochen lief in zahlreichen Köpfen nur noch Nirvana. Aber muss ich jetzt wirklich Michael Jackson hören?

Donnerstagnacht im Taxi auf dem Weg nach Hause, wenige Stunden nach Jacksons Tod, hört der bis auf die Knochen schockierte Fahrer nicht auf, die Texte einzelner Songs des "King of Pop" zu zitieren. Durchbrochen von "Das ist so schrecklich"-Ausrufen. Als ich aussteige, wischt sich der gestandene Mann Anfang 30 die Augen, und auch in mir macht sich plötzlich ein seltsames Gefühl der Leere breit.

Flop und Monster

Mit seinem letzten Album "Invincible" war der Popstar Jackson 2001 ein Flop, mit dem Missbrauchsprozess 2005 ein Medienmonster. Für die Öffentlichkeit war der Sänger am Ende vor allem eine Witzfigur, ein Freak, der sich bis zur Unkenntlichkeit hat operieren lassen, angeblich die Haut färbte, sein Baby aus einem Hotelfenster hängte und sich ein Märchenreich mit Karussell und Zoo bauen ließ. Er war ein Opfer seines Vaters und der Industrie, fügten ihm etwas wohlgesonnenere Menschen hinzu. Die trotzdem beeindruckend große Schar seiner Fans, die härter sind als die von Schalke 04 und Bayern München zusammen, wurde belächelt. Doch jetzt, da "Jacko" fort ist, wollen die Mundwinkel nicht mehr so recht. Eine Welt ohne Michael Jackson? Hm. Das ist zumindest... komisch.

Plötzlich fällt auf, wie sehr dieses Phantom von Neverland doch zu unserem täglichen Leben gehörte. Genauso wie Madonna, Ikea oder die Tasse Kaffee am Morgen. Michael Jackson war immer da. Ob wir wollten oder nicht. Laut Umfragen hat der Popstar einen ähnlichen Bekanntheitsgrad wie Jesus.

"Ich bin anders als die anderen"

Im Radio läuft gerade Rihanna, aktuell erfolgreichstes Kind des R'n'B, der Verschmelzung schwarzer und weißer Musik, die vor allem auch Michael Jackson populär gemacht hat. Zuerst als Teil der Motown-Familie in den 70ern, und noch mehr ein Jahrzehnt später auf Solopfaden. Alicia Keys, R.Kelly, Beyoncé, sie alle bauen auf dem Fundament, das Jackson einst gegossen hat. Es gibt kaum einen Musiker, der den Einfluss von "MJ" nicht anerkennt - von Pop bis Rap, von Timbaland bis Bushido.

Musik würde sich ohne ihn nicht nur anders anhören, sie würde auch anders aussehen: Ob die Kinoqualität von "Thriller" oder das perfekte Design von "Scream", das bis heute das teuerste Musikvideo überhaupt sein soll, Jacksons Musik-Clips waren neu, aufregend und haben Standards gesetzt. Zudem fand der doppeldeutig-lustige Spruch "Ich bin anders als die anderen", mit dem Jackson im "Thriller"-Video seine Freundin auf dem Weg über den Friedhof warnt, bevor er zum Werwolf wird, bei Jugendlichen weltweit Anwendung.

Jackson, das ist die ultimative Show. Der Bombast seiner Tourneen ist legendär. Die Perfektion seiner Choreografien unerreicht. Der "Moonwalk", dieses gleitende Gehen, unvergessen. Und schließlich hat sich der "King of Pop" auf der Bühne schon genüsslich in den Schritt gegriffen, als Eminem und 50 Cent noch in kindlicher Unschuld "Alle meine Entchen" gesungen haben.

Weiße Socken, Silberhandschuh

Jacksons Fantasieuniformen haben die Mode genauso beeinflusst wie die weißen Socken zwischen schwarzer Hochwasserhose und schwarzen Schuhen, der Handschuh an nur einer Hand, die Pflaster an den Fingern, die Silbersocken. Und immer wieder der schwarze Hut. Bis heute wird der Jacko-Style kopiert, auf Laufstegen, auf Bühnen, auf der Straße. Popart-Künstler Andy Warhol hat Jackson porträtiert, und Jeff Koons hat ihn und seinen Schimpansen Bubbles einst als goldweiße Statue zur Kitschikone erhoben. Wenn es in Literatur oder Theater um Idole geht, hat Jackson immer einen Auftritt. Gleich neben Elvis und Marilyn. Der kleine schwarze Junge, aus dem eine weiße Diva wurde, ist aus unserem kollektiven Gedächtnis einfach nicht wegzudenken.

Und dann diese Songs: Jedes Kind der 80er Jahre kann sie mitsingen. Die Melodie und häufig sogar der Text sitzen bombenfest. Dazu musste man nicht mal eine Schallplatte besitzen - das sind diese runden, schwarzen Dinger mit Rillen, von denen Jacko Hunderte Millionen verkaufte. Jackson war im Radio so präsent wie kein anderer. Noch heute vergeht keine Minute, in der nicht irgendwo auf der Welt "Billie Jean", "Dirty Diana", "Beat it", "This girl is mine" oder "You are not alone" über den Äther schallen.

"Seien wir ehrlich, wer will denn sterblich sein", hat der seine Karriere betreffend niemals bescheidene Künstler einst prophetisch bemerkt. Zum Abschied vom König des Pop höre ich trotzdem eine andere Jackson: "You don't know what you've got 'til it's gone" (Du weißt nicht, was du hast, bis es fort ist) von Michaels Schwester Janet, inspiriert von Joni Mitchell. Und weil wir es jetzt wissen, werden wir es nie wieder los.

Abschiedsworte für Michael Jackson Michael Jackson, einer der weltweit größten Musikstars, ist in der Nacht zum Freitag gestorben. Überall wird um den King of Pop getrauert. Hier haben Sie die Gelegenheit, Abschied vom Ausnahmekünstler zu nehmen und ihm einen letzten Gruß zu hinterlassen. Zum Kondolenzbuch

 
 
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KOMMENTARE (10 von 27)
 
dmgroupie101 (29.06.2009, 13:11 Uhr)
Ehre, wem Ehre gebührt...
Ich muss sagen, dass ich lediglich eine MJ CD besitze (ja,es war schon eine CD). Aber auch ich war geschockt, von seinem Tod zu hören. Er war mein ganzes Leben da. Es gab ihn einfach und ich möchte seinem Lebenswerk auch nichts absprechen, denn seine Videos waren der Hammer, einige seiner Lieder waren es auch...und die nachfolgende MTV Generation hätte sich ohne MJ wohl nicht über so schön-kitschige Videos wie "Rush Rush" von Paula Abdul (mit Keanu Reeves)freuen dürfen. Er war halt ein Gigant...und das kann ihm keiner absprechen, und das Talent auch nicht, denn das ist keine Geschmackssache. Schade für ihn, dass er einen solchen Leidensweg hatte, und leider werden ihm viele Britneys, Amys und Co. folgen...RIP King of Pop
H.P. (27.06.2009, 13:03 Uhr)
Alles Gute Michael
Für mich war Michael Jackson zuletzt eine traurige Gestallt, der Angst hatte, zerbrochen an der Realität des Lebens. Das Leben ist halt ein auf und ab, man hat nicht immer den Erfolg den man sich wünscht.
Er wird wie viele Künstler unsterblich wenn er Tod ist.
Ich wünsche seiner Seele den Erfolg und die Ruhe, was er im realen Leben nie hatte und fand.
Alles Gute Michael.
jomimo (27.06.2009, 01:48 Uhr)
Höre seh roft "Rush Rush" von Miles Davis ...
weiß jemand hier im Forum, wie diese Songübernahme zustande kam?
hq79 (27.06.2009, 00:07 Uhr)
Geschichte wiederholt sich
Am Ende hatte die Welt einen gebrochenen Star. Er war medikamentenabhängig, der Realität entrückt, die Medien zogen nur noch über ihn her, seinen Zenit hatte er schon lange überschritten. Und dann starb er übergewichtig, von der Welt nur noch als billige Witzfigur wahrgenommen, alleine auf dem Klo.
Die Parallelen sind schon fast unheimlich.
Und heute ist der King of Rock unsterblich.
Der King of Pop wird ihm wohl in diese Unsterblichkeit folgen. Ohne ihn hätte die schwarze Musik die Brücke zu weißen Amerikanern vielleicht nie so schnell geschafft. Ohne ihn hätte MTv nie so einen Schub bekommen. Ohne ihn würden zahlreiche junge amerikanische Künstler nicht auf diese prägnanten Beats zurückgreifen. Der Sänger, Tänzer, Songschreiber wird den gebrochenen, skurrilen Mann überleben. So wie es bei Elvis schon der Fall war.
1valentino (26.06.2009, 22:40 Uhr)
@ appaz
Beruhigend das Sie mitfühlen können. Musikalisch sollten Sie aber die Zügel ruhig halten: Die meisten grossen Bands und Musiker wurden fremdproduziert, egal ob die Beatles oder Pink Floyd. Warum Sie Michael Jacksons grandiose, selbstgeschriebene Stücke postum aberkennen wollen, bleibt rätselhaft. Ist auch egal, der King of Pop wird von keinem Banausen zerredet werden können. Nicht musikalisch.
appaz (26.06.2009, 22:01 Uhr)
Es ist traurig, ...
wenn ein Mensch so früh stirbt. Noch trauriger ist in diesem Fall, dass dieser Mensch psycho-sozial offenkundig fehlgeprägt und fehlentwickelt war und seit vielen Jahren schon wie sein eigener Zombie wirkte.
Und: Selbst wenn die Beurteilung von Musik innerhalb gewisser Grenzen sicherlich auch Geschmacksache ist, kann man Michael Jackson m.M.n. auf gar keinen Fall als „Musiker“ und daher erst recht nicht als ‚großen Musiker‘ bezeichnen. - Um einer ungerechtfertigten Verklärung vorzubeugen, sollte man sich vielleicht darauf einigen, dass er ein passabler Entertainer gewesen ist, der (über eine gewisse Zeit!) in der Lage war, den sog. Massengeschmack ziemlich gut zu treffen.
Abschließend nochmals: Ich bedauere den allzu frühen Tod dieses Mitmenschen, leide auch an der Tragik seines Lebens mit. - Ich bin jedoch nicht der Meinung, dass Michael Jackson ein besonders „begnadeter ‚Künstler‘“ war und kann daher auch keineswegs nachvollziehen, dass der ein oder andere durch Jacksons Tod fast schon einen Kulturuntergang befürchtet.
Benkku (26.06.2009, 21:09 Uhr)
Drei Fragezeichen !!!
"... aber niemand hat die Popmusik in den 80zigern so gepraegt wie Michael Jackson."
.
Alles!!! aber auch Alles war bisher schon zur Genüge da gewesen, also hinreichend bekannt und als spezifisches Ideom unter Vollblutmusikern fast total ausgereizt worden.
Es sollte sich dank der Trägheit der Verbraucher für das große Geschäft nur noch ein bis dahin gewesener gewisser Nowbody finden, der dem musischen Erbe dazu verhalf, es in Verbrauchszahlen umzusetzen, also: Das kostbare Erbe von Roach, Monk, Parker, Baker, Mingus, Young, Coltraine, Kirk, Silver, Dolphy und vieler anderer schöde zu vermarkten. Der einschlägige Kapellmeister Quincy Jones (so einer US-Art Ralf Siegel), bot sich dafür an. So nahm das Unheil seinen Lauf.
1valentino (26.06.2009, 20:33 Uhr)
@Hans-aus -Genf
Wie meinen? Prince interessiert heute keinen Menschen mehr! Nur weil er sich in Londoner was-auch-immer-für-Läden mit seinem Pseudo-Funk-Soul-Bassgefrickel kleinem Publikum gegenüber versucht neu zu erfinden, kann er trotzdem Michael Jackson nie das Wasser reichen. Schluss mit dem Gefasel!
hraban (26.06.2009, 19:40 Uhr)
@Frank_aus_Genf
Natürlich ist grosse Masse kein Qualitätsbeweis. Ich als Musiker weiss das zu gut. Was Prince anbelangt, er ist halt auch ein Exzentriker und seine Musik etwas sperriger als die von MJ. Für Fans und Musiker ein absoluter Genuss, aber für die breite Masse nicht unbedingt geeignet und für die Industrie wahrscheinlich kommerziell nicht lukrativ genug. Trotzdem schade, dass er über die Jahre abgetaucht ist. Ich empfand ihn immer als so eine Mischung aus Jimi Hendrix, Michael Jackson und James Brown. Hat mir immer gut gefallen...
Benkku (26.06.2009, 19:09 Uhr)
Toots Thielemans.
Tut mir leid, ich kann den flotten Show's auch überhaupt nichts abgewinnen, bin ja auch keinesfalls für Choreografie zuständig. Ich versuche mir deshalb eben dessen musikalische Duftmarke, die der gesetzt haben sollte, auf eigene Weise zu erklären. Die Musik hat immerhin ein Mainstream!!!-Quincy-Jones gemacht. Das ist bekannt. Sogar Jean Toots Thielemans hat mit Quincy Jones eine Aufnahme gemacht. Das will was heißen! Heißt aber nicht alles.
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http://www.youtube.com/watch?v=CBneADO6cIk
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