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22. März 2008, 16:21 Uhr

Vom Strip-Club an den Sunset Strip

Sie war Oben-ohne-Tänzerin, jetzt gewann sie einen Drehbuch-Oscar. Die Hollywood-Rebellin Diablo Cody will unbedingt Spaß. Feministisch, versteht sich. Ist jetzt Schluss mit braven Mäuschen im Kino? Von Christine Kruttschnitt

Diablo Cody, 29, ist lässig, lustig und sehr direkt. So katapultierte sie sich vom ländlichen Minnesota ins Zentrum der Film- und Popwelt© Mario Anzuoni

Sie bog den Oberkörper nach hinten, tätschelte ihren nackten Busen und starrte auf ihre Reflexion in der Deckenlampe. "Es war wie im Film, dekadent, fast absurd, mich so zu sehen", schreibt Diablo Cody über ihre Erfahrungen als "untypische Stripperin". Sie saß auf dem Schoß eines ihr unbekannten Mannes im Nachtklub "Schieks" in Minnesota - sie war 24 Jahre alt, katholisch, Tochter einer Buchhalterin und eines Beamten. Und hingerissen von ihrem eigenen Anblick.

"Was für ein sexy Luder", bewertet sie staunend ihr Spiegelbild im Leuchter. "Ich hab mich nur an meinen Tattoos erkannt." Die konnte man auch außerhalb gewisser Etablissements bewundern, als Diablo Cody Ende Februar auf Hollywoods ehrpusseligster Party einen Oscar in Empfang nahm. Sie zeigte auf dem roten Teppich Bein und auf der Bühne dann Tränen der Rührung; Ersteres erstaunlich geschmackvoll für eine Frau, deren "Künstlername" an der Stripper-Stange einst "Bonbon" gelautet hatte, Letzteres verblüffend für einen Hollywood-Neuling, dem ein Ruf von juveniler Kaltschnäuzigkeit vorauseilt. Die mittlerweile 29-Jährige bekam den Preis für ihr kluges Drehbuch zur Komödie "Juno" (deutscher Kinostart: 20. März), die von einer Teenager-Schwangerschaft handelt und "damit im Prinzip so ist wie meine Zeit als Stripperin: etwas, das viele für tragisch halten, dem ich aber Humor abringen konnte".

"Juno"

Brook Busey heißt das fleischgewordene Hollywood-Märchen mit wahrem Namen: eine hübsche Person mit nachtschwarz gefärbten Haaren, die sich mit ihrem dito nachtschwarzen Witz aus Minneapolis, "der Stadt, die niemals erwacht", ins Zentrum der von ihr so geliebten Film- und Popkultur katapultiert hat. "Juno" ist das erste Drehbuch, an dem sie sich je versucht hat, und gleich der Hauptgewinn: ein rau-charmantes Lustspiel um eine Schülerin, die furztrockene Sprüche klopft und als eine Art Anti-Meg-Ryan hoffen lässt, dass in ihrem Fahrwasser wieder Kinoheldinnen reüssieren, die was anderes im Kopf haben als Sorgen ums Dellengewebe und den Mann, der nicht anruft.

Zeitgenössische Film-Lovestorys um diese "neurotischen Weiber, die immer nur heiraten wollen", findet Diablo Cody zum Erbrechen. Sie sei Feministin, ruft sie fröhlich - was ihr einerseits eine Menge neuer Drehbuchaufträge eingebracht hat (in Hollywood scheint der Gedanke neu zu sein) und andererseits ihre Lebensgeschichte noch ein bisschen schillernder macht. Denn auf ihre "solide feministische Sozialisation" habe sie erst mal "gepisst", schreibt sie, als sie durch Minneapolis’ Sexshops stöberte, um sich für die Stripper- Laufbahn auszustaffieren.

Diablo Cody gewann einen Oskar für ihr kluges Drehbuch zur Komödie "Juno"© AP Photo/ Chris Pizzello

Die Memoiren von "Candygirl"

Sie besorgt sich eine Federboa, zwölf Zentimeter hohe Stilettos und einen "dicken, grabschfesten String-Tanga", alles zusammen eine Investition von 45 Dollar - "als ich den Laden verließ, fühlte ich mich wie eine Nutte. Es war der beste Tag meines Lebens". Die Memoiren von "Candygirl" erschienen 2006 - da war Diablo Cody schon eine Internet-Berühmtheit, weil sie ihre Erfahrungen in Minnesotas Rotlichtviertel auf ihrem Blog "The Pussy Ranch" ausgebreitet hatte; den Titel der Webseite verweigern viele US-Zeitungen, weil er zu anzüglich ist: "Pussy" gleich "Muschi". Dort berichtete sie von ihrem ersten Auftritt als Oben-ohne-Tänzerin ("Es fühlte sich bizarr an, schließlich war ich ein Mädchen, das immer nur im Dunkeln vögelte") und gab Tipps für Anfängerinnen ("Die schlechtesten Pseudonyme für Stripperinnen: Chlamydia, Placenta und Fatwa"). Diablo Codys Erzählstil ist eine Mischung aus brüsker Offenheit und unwiderstehlichem Witz - sie beschreibt ihre Zeit auf Männer Männerschößen und vor feuchten Peepshow-Kabinen als Abenteuer, auf das sie sich nur einließ, weil bis dato alles so ordentlich gelaufen war in ihrem Leben.

Übernommen aus ... Stern Stern
Ausgabe 12/2008

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KOMMENTARE (2 von 2)
 
Dewerth (23.03.2008, 09:03 Uhr)
Ist jetzt Schluss mit...
...braven Mäuschen im Kino? Fragt wie immer kenntnisarm der Stern. Zur Kenntniserweiterung: Mit braven Mäuschen war schon in den dreißiger Jahren Schluss! Da war eine wie Mae West auf der Leinwand. Der Schrecken der Männer. Mae West war berühmt für ihr loses Mundwerk. Von ihr sind zahlreiche Zitate bekannt, die in den 30er Jahren fast sprichwörtlichen Charakter hatten: „Is that a gun in your pocket, or are you just happy to see me?“ - Später gab es Frauen wie Joan Crawford, Bette Davis, Marlene Dietrich, Lauren Bacall, und gut 2o Dutzend andere bis in die Gegenwart, die dieses eint: Sie waren und sind niemals brave Mäuschen von Hollywood gewesen. Mal gespannt, wer in zwei Jahren noch was mit dem Namen Diablo Cody anfangen kann. Ich wünsche es ihr.
Caroline-NL (22.03.2008, 21:40 Uhr)
frecher Feminsmus
Freut mich ja, wenn der freche Feminismus in den USA weiter voranschreitet.
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